Posts mit dem Label Psychosen werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Psychosen werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Dienstag, 14. September 2010

Die Manipulations-Strategien des Gregory Bateson

Metalog-Technik, Zukunftswerkstätten und Pseudowertschätzung «indigener» Kulturen
ts.

Der US-Amerikaner Gregory Bateson, von der europäischen Zukunftswerkstättlerszene hochgepriesener Guru, entwickelte in einem Kreis von «Auserwählten», der Gruppe von Palo Alto, militärisch nutzbare kommunikationstheoretische Denkmodelle, deren zivile Abfallprodukte heute zum Teil in den Alltagswortschatz eingesickert sind, so etwa die Begriffe der «Metakommunikation» und des «double bind». Auch der Begriff «Metalog», den die Strategen der «Zukunftswerkstätten» verwenden, stammt von Bateson und bedeute etwas so Harmloses, wie dass der Inhalt eines Gesprächs immer auch mit der Form des Gesprächs verbunden sein solle. Bateson war unter anderem in der Erforschung und Therapie von Schizophrenie tätig. Er zeigte auf, unter welchen Bedingungen Menschen schizophren werden können, also geistig so verwirrt werden, dass sie in eine Psychose abgleiten und den Lebensalltag nicht mehr zu bewältigen in der Lage sind. In der Mainstream-Literatur zu Bateson wird diese seine Arbeit hochgelobt als zum Wohle von Menschen ausgeübt, insbesondere von psychisch Erkrankten. Auch die Arbeit im kalifornischen Esalen habe ihn nicht zum Esoteriker werden lassen, sondern seine Kenntnisse von Gruppendynamik und Grossgruppensteuerung vertieft, heisst es mainstreammässig über ihn. So weit, so gut.

Schizophrenieforschung – wozu?
Liest man aber den nebenstehenden Text von David H. Price über die Aktivitäten von Bate­son für den OSS (Vorläufer der CIA) während des Zweiten Weltkrieges und seine Vorschläge, wie auch nach dem Krieg die Kolonialvölker besser unten zu halten seien, als dies die Briten und die Holländer je geschafft hätten, kommen einem so gelinde Zweifel auch ob der Integrität des Forschers Bateson im Gebiete der Psychologie. War es militärisch nicht interessant, die Ergebnisse der Schizophrenieforschung zu verwenden, um zum Beispiel Kriegsgefangene zu zerrütten und in den Wahn zu treiben, um sie dann wieder neu aufzubauen – oder ganze Bevölkerungsgruppen in «Feindstaaten», ja, auch im eigenen Land? So wie Bateson seine anthropologischen Kenntnisse nicht für, sondern gegen die Menschen verwendete, muss angenommen werden, dass im kalten Krieg und wohl auch heute noch Machtstrategen die Erkenntnisse seiner Schizophrenie- bzw. Zerrüttungsforschung gegen die Menschen einsetzen. Zum Beispiel in Europa, wo sich Angriffe mit Kampfbombern definitiv nicht eignen, um die Herrschaft von Uncle Sam zu festigen. Aber Aspekte des «Psywar», der psychologischen Kriegsführung, der Manipulation und Steuerung von Menschengruppen in die Richtung, welche sich der Usurpator wünscht, sind zu erwarten.

Unerwartete Ehrfurcht vor Traditionen
Haben das die PR-Berater und Spin-doctors etwa eines Steinbrücks in den USA gelernt? Dass man zum Beispiel der Schweiz nicht mit der Kavallerie drohen darf, weil sich dann die Reihen schliessen, sondern der Aggressor «smarter» vorgehen soll? Eben über «Zukunftswerkstätten», aber auch über die Unterstützung des einheimischen Brauchtums? Gregory Bateson hätte seine liebe Freude an dieser plötzlich scheinbar wie natürlich aufkeimenden «Hochachtung» und «Wertschätzung» der Gebräuche und Feste der «Eingeborenen», so wie er in seinem Paper für den OSS ja auf das Beispiel der Sowjets und ihrer sibirischen Untertanen verweist, wo gerade wegen des Zulassens ­indigenen Brauchtums keine Aufstände zu verzeichnen gewesen seien.

Bateson-Strategie statt Frankfurter Schule?
Die Sache ist zweischneidig: Natürlich freut es einen, wenn wir Schweizer stolz auf unsere Geschichte und Tradition auch unsere Feste feiern können, vor allem nach all den Jahren der Angriffe, zuerst von der US-Ostküste und Tel Aviv her, dann von der eigenen 5. Kolonne um den zweifelhaften Professor Bergier, erneut wieder von der City of London und der Wallstreet, wiederum sekundiert durch etwas, was sich Schweizer Linke schimpft. Links und urban, heute offensichtlich synonym mit «Lakaien der Hochfinanz». Und auch in Deutschland werde im SWR-Radio nun neu wieder den deutschen Volksliedern in ihrer ursprünglichen Form Senderaum gewährt. Offensichtlich hat der Ansatz von Bateson jenen der Frankfurter Schule mit ihrer Verächtlichmachung von europäischen Werten als angeblichen ­Sekundärtugenden des Faschismus, worunter auch das Singen von Volksliedern zählte, abgelöst. Genauso wie in Afghanistan der neue Oberbefehlshaber General David H. Petraeus eine Kampagne zur Gewinnung von «Hearts and Minds» der weiterhin zu Unterdrückenden gestartet hat – und dies kurz nach der sogenannt «überraschenden» Entdeckung der immensen Bodenschätze in diesem kriegsgeschundenen Land. In seiner Ansprache an die Militärangehörigen vom 27. Juli 2010 mit dem Titel «COMISAF’s Counterinsurgency Guidance»1 befiehlt der General unter anderem etwa, die Soldaten sollten doch bitte die Sonnenbrille abnehmen, wenn sie mit der Bevölkerung sprächen, sich wie gute Gäste benehmen, und die eigenen Aktionen immer mit den Augen der Afghanen zu sehen – also ganz nach dem Motto von Gregory Bateson’s Aufruf zur «berechnenden Empathie» …

Um was geht es wirklich?
Und was in der Schweiz weckt die Gier der Machtstrategen? Das Wasserschloss Gotthard? Die schöne Landschaft als Ferienressort? Immobilien? Transportkorridore? Die Alpen als Übungskulisse für die Hindukusch-Krieger? Die «archaischen Sennen» als Kanonenfutter im weltweiten Krieg um Ressourcen? Wie einst unter Napoleon? Oder soll die Schweiz schlicht und einfach als angelsächsischer Stützpunkt in einem EU-Europa dienen, von dem man nie weiss, ob es vielleicht doch mal mit Russland Freundschaft schliessen wird? Was das Ende der Wahnidee von Geostrategen à la Mackinder und Brzezinski bedeuten würde, die Welt sei nur zu beherrschen, wenn man die Weltinsel Eurasien beherrsche, und die beherrsche man nur, wenn man einen Keil zwischen Russland und Europa treibe und Europa als Vasall im Griff halte.

Nein zur Visionitis – Ja zur direkten Demokratie
Aber genauso wie sich Napoleon verrechnet hatte und 1803 dank des Widerstandes vor allem der Innerschweizer Kantone, also der ländlichen Schweiz, mit der Mediationsakte zurückbuchstabieren, den Zentralismus aufgeben und den Föderalismus zulassen musste; genauso wie Hitler mit einem Blutzoll von 700 000 toten Wehrmachtsoldaten rechnen musste, um die Operation Tannenbaum, die Eroberung der Schweiz, in Angriff zu nehmen – was ihn zurückschrecken liess –; genauso wie die Schweizer Bevölkerung sich von den Apokalyptikern bezüglich EWR-Nein nicht aus der Ruhe bringen liess und sich auch heute partout nicht in den Moloch EU pressen lassen will; – genau so wird der Schweizer Souverän in Kenntnis der Hintergründe und der Dunkelmänner sich vom grossen Geld nicht kaufen lassen und ein dreifaches Nein aussprechen: ein Nein zur Fusionitis, ein Nein zur Agglomeritis und ein Nein zur Visionitis, den sogenannten Zukunftswerkstätten! Dagegen zu halten ist ein dreifaches Ja: ein Ja zur direkten Demokratie als Friedensmodell und Modell des sozialen Ausgleiches, ein Ja zur immerwährenden bewaffneten Neutralität und ein Ja zur humanitären Schweiz als Depositarstaat der Genfer Konventionen und zu den Guten Diensten!

1 www.isaf.nato.int/article/news/isaf-scr-weekly-operational-update-highlights-comisafs-coin-guidance.html

Zukunftswerkstättler preist Manipulationstechnik von OSS-Agent Gregory Bateson
ts. Christoph Mandl, europäische Referenzfigur der Zukunftswerkstättler, verweist in seinen Schriften nicht nur auf den Eugeniker, Neo-Malthusianer und Tiefenökologen Garrett Hardin, sondern auch auf Gregory Bateson, ehemaliger OSS-Agent (Vorläufer der CIA) und das Mastermind der Grossgruppenführungstechnik.
So schreibt Mandl schon im Jahr 2000 über Batesons Manipulationsstrategie des sogenannten «Metalogs»:
«Die Definition des Metalogs von Gregory Bateson passte perfekt: ‹Ein Metalog ist ein Gespräch über ein problematisches Thema. In diesem Gespräch sollten die Teilnehmer nicht nur das Problem diskutieren, sondern die Struktur des Gesprächs als Ganzes sollte auch für eben dieses Thema relevant sein.›»

Quelle: Christoph Mandl, Mandl Lüthi & Partner, und Josef M. Weber, Attems & Weber.
Metalog-Konferenzen – eine Innovation aus Österreich. In: TRAiNiNG Nr.1/Feb. 00’, Seite 33. www.metalogikon.com/files/pdf/metalogkonferenz_magazintraining.pdf

Dienstag, 11. Mai 2010

Politische Psychiatriesierung

von E2200 @ 2008-07-27 – 16:04:02

Diagnose 'Totalschaden' - doch bei wem?
Die Psychiatrie, die sich selbst als Teilbereich der Medizin bezeichnet, ist zwangsläufig eine Art außergesetzlicher sozialer Kontrolle und pseudomedizinischer staatlicher Macht, jenseits der Gesetze und mit Befugnissen, die das Recht und all seine Garantien für das Individuum übergehen, außer Kraft setzen und für null und nichtig erklären, sogar dem Gesetz widersprechen.
Der Zweck ist Machtgier und ein unglaubliches Maß an kurzsichtiger Dummheit. Gepart mit skrupelloser Menschenverachtung.

Nützliche Informationen über die Mentalpsychologie und Psychologie.
http://www.mentalpsychologie-netz.de/informationenzu/psychiatrie/schoeneneuewelt.php4

Teil 1 Schöne neue Welt
'Brave new world', Aldous Huxley ( 1894-1963),
'Brave new world', 1932 erschienen, hieß der bekannte Zukunftsroman des englischen Wissenschaftlers und Literaten Aldous Huxley ( 1894-1963),
sein prophetischer Alptraum einer übertechnisierten und entindividualisierten Welt, in der die Versklavung der Massen mit einem durch die Droge 'SOMA' garantierten und genormten Glück Hand in Hand gehen. 1959 veröffentlichte er 'Brave new world revisited' (deutsche Übersetzung: 'Wiedersehen mit der Schönen neuen Welt', späterer Titel: '30 Jahre danach'). Huxley maß seine Visionen der 30er Jahre an der Realtität der späten 50er und kam zu dem Schluß, daß ein Teil längst bittere Wirklichkeit geworden war.Hierzu zählte er die Manipulation des Menschen durch 'SOMA'. Wäre es Huxley vergönnt gewesen, noch '60 Jahre danach' zu schreiben, hätte er vermutlich den Boom an Tranquilizern für den Aufbruch in ein realisiertes modernes Soma-Zeitalter gehalten.

Wie die Medizin und insbesondere die Psychiatrie mit Kritikern umgeht:
Und wehe es ist jemand nicht so für diese schöne neue Psychiatrie- und Chemiewelt, sei er nun aus den eigenen Reihen oder aus einem anderen Fachgebiet. Der wird mit den übelsten Methoden sogleich niedergemacht. Denn nichts vertragen sie so schlecht, wie Kritik an ihrer Unfehlbarkeit, die selbst ernannten “Götter in Weiß”

Ein illustratives und gleichwohl beliebig austauschbares Beispiel eines vermutlich selbst schwer gestörten Experten bot der Facharzt für Psychotherapeutische Medizin (Name bekannt) aus Freiburg. Der Psychotherapie-Arzt, dessen Approbation es ihm per Gesetz erlaubt, über die psychische Gesundheit anderer zu befinden, offenbarte sein eigenes verzerrtes Weltbild in einem Leserbrief mit dem selbst gewählten Titel: 'Totalschaden' und der Forderung, die Redaktion der Zeitschrift 'Psychotherapie' in lebenslange Sicherungsverwahrung zu stecken: Die kritisch-sachbezogene und wissenschaftlich fundierte Aufklärung in 'Psychotherapie' attackierte der Arzt neben weiteren Verbalinjurien mit den Worten, 'Aufmachung und Inhalt scheinen [...] von Leuten verbrochen, die aufgrund eines ausgeprägten Dachschadens auf Dauer weggeschlossen gehören'.

Verständlich, dass es angesichts dieser Realität nicht immer leicht fällt zu beurteilen, wer tatsächlich verrückt ist, Klient oder Therapeut. 'Ein geschickter Therapeut hat keine Schwierigkeit, über mich ein Gutachten zu erstellen, das mich als therapiebedürftig qualifiziert', kritisierte Ellis Huber am 21. August 2001 im Interview mit PSYCHOTHERAPIE den regelhaften Missbrauch, den Psychotherapeuten und Psychiater in und mit ihrem Beruf betreiben.
Diagnose 'Totalschaden' - doch bei wem?

Ideologisches Fehlgeleitetsein, psychotische Wirklichkeitsverkennung oder Ignoranz infolge destruktiver Triebstruktur, das sind Etikettierungen, die viele Psychiater, die pharmazeutische Industrie und die von ihr mit teuren Anzeigen gesponserten Fachzeitschriften für die Warner vor unkalkulierbaren Risiken psychiatrischer Anwendungen parat haben, die sie für segensreich, einzigartig effektiv zu preisen keine Mühen und Kosten scheuen.

Psychiater sprechen in der Öffentlichkeit im wesentlichen von positiven Erfahrungen, Kritiker/Innen lassen sie in aller Regel nicht zu Wort kommen, nicht in ihren Einrichtungen, nicht in ihren Zeitschriften, nicht auf ihren Veranstaltungen. Sie sprechen von Elektroschocks, die keine Schäden anrichten, von Neuroleptika und Antidepressiva, die nicht abhängig machen, von geringen Risiken, die zudem erst nach langer Zeit der Verabreichung, unter hohen Dosen und vorwiegend bei vorgeschädigten älteren Menschen in Einzelfällen auftreten.
Eine Profession, die so wenig Kritik erträgt und - so viel soll vorweggenommen sein - Risiken und Schäden derart bagatellisiert, sollte sich nicht wundern, wenn davor gewarnt werden muß, ihr weiterhin Vertrauen entgegenzubringen.
B.R.[*11]
Anm.: Zu den Themen 'Warum Medizin keine Naturwissenschaft ist', 'Mythos Medizin' und 'Mythos Psychiatrie' habe ich umfangreiche Archive aufgebaut. Teilweise auch e-Publikationen dazu erstellt. Ebenso zu 'Krebswelt' , 'Pharmamafia' usw.
Wo man auch hinsieht in diesem Land: Machtkartelle über Machtkartelle....Die Wahrheit oder Redlichkeit bleibt dabei gewöhnlich auf der Strecke.

Teil 2 Politische Psychiatrie

Politik und Diagnose: Politische Psychiatrie 1-2

II Politik und Diagnose am Beispiel der Psychiatrie

In der Psychiatrie begegnen sich, wie es scheint, Extreme und zwar in einer Weise, die in der Medizin einzigartig ist. ... , andrerseits praktiziert sie in einer Bereitwilligkeit kaum Zumutbares an Staatsexekutive, das man an der regulären Exekutive selten beobachten dürfte, angefangen mit der sog. Euthanasie und der Durchsetzung des Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses bis in die Gegenwart, in der die sowjetische Psychiatrie weltweites Aufsehen erregt, weil sie, wie es scheint, bereit ist, politische Abweichung als antisoziale Einstellung und diese als geisteskrank zu werten, die Regimegegner in ihren Heilanstalten zu internieren und dort unter Verschluß zu halten oder sogar zu behandeln. [ Paul LÜTH: Medizin als Politik, 1976]

Diagnostische Etikettierung

Innerhalb des Rahmens der medizinischen Denkweise wird das diagnostische Etikettieren als wissenschaftlicher Vorgang des Einordnens angesehen.

....Bei dieser diagnostischen Etikettierung hat sich zwischen verschiedenen Psychiatern und Diagnostikern eine Übereinstimmung nur auf der allgemeinen Ebene abstrakter Kategorien wie Psychose oder organische Erkrankungen ergeben. Dieser Mangel an Übereinstimmung, zusammen mit der logischen Folgerung der Ungeeignetheit medizinischer Modellvorstellungen bei der geistigen Gesundheit, erweckt natürlich erhebliche Zweifel an dem Wert der medizinischen Einstellung sowie der wissenschaftlichen Gültigkeit solchen Etikettierens.

Auf dem Gebiet der geistigen Gesundheit wird das Etikettieren immer mehr in Frage gestellt, weil die Wahl der richtigen Pille oder der richtigen Behandlung im Sinne der Diagnose nur dann als angemessen gilt, wenn das Krankheitsmodell gültig ist.

Und doch bleibt die die Macht des Etikettierens auf dem Gebiete der geistigen Gesundheit bestehen, und die Praxis stellt sich äußerst langsam auf neue Einsichten um, weil sie aus dem festgefahrenen Beglaubigungswesen der Spezialisten auf diesem Gebiet nicht herauskommt.

Außer der 'Kunst' des Katalogisierens geistiger Krankheiten, die der Psychiater in seiner medizinischen Ausbildung lernt, muss man bei ihm auch mit der Möglichkeit rechnen, dass er in seiner Person auf Wertungen der Gesellschaft reagiert und den herrschenden gesellschaftlichen Strömungen folgt. So hat GOFFMAN erkannt, dass die Symptomatologie der sog. Geisteskrankheiten mehr mit der Struktur der gesellschaftlichen Ordnung als mit der Natur der 'Geisteskranken' zu tun hat.
In einer neueren Untersuchung sind am Adolf-Meyer-Center diagnostische Etiketten untersucht worden. Aus Vergleichen dieser Art geht hervor, dass die Praxis des Etikettierens von der Definition der Probleme und dem allgemeinen gesellschaftlichen Klima ebenso entscheidend abhängt wie von der wissenschaftlichen Krankheitslehre.

Da die Diagnostiker selbst vielleicht auf persönliche Wertvorstellungen, auf herrschende soziokulturelle Missstände und sogar auf gesellschaftspolitische Konflikte reagieren, wenn sie Geisteskrankheiten diagnostizieren, bleibt der Wert der Diagnose für die Heilung des Patienten fraglich.

Wobei schon genau genommen der Begriff 'Geisteskrankheit' ein Mythos ist.
1. Genau genommen können Krankheiten nur den Körper affizieren; daher kann es keine Geisteskrankheiten geben.
2. 'Geisteskrankheit' ist eine Metapher. Ein Geist kann nur in dem Sinne 'krank' sein wie Schwarzer Humor 'krank' ist oder die Wirtschaft 'krank' ist.
3. Psychiatrische Diagnosen sind stigmatisierende Etiketten; sie sollen an die medizinische Diagnosepraxis erinnern und werden Menschen angehängt, deren Verhalten andere ärgert oder verletzt.
4. Gewöhnlich werden Menschen, die unter ihrem eigenen Verhalten leiden und darüber klagen, als 'neurotisch' und jene, unter deren Verhalten andere leiden und über die sich andere beklagen, als 'psychotisch' bezeichnet.
5. 'Geisteskrankheit' ist nicht etwas, was eine Person hat, sondern etwas, was sie tut oder ist.

U.a. [Josef RATTNER (Hrsg): Wandlungen der Psychoanalyse][]

Die Beherrschung des 'Patientenguts' funktioniert im medizinischen Bereich reibungslos, wo Menschen willig und bereit sind, die Patientenrolle zu spielen, damit die Ärzte den Diagnostiker und Therapeuten spielen können. Das Autoritätsverhältnis zwischen beiden Seiten ähnelt dabei der Beziehung, die in der religiösen Welt des Mittelalters zwischen Priester und Gläubigen bestand.

Nichts hassen die modernen Mediziner dagegen so sehr wie Patienten, die sich weigern, brav die Patientenrolle zu spielen. [und unverschämterweise auch noch eine eigene abweichende Meinung von der 'Ihrigen'= 'Schulmedizindogmatismus' haben.]

Prototyp solcherart unwilliger Patienten ist für SZASZ in den sechziger Jahren die 'delinquente' Jugend. Studentenprotest wird von gar nicht wenigen Psychologen und Psychiatern als Ausdruck einer grundlegenden charakterlichen Deformation gewertet, an der die jungen Leute leiden. Für Szasz leiden aber weniger die unruhigen jungen Leute daran als vielmehr Schulleiter, Universitätsrektoren und Psychiater. Aus deren Sicht ist die Unwilligkeit der Jungen, sich in die Krankenrolle zu begeben und damit den Ärzten auszuliefern, ein gefährliches Zeichen. Die besorgten Warnungen lassen ahnen, wohin sie die Gesellschaft im ganzen ziehen möchten; den Individuen soll das unveräußerliche Recht auf Leiden verweigert werden, sich standardisierten Behandlungen zu unterziehen, die vom bürokratischen Staat im Namen von Freiheit und Gesund-heit verabreicht werden. [Szasz zit. nach http://userpage.fu-berlin.de/psy/FT/szasz.html][]

Genau in diese Denkweise paßt auch der damalige Fall des Dr. Wolfgang Huber.
”Fatal für die bundesdeutsche Justiz und Psychiatrie war auch das Vorgehen gegen den Gründer des sog. Sozialistischen Patienten-Kollektivs (SPK) in Heidelberg, Wolfgang Huber. Das Landgericht Karlsruhe richtete unterm 10.05.1972 an die Psychiatrische Abteilung des Vollzugskrankenhauses auf dem Hohenasperg folgende erstaunliche Anfrage:

'Unterstellt, jemand lehne die Rechts- und Wirtschaftsordnung der Bundesrepublik ab, stelle sich in bewussten Gegensatz zu ihren Wirtschaftsstrukturen und begehe Straftaten, um sie zu verändern: Könnte nach den anerkannten Regeln der Psychiatrie darin allein schon ein ausreichender Hinweis darauf gefunden werden, daß ein solcher Beschuldigter an einer Bewußtseinsstörung, krankhafter Störung der Geistestätigkeit oder an einer Geistesschwäche leidet?'
Vielleicht darf noch hinzugefügt werden, dass kein geringerer als der damalige Heidelberger Ordinarius für Psychiatrie, W.v. Baeyer, Mitverfasser übrigens einer 'Psychiatrie der Verfolgten' (1964), am 17.8.1971 vor der Polizei aussagte, der angeschuldigte Dr.med. W. Huber habe sich ihm gegenüber bei der Visite 'respektlos und vorwurfsvoll verhalten', Hubers Vorwürfe hätten sich aber 'hauptsächlich gegen die an der Klinik betriebene Psychiatrie' gerichtet. W.v. Baeyer kam zu dem Schluß: 'Hinsichtlich einer etwaigen psychischen Störung des Herrn Huber möchte ich nicht sagen, dass er geisteskrank im engeren Sinne ist, vielmehr dürfte seine Persönlichkeitsentwicklung abnorm verlaufen sein, etwa in der Entwicklung zu einem fanatischen Psychopathen.' [ Dr.med.Paul LÜTH: Medizin als Politik][]

Genauso die Praktiken der sowjetischen Psychiatrie. Bevorzugte Diagnosen weltweit der Psychiatrie in solchen Fällen: 'Schizophrenie', was immer darunter verstanden sein mag, 'Psychopathie' und 'abnorme Persönlichkeitsentwicklung'.

Das entspricht genau den Präzisierungen W.v.Baeyers, die übrigens auch in einer Aussage eines seiner Mitarbeiter vor dem Landeskriminalamt Baden-Württemberg vom 13.8.1971 erscheinen: 'Es handelt sich bei Dr. Huber sicher um eine zu paranoid-projektivem Verhalten neigende Persönlichkeit, die von unbewußten Affekten gesteuert wird... Allerdings kann man die politisch-ideologischen Zielsetzungen gerade auch im Bereich der Psychiatrie, die Dr. Huber vertritt, nicht per se als krankhaft bezeichnen, sie haben vielmehr, was zu seiner Person auch paßt, utopischen Charakter.' [wie 4][]
Diagnose als Urteil:
Nirgends wird so deutlich, dass Diagnose Urteil meint, soziales Urteil, wie in der Psychiatrie.
.... Und so stört die Justiz auch nicht, daß beispielsweise in der Aussage W.v. Baeyers überdeutlich klar wurde, daß W.v. Baeyer den Angeschuldigten vor allem deshalb für geistig nicht voll gesund hielt, weil dieser Kritik an seiner Klinik und seinen klinisch-psychiatrischen Methoden übte.

Die Verschränkung der Psychiatrie mit staatlicher Macht ist ebenso alt wie die Psychiatrie selbst. FOUCAULT, DÖRNER, CASTEL, SCHEFF und andere haben in der nötigen Ausführlichkeit klar machen können, dass die Psychiatrie, seit ihrer Geburt als 'medizinische Wissenschaft', nicht nur einen therapeutischen Auftrag übernahm, sondern darüber hinaus auch die ihr vom Staat zugewachsene Aufgabe der 'Ausgrenzung der Unvernunft.' In der Praxis kam sie dieser Aufgabe nach durch die Schaffung jeweils zeitgemäßer Institutionen sowohl der ärztlichen Behandlung als auch der sozialen Kontrolle usw., wissenschaftlich dadurch, dass sie ihre Krankheitsbegriffe an diese Praxis anpasste und diese so auch theoretisch abstützen konnte. In jüngster Zeit haben GÜSE und SCHMACKE die von Foucault und Dörner bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts vorgetriebene Analyse bis 1945 weitergeführt und dabei auch Praxis und Begriffsgerüst der gerichtlichen ('forensischen') Psychiatrie im deutschen Sprachraum untersucht. In allerneuester Zeit kann man u.a. auch Ernst KLEE mit seinen 'Psychiatriereports' dazu zählen.

Zieht man aus diesen wohl dokumentierten Arbeiten eine Quintessenz, so ist man versucht zu sagen, dass die Verwendung der Psychiatrie zu politischen Zwecken (genauer gesagt, psychiatrischer Zwangsmittel und des diese rechtfertigenden Begriffsapparates) für diese Wissenschaft bisher nichts Zufälliges, Beiläufiges, Äußerliches war, sondern ein wesentlicher Teil ihres gesellschaftlichen Auftrages, soweit dieser immer auch auf die Ausgrenzung und Unterdrückung dessen hinauslief, was der Staat und die durch diesen repräsentierten gesellschaftlichen Mächte als 'Unvernunft' definierten. Missbrauch und (Gebrauch der) Psychiatrie wären somit, zum Teil wenigstens deckungsgleich.

Samstag, 9. Mai 2009

Die Pathologisierung der Bevölkerung

Neue Wahnvorstellung: Leben als TV-Show

Von Hubertus Breuer.

Noch ehe der junge Mann die Lobby des Art-déco-Wolkenkratzers am Broadway im Süden Manhattans betreten hatte, fühlte er sich beobachtet. Das ist nicht schwer in New York. An vielen Kreuzungen überwachen Kameras das Kommen und Gehen, Polizeihelikopter kreisen über den Häuserschluchten, Boote der Küstenwache patrouillieren auf dem Hudson und dem East River. Zudem stehen an Strassenecken immer wieder Filmteams, und mit Fotoapparaten und Fotohandys ausgerüstete Touristen fallen täglich in Heerscharen in die Metropole ein.
Doch als er den Lift betrat, in den 35. Stock fuhr und schliesslich dem Psychiater Joel Gold in einem kleinen Eckzimmer mit Blick über die schwungvolle Brooklyn Bridge gegenübersass, da glaubte er immer noch, dass jedes seiner Worte und jede seiner Bewegungen aufgezeichnet würden. Gold, der gewöhnlich im Bellevue-Spital der New York University arbeitet, hielt er nicht für einen Arzt, sondern für einen ziemlich guten Schauspieler. Sein ganzes Leben, so glaubte der Besucher, liefere das Rohmaterial für eine Realityshow mit Millionenpublikum. Und er wünschte sich sehnlich, dass die Sendung endlich abgesetzt würde.

Macht Technik die Leute verrückt?
Drehten sich Wahnvorstellungen früher oft um allmächtige Geheimdienste, unheimliche kosmische Strahlen oder göttliche Visionen, machen sich heute vermehrt Hightech und Medien in den Köpfen breit. Psychiater präsentieren an Kongressen und in Fachjournalen Psychosen, die Internet, Computer, Mikrochips, Fernsehen oder Mobiltelefon integrieren. Realityshows, welche die Teilnehmer auf Schritt und Tritt verfolgen und Bild und Ton sogleich in die weite Welt ausstrahlen, sind prädestiniert, Material für solchen Wahn zu liefern. Während Psychiater sicher sind, dass sich mit dem kulturellen Umfeld auch die Geisteskrankheiten wandeln, debattieren sie nun, ob moderne Technik nur neuen Stoff liefere oder ob sie womöglich manchen verrückt mache, der sonst gesund geblieben wäre.

Eine gediegene Wohnzimmeratmosphäre umgibt Gold. Über einem kleinen Mahagonischreibtisch hängen Fotos befreundeter Fotografen, über dem Sofa ein falscher Pollock. Im Regal steht, zwischen Medizinbüchern, eine Porzellanbüste, die auf dem Kopf nach der historischen Lehre der Phrenologie Charaktereigenschaften markiert. Hier empfing Gold 2004 erstmals einen Patienten, der vom Wahn berichtete, seine Welt sei eine einzige Inszenierung für das Fernsehen.

Leben in einem Trugbild
Vier weitere mit ähnlichen Symptomen folgten – alle gut ausgebildet, männlich, im Alter von 25 bis 34 Jahren. Die Diagnosen fielen unterschiedlich aus. Einer war manisch-depressiv, ein anderer schizophren, ein Dritter erlebte psychotische Schübe durch Drogenkonsum. Doch sie teilten die Wahnvorstellung, in einer Welt zu leben, wie sie der Kinofilm «Die Truman-Show» von 1998 porträtierte. In dem Streifen entpuppt sich das Leben des von Jim Carrey gespielten Truman Burbank als ein aufwendig produziertes TV-Trugbild.
Drei von Golds Patienten erwähnten den Film ausdrücklich. Deshalb nannte der Psychiater das Phänomen Truman-Show-Wahn. Inzwischen hat Gold von Kollegen von fünfzig weiteren Patienten gehört, darunter Frauen und ältere Personen, ein Fall wurde letztes Jahr im «British Journal of Psychiatry» publiziert.

Beliebte Wahnthemen
Technik und Medien sind beliebte Wahnthemen, sie tauchen bereits im 19. Jahrhundert auf. So schilderte der schizophrene Friedrich Krauss in seinem fast 1400 Seiten füllenden autobiographisch gefärbten Pamphlet «Nothschrei eines magnetisch Vergifteten» (1852) und in «Nothgedrungene Fortsetzung meines Nothschrei» (1867) die fixe Idee, Opfer einer von Regierung, Ärzten und Industriellen angezettelten Verschwörung zu sein. Deren perfides Mittel: ihn mittels eines Apparats aus der Ferne zu magnetisieren, was, nach Krauss, zur «Entlebensgeisterung» führe. Der Psychoanalytiker Viktor Tausk veröffentlichte 1919 das Buch «Der Beeinflussungsapparat», in dem er den Fall der Wiener Philosophiestudentin Natalija A. dokumentiert, die sich von einer Maschine ferngesteuert wähnte.
Später gesellten sich als Wahnphänomene Röntgenapparat, Telefon, Film und Radio hinzu, die in der wirren Fantasie mancher Patienten Befehle aussandten oder der Überwachung dienten. In jüngster Zeit haben auch die Computerrevolution und das Internet ihre Spuren in Wahnideen hinterlassen. So berichteten Psychiater von der University of Texas Mitte der Neunzigerjahre von «dentalen Illusionen». Zwei Patienten bestanden darauf, dass in einem ihrer Zähne ein Mikrochip implantiert sei. Einer sendete angeblich ständig «Radio-, Gravitations- und Kurzwellen» aus.

Internetwahn verstärkt sich
Auch Internetwahn tritt seit Ende der Neunzigerjahre vermehrt auf. Ein Mann sah sich durch das Netz so kontrolliert, dass er aus Verzweiflung einen Selbstmordversuch beging. Ein anderer hielt sich für einen mächtigen Webmaster, der allein mit seiner Gedankenkraft durchs Internet surfen und Webseiten manipulieren konnte. Und eine österreichische Patientin hielt sich für eine Webcam: Sie meinte, alles, was sie sehe, werde automatisch im Internet verbreitet. Für Gold ist der Truman-Show-Wahn nicht einfach ein weiteres Beispiel technisch inspirierter Hirngespinste, sondern etwas Eigenständiges. So wie etwa das Capgras-Syndrom (der Glaube, dass Personen im nächsten Umfeld durch Doppelgänger ausgetauscht wurden) oder das Fregoli-Syndrom (die Vermutung, vertraute Personen veränderten ständig ihr Aussehen).
Wer annimmt, ein Leben wie der von Carrey gespielte Truman Burbank zu führen, weist zwar typische psychotische Elemente wie Paranoia und Grössenwahn auf. Völlig neu sei die Totalität, sagt Gold: «Es ist nicht nur der Computer oder eine bestimmte Organisation, die einen verfolgen; die ganze Welt ist beteiligt, alles ist Kulisse, selbst der behandelnde Arzt.»
Nicht jeder, der an solchen Wahnvorstellungen leidet, bezieht sich auf Jim Carrey. Es gibt andere Krankheitsbilder: So berichteten Psychiater von der University of Bristol im Jahre 2001 von einem schizophrenen Mann, der Autos stahl und bewaffnete Überfälle beging. Er hielt seine Welt für ein Computerspiel. Je mehr Autos er knackte, dachte er, desto höher wäre am Ende die Punktzahl. Ärzten gegenüber gestand er, dass er bereit war, Menschen zu töten, da das sein Spielergebnis deutlich verbessert hätte. Ein Patient des Psychiaters Vaughan Bell vom Londoner Kings College wiederum war überzeugt, in einer Matrix-Welt zu leben, wie sie die Filmtrilogie der Wachowski-Brüder darstellt.

Psychosen passen sich der Zeit an
Den Psychiater Thomas Stompe von der Universität Wien beeindruckt das nicht. «Alter Wein in neuen Schläuchen», nennt er diese Phänomene. In vergleichenden Studien zur Wandelbarkeit von Psychosen über die letzten 150 Jahre sowie auch aktuell über Kulturgrenzen hinweg, hat er als ihre essentiellen Merkmale Verfolgungs- und Grössenwahn erkannt, in geringerem Masse Schuld, Hypochondrie und Religion. «Technik und Medien gehören nicht zu diesen grundlegenden Themen; sie bauen im Gegenteil nur auf dieser Grundlage auf. Man kann freilich nicht ausschliessen, dass sich das über die Zeit ändern wird – so nimmt die Bedeutung der Religion in Österreich langsam, aber stetig ab –, aber dafür gibt es vorerst keine klaren Belege.»
Gemeinsam mit seinem Bruder Ian Gold, Psychiatrie-Philosoph an der kanadischen McGill University, vermutet Joel Gold hinter dem Truman-Syndrom noch mehr: Die Medien könnten aufgrund eines neuen, noch unentdeckten Mechanismus so auf die Psyche einwirken, dass es zu den beobachteten Wahnvorstellungen kommt. Die Arbeitshypothese der beiden Brüder: Die Allgegenwart von Fernsehen, Kamera und Internet mag für manche Menschen einen solchen Stressfaktor bedeuten, dass sie die obsessive Vorstellung auslöst, ihre Welt sei auf Dauersendung.

Wenn das Klima krank macht
Dahinter steckt die provokante These, dass die Medien heute manche Person in den Irrsinn treiben. So hatten Golds Truman-Patienten interessanterweise keine psychiatrische Vorgeschichte. Aber der Arzt gesteht: «Diese Frage lässt sich nicht kurzfristig beantworten.» Vielleicht löst sich das Truman-Syndrom mit neuen Fernsehformen so schnell in Luft auf, wie es gekommen ist. Denn ist ein Thema erst einmal nicht mehr aktuell, verschwindet es aus den von Psychosen gepeinigten Köpfen, wie einst animalischer Magnetismus oder Telegrafie.
Ausgehen wird der Stoff für Psychosen nicht. Letztes Jahr berichtete der Psychiater Robert Salo vom Royal Children's Hospital in Melbourne, ein 17-jähriger Patient leide am «Klimawandelsyndrom». Er lehne es ab, Wasser zu trinken, da er glaube, dass sonst Millionen Menschen umkämen. Seither hat Salo weitere Patienten mit ähnlichen krankhaften Visionen von der Klimaänderung angetroffen. Auch das reiht sich in die Ahnengalerie temporär populärer Bedrohungen ein, wie es Aids oder der dritte Weltkrieg waren.
Ungeachtet der akademischen Streitfrage, ob der Truman-Show-Wahn ein neues psychotisches Symptom sei, letztlich zählt, den Patienten zu helfen. Gold verschrieb ihnen Psychopharmaka. Künftig würde er, wenn nicht eine akute Notlage herrscht, lieber eine kognitive Therapie anwenden: den Betroffenen vorführen, wie bizarr ihre Vorstellung einer totalen Reality-Show ist. Doch auch so kehrten fast alle bald in den Alltag zurück. Nur einer musste mehrere Monate in einer Klinik verbringen, ehe er die ständig unter Beobachtung stehende Weltstadt verliess. Gold weiss nicht, was aus ihm geworden ist.

(Tages-Anzeiger)

Freitag, 16. Januar 2009

Psychose - Erleuchtung oder Krankheit?

Was ist eine Psychose?

Eine Psychose ist ein krankhafter Geisteszustand, der geprägt ist durch Wahnerleben und veränderte Wahrnehmung bzw. Interpretation der Realität. Dieser Zustand tritt am häufigsten bei der bipolaren Störung (manische Depression) und bei der Schizophrenie auf. Auslöser ist in beiden Fällen eine Fehlreaktion des Gehirns, basierend auf biochemischen Vorgängen. Das ist allerdings eine Vermutung im logischen Umkehrschluss, weil sich beide Erkrankungen gut mit Medikamenten in den Griff bekommen lassen.

Die Medikamente sind aber nur die eine Seite. Im psychotischen Zustand erkennt der Erkrankte meistens nicht, daß er krank ist. Bei der schizophrenen Psychose kommt oft ein Beeinträchtigungs- und Verfolgungserleben dazu. Deshalb ist es in vielen Fällen notwendig, zum Schutz des Erkrankten vor einem Suizid oder zum Schutze der Umwelt vor evtl. zerstörerischen Aktivitäten, den Erkrankten (oder die Erkrankte) zwangsweise in eine psychiatrische Einrichtung zu bringen. Dort wird der Erkrankte mit entsprechenden Psychopharmaka behandelt, wenn notwendig auch gegen seinen Willen. Das Problem bei der Genesung ist, daß nach erfolgter Entlassung aus dem Krankenhaus bei dem Patienten die Einsicht für die Medikation vorhanden sein muss. Ohne Medizin tritt die Krankheit meistens wieder auf. Es gibt aber auch Leute, die wieder gesund werden, ohne fortdauernd Medikamente zu nehmen.

Der Ausbruch einer Psychose bringt für den Betroffenen meistens auch einen herben Einschnitt in das bisherige Leben. Beim Auftreten in jungen Jahren be- oder verhindert sie die Ausbildung des jungen Erwachsenen. Die oft bleibende Behinderung bzw. Beeinträchtigung des Leistungsvermögens verringert die Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Oft wird der Erkrankte dann zum Sozialfall oder, wenn er "Glück" hat, bekommt er Leistungen aus seiner Rentenversicherung. Er kommt, wenn sich nicht andere um ihn kümmern, in eine soziale Isolation. Das Bild eines psychisch Kranken in der Öffentlichkeit ist auch nicht gerade vertrauenserweckend. Der Begriff verrückt oder schizophren wird meistens abwertend gebraucht. Und wenn man mal etwas von Schizophrenie hört, dann meist in den Nachrichten in Zusammenhang mit Mord und Totschlag. Die bizarren Motive, die man da hört, ziehen die Reporter magisch an. Dabei sind schizophren erkrankte Menschen im Durchschnitt auch nicht gewalttätiger als der "normale" Teil der Bevölkerung.

Was ist Schizophrenie?

Der Begriff Schizophrenie wurde Anfang des 20. Jahrhunderts von einem Schweizer Psychiater eingeführt und ist eigentlich ein wissenschaftliches Konstrukt. Denn die Krankheit zeigt kein einheitliches Bild und kann sogar bei demselben Patienten zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedlich verlaufen. Man spricht deshalb auch von den Psychosen aus dem schizophrenen Formenkreis. Schizophrenie bedeutet Bewusstseinsspaltung und soll damit meinen, daß das Erleben des Erkrankten geteilt ist in die Wahrnehmung der Realität so wie sie ist und in die Wahrnehmung einer "virtuellen" Realität, nämlich der eingebildeten.

Der Verlauf der Krankheit gibt oft Rätsel auf. So hören manche Patienten innere Stimmen, die sie beeinträchtigen, haben optische Halluzinationen, fühlen sich von Strahlen bedroht und von magnetischen Einflüssen. Insbesondere letztere Phänomene erleben die Erkrankten als Gedankenentzug. In der akuten Phase der Psychose, insbesondere bei Ersterkrankung, wenn man noch nicht weiß, daß man krank ist, versucht man sich verständlicherweise eine Erklärung für all diese, zum Teil körperlich erfahrbaren Dinge, zurechtzulegen. Die Erklärung findet sich leicht in vermeindlicher Überwachung und Verfolgung der eigenen Person. Von CIA und Stasi hat man ja genug schlimme Dinge gehört. Hinzu kommt, daß bei akuter Überforderung des Gehirns, verursacht durch den Wahrnehmungsstress, alle Dinge um einen herum als auf die eigene Person bezogen fehlinterpretiert werden können. So bildet sich schnell ein Wahn, in dem sich alles um die eigene Person dreht. Das Charakteristische an der ganzen Geschichte ist aber, daß der Verstand dem Kranken bleibt, er ist nur in eine Falle geraten und wandelt auf den Spuren des Wahns. Selbst im von außen betrachtet desolaten Zustand der Gedankenverwirrung und der Katatonie arbeitet der Verstand des Kranken normal, er sieht sich jedoch auf Grund der Wahneinbildungen zu diesem Verhalten gezwungen, was immer auch das konkrete Wahnmotiv sein möge.

Durch medikamentöse Behandlung der Erkrankten mit speziellen Neuroleptika können die Symptome gemildert werden und dadurch der Wahn oft beseitigt werden. In schweren Fällen, insbesondere bei Katatonien, ist oft die Elektroheilkrampfbehandlung die einzige Rettung. Sie hat unverdientermaßen einen etwas schlechten Ruf als Elektroschocktherapie, weil sie früher ohne Narkose durchgeführt wurde und nicht selten zur Disziplinierung störender Patienten diente.

Schizophrenie ist gar nicht so selten. Zirka 1% der Bevölkerung ist davon betroffen. Das heißt aber nun nicht, daß jeder 100., dem wir begegnen, vom Wahn befallen ist. Die akute Krankheitssymptomatik tritt bei einem Drittel der Betroffenen einmal auf im Leben und dann nie wieder. Bei einem weiteren Drittel kann es in größeren Abständen zu Rückfällen kommen. In der Zwischenzeit sind sie aber völlig gesund, was ihren Geisteszustand anbelangt. Nur beim letzten Drittel überwiegen die Rückfälle und die Krankheitssymptomatik. Für fast alle Betroffenen gilt: Eine bestimmte, regelmäßig eingenommene, Erhaltungsdosis von Neuroleptika verhindert in der Regel den Rückfall. Oft bleibt nach Rückfällen eine Behinderung in Form von verminderter Stressverträglichkeit und Defiziten bei der sozialen Kommunikation. Somit ist die Schizophrenie eine der Hauptursachen für die Invalidisierung junger Menschen. Bei Männern tritt die Ersterkrankung angefangen vom Teenageralter bis in die 20er hinein auf, bei Frauen ein paar Jahre später.

Obwohl es oft fälschlicherweise angenommen wird, ist die Schizophrenie keine Persönlichkeitsspaltung. Störungen der Persönlichkeit sind eine völlig andere Form psychischer Erkrankung.

Was sind die Ursachen?

Die Ursachen für das Entstehen der Schizophrenie liegen noch weitgehend im Dunkeln. Anfang des Jahrhunderts glaubte man, die Krankheit sei eine Sache der Vererbung, weil sie in der Tat oft familiär gehäuft auftritt. In den 60ern und 70ern glaubte man, in den gestörten Familienverhältnissen die Ursache gefunden zu haben. Zu den familiären psychologischen Faktoren zählten z.B. das Fortbestehen der Mutter-Kind-Symbiose, inkonsequente Erziehung und das Herhalten des Kindes als Ersatzpartner. Heute geht man davon aus, daß eine Vielzahl von Faktoren zum Entstehen der Krankheit beiträgt. Biologische Veranlagung, soziale Umwelteinflüsse im Verlaufe der Entwicklung und gewisse Stressereignisse führen zu einer Verletzlichkeit, auf deren Grundlage die Krankheit ausbrechen kann. Man könnte sagen, daß man dann zu sensibel für die Stürme des Lebens ist. Auslöser sind oft belastende oder entlastende Ereignisse im Leben der Person (Todesfall, Trennung vom Partner, Prüfungen etc.) Es wird sogar von Psychiatern die Ansicht vertreten, daß jeder Mensch unter gewissen Umständen eine Psychose bzw. eine Schizophrenie entwickeln kann – jedermann hat seine eigene, ganz individuelle Stressgrenze. Gewissenlose Regimes missbrauchen diese Erkenntnis und foltern „gefährliche Staatsfeinde“ mit psychologischen Methoden, bis diese gebrochen und psychisch krank sind.


Vermutete Ursache für verschiedene Symptome der Krankheit ist eine mit der Erkrankung einhergehende Störung des Gehirnstoffwechsels. Das Gehirn kommt mit der Reizflut von außen nicht mehr klar. Es "schaltet" auf eine andere Stufe der Umweltwahrnehmung. Das gestresste Nervensystem kann auch körperlich spürbare Symptome verursachen. Die Frage, ob sich dann ein Wahn herausbildet, ist meines Erachtens eine Sache der Erfahrung. Patienten, die schon einmal "wahnsinnig" waren, können die Falle erkennen, in die sie das Gehirn schicken will und entsprechend darauf reagieren, indem sie sich vom Stress zurückziehen und eine höhere Dosis Neuroleptika einnehmen. Die Medikamente geben dem Patienten ein "dickeres Fell" auf chemischer Grundlage.

Warum wird einer "verrückt"?

Wie schon oben beschrieben, befindet sich das Gehirn in einer bestimmten Phase der Erkrankung in einer Art Streßsituation. Die ständig eingehenden optischen und akustischen Umweltinformationen sind dann irgendwie zuviel. Es schaltet praktisch einen Filter ein, der die Bedeutung des Wahrgenommenen verschiebt. Die Wahrnehmung wird "verrückt". Es ist ein Phänomen und muss ganz tief in unserer Gehirnfunktion verankert sein. Man kann auch sagen, daß der Informationsfilter des gesunden Unterbewusstseins wegfällt. Diese Gehirnregionen, die uns unter normalen Bedingungen von den verschiedensten für uns zweitrangigen Informationen abschotten, so daß wir uns zum Beispiel auf einen Sachverhalt konzentrieren können - sie funktionieren nicht mehr richtig. So verhält es sich beispielsweise mit der Reaktion auf Farben und der plötzlichen Wahrnehmung der Bezüge auf die eigene Person. Der Erkrankte erkennt neue Bedeutungen in den Dingen und fühlt sich deshalb wie ein "Erleuchteter", er hat eine "psychospirituelle Krise" (wie Peter R. Breggin es ausdrückt). Zu dem Gefühl, etwas Besonderes zu sein, kommen bei der Schizophrenie oft körperliche Symptome und Halluzinationen hinzu. Die Symptome verlangen nach einer Begründung. So werden eventuelle Beschwerden in der Herzgegend mit einem Strahlengerät begründet, das irgendwelche Fremden auf einen ausgerichtet haben. Schließlich ist man ja eine besondere Person! Sicher ist der Geheimdienst an einem interessiert! Oder wenn man plötzlich Bilder oder Lichterscheinungen sieht, glaubt man, sie seien extra für einen projiziert worden, damit man ein Rätsel löst, um die Welt zu retten. So in der Art entsteht dann ein Wahn, der sich zu einem ganzen Wahngebilde entwickeln kann, der zu einer festen Überzeugung werden kann. Deshalb ist es auch so schwer, einem offensichtlich Kranken klarzumachen, daß er in psychiatrische Behandlung gehört. Nach Überzeugung des Kranken ist das sicherlich nur ein Komplott oder eine Finte. Diese Überzeugung wird ohne Zweifel verstärkt, wenn Gewalt angewendet werden muss, um den Erkrankten vor gefährlichen Aktivitäten zu bewahren und einer angemessenen Behandlung zuzuführen.

Wie ist die Behandlung?

Die meisten Patienten begeben sich auf Wunsch ihrer Eltern, oder von sich aus, freiwillig in eine Behandlung. Es kommt aber auch vor, dass Betroffene zwangsweise eingewiesen werden müssen. Diese Patienten fühlen sich dann oft bedroht und – aus ihrer Todesangst heraus – werden sie manchmal gegenüber den Rettungskräften gewalttätig. Aus ihrer Überzeugung heraus ist das nur das Recht der Selbstverteidigung. Solche Patienten müssen dann oft die demütigende Prozedur der Fixierung ans Bett über sich ergehen lassen, bis sie durch Medikamente ruhiggestellt worden sind. Für die Reduzierung der Krankheitssymptome steht eine breite Palette von Neuroleptika zur Verfügung. Die Art der Medikation und die Dosierung muss individuell vom Arzt festgelegt werden. In der Regel setzt die antipsychotische Wirkung der Medikamente erst nach 2-3 Wochen ein. Allerdings streiten sich die Gelehrten noch darüber, ob die Neuroleptika direkt Auswirkungen auf die Wahngedanken haben oder ob sie durch die generelle Abstumpfung der Gehirnfunktionen bewirken, daß der Patient das intellektuelle Interesse an seinen Wahnideen verliert. Bei einigen Medikamenten gibt es mehr oder weniger starke Nebenwirkungen wie z.B. Muskellähmungen, -krämpfe oder -zuckungen, Mundtrockenheit oder sie wirken sehr stark sedierend oder erzeugen Ängste. Diese Wirkungen sollten vorher mit dem Patienten besprochen werden, damit er sich keine falschen Erklärungen dazu zurechtlegt. Auch die neueren sogenannten "atypischen" Neuroleptika - z.B. Risperidon (Risperdal ®), Olanzapin (Zyprexa ®), Quetiapin (Seroquel ®), Amisulprid (Solian ®), Ziprasidon (Zeldox ®), Zotepin (Nipolept ®) oder Aripiprazol (Abilify ®) - sind keine Wundermittel, wie es die Pharmaindustrie gerne dargestellt sähe. Fast nebenwirkungsfrei und trotzdem gut wirksam erweisen sich beispielsweise die klassischen Medikamente Leponex, Perazin oder Fluanxol. Bei schizoaffektiver Erkrankung muss eventuell zusätzlich noch ein Stimmungsstabilisator genommen werden (z.B. Lithium). Nach Abklingen des psychotischen Zustandes sollte man nur noch die niedrigstmögliche Erhaltungsdosis an Neuroleptika bekommen, so daß ein Wiederausbruch der Psychose verhindert werden kann. Glücklich kann sich schätzen, wer ganz ohne Tabletten oder Depotspritzen auskommt. Meist kommt es aber zu einem Rückfall, wenn der Patient seine Medizin (von sich aus) absetzt.


Ein akut psychotischer Patient braucht in zweiter Hinsicht natürlich auch Ruhe. Eine möglichst gewohnte Umgebung, viel Schlaf und Vermeidung von unnötigem Informationsstress wirken wahre Wunder. Zugegebenermaßen ist ein Krankenhausaufenthalt (ungewohnte Umgebung, fremde Menschen, neue Prozeduren) in dieser Hinsicht nur die zweite Wahl. Besser wäre es, man könnte zu Hause bleiben. Meistens sind überforderte Angehörige und das Unvermögen der Patienten für sich selbst zu sorgen der Grund für die Klinik. Bei längeren Krankenhausaufenthalten gibt es die Möglichkeit von Beschäftigungstherapie und anderen Formen sozialen Trainings. Nach Entlassung aus der Klinik gibt es heutzutage auf der einen Seite die Möglichkeit des betreuten Wohnens und auf der anderen Seite die Möglichkeit der Tagesstrukturierung und/oder Rehabilitation in Tagesstätten und Zuverdienstprojekten. Diese Möglichkeiten variieren von Ort zu Ort.

Wie können Sie helfen?

Wenn sich plötzlich ein Mensch aus Ihrer Umgebung auffällig verhält, sei es nun ein Familienmitglied oder ein Arbeitskollege, und Sie haben den Verdacht, daß es sich um eine geistige Störung handelt, dann sollten Sie sich Ihrer Verantwortung bewusst sein und die Sache nicht von sich wegschieben. Der sich auffällig Verhaltende ist krank und bedarf einer professionellen ärztlichen Hilfe. Überzeugen Sie den Kranken, daß er sich in ärztliche Behandlung begibt. Dabei sollten Sie vermeiden, eine eventuelle psychische Störung zu erwähnen. Das kann als Angriff und Komplott missverstanden werden. Hilfreiche "Aufhänger" sind der oft vorhandene Erschöpfungszustand oder unbestimmte körperliche Beschwerden und Symptome, die Ihnen der Kranke sicher nennen kann. Auf dieser Grundlage gehen Sie als Vertrauensperson mit ihm oder ihr am besten gleich zum Spezialisten, einem Facharzt für Neurologie und Psychiatrie. Schildern Sie dem Arzt ihre Beobachtungen des auffälligen Verhaltens und die Symptome des Kranken, ohne daß dieser misstrauisch wird. Der Arzt muss dann entscheiden, was weiter passiert.

Ist der Erkrankte schon im Wahn und für Argumente nicht mehr zugänglich, ist die zwangsweise Einlieferung in eine Klinik unerlässlich, denn wer weiß, was er sich antut. Also muss man entweder den Krankenwagen/Notarzt oder die Polizei rufen. Das ist eine schwere Aufgabe, aber keiner nimmt sie Ihnen ab. Hinterher wird er Ihnen vielleicht vorwerfen, das Sie ihn in seinen Rechten als freier Bürger dieses Landes hintergangen haben, aber es kann auch passieren, daß er Ihnen dankbar ist, weil Sie ihn vor Unheil bewahrt haben oder zumindest vor weiteren peinlichen Situationen. Allerdings ist es nach geltendem Recht so, daß erst eine Selbst- oder Fremdgefährdung vorliegen muss, bevor eine Zwangseinweisung vorgenommen werden kann. Gibt es keine akute Gefährdung, ist Geduld vonnöten und eine Vertrauen schaffende Behandlung des Kranken.


Nach Entlassung aus dem Krankenhaus ist die beste Hilfe für den Patienten die Hilfe zur Selbsthilfe. Er muss wieder lernen, im täglichen Leben klarzukommen. Helfen Sie ihm oder ihr, eine eigene Wohnung zu finden. Damit tragen Sie zur gesundheitlichen Stabilisierung bei und entlasten gleichzeitig Ihre finanzielle Situation, falls der erkrankte Sohn oder die Tochter noch zu Hause wohnt. Das soll nicht heißen, daß Sie Ihren Sohn oder Ihre Tochter mit aller Macht aus dem Haus bekommen sollen. Es kommt ganz auf die Situation an. Gehen Sie Ihrem erkrankten Kind nicht ständig "auf den Wecker". Vermitteln Sie ihm eine geeignete Arbeitsstelle oder Lehrstelle oder zumindest eine Tagesstrukturierung. Vermitteln Sie dem Patienten ein Gefühl der Wärme sowie der Gelassenheit gegenüber der Situation. Überzogene Ansprüche und ein gereiztes Klima begünstigen nur den Rückfall. Seien Sie sich bewusst, daß der Verlauf der Krankheit chronisch sein kann und damit eine bleibende Behinderung fortbesteht. Lassen Sie sich nicht entmutigen durch die ständige Unsicherheit. Holen Sie sich Hilfe in Selbsthilfegruppen und Beratungsstellen. Dies gilt sowohl für die Patienten als auch für die Angehörigen.

Wie sind die Aussichten?

Wie schon erwähnt, erkrankt ein Drittel der von Schizophrenie betroffenen Bevölkerung nur einmal im Leben und genest danach wieder vollständig. Damit ist schon widerlegt, daß die Krankheit unheilbar ist. Heilung setzt auch beim zweiten Drittel größtenteils ein, nur wird der gesunde Zustand gelegentlich von Rückfallen unterbrochen (z.B. alle 2 Jahre). Es können aber auch größere Zeitabstände bis zum nächsten Rezidiv auftreten. Eine genaue Vorhersage lässt sich nicht machen. Trotz dieser Unsicherheit ist die Schizophrenie eine Krankheit, die sich mit entsprechender Medikation und Therapie gut in den Griff kriegen lässt. Nur beim letzten Drittel überwiegt der chronische Zustand und die Krankheitssymptome sind mehr oder weniger präsent. Leider ist das Suizidrisiko für alle Erkrankten erhöht. Das liegt aber weniger an der Krankheit selber als an der als bedrückend empfundenen gesellschaftlichen Isolierung, in der sich viele Betroffene befinden.

Der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt, daß es neben der "Verrücktheit" Schizophrenie auch noch andere Krankheitsbilder mit Wahnentwicklungen gibt, z.B. chronische Paranoia, wo man auf Grund des Fehlens typischer Symptome eben nicht schizophren diagnostizieren kann. Diese Fälle haben einen eher ungünstigen Verlauf, wegen fehlender Behandlungseinsicht und weil der (manchmal nur subtile) Wahn schon Jahre andauert.

Bis vor wenigen Jahrzehnten wurden die meisten Patienten noch in den Irrenhäusern weggeschlossen. (Von dem dunkelsten Kapitel deutscher Psychiatrie-Geschichte mag man gar nicht berichten, als erbideologisch überzeugte Ärzte rechtlose, als lebensunwert eingestufte Kranke in den Anstalten mittels Giftspritzen oder durch Aushungern ermordeten.) Seither hat sich viel getan. Zum einen sind wirksame Medikamente verfügbar, die die Heilung begünstigen, zum anderen hat sich die Psychiatrie der Gesellschaft gegenüber geöffnet. Es gibt Tagesstätten und betreute Wohnformen. Heutzutage ist es für einen an Schizophrenie Erkrankten möglich, ein erfülltes und befriedigendes Leben zu führen. Nur mit der finanziellen Situation der Betroffenen sieht es meist nicht rosig aus. Auch lässt die berufliche Wiedereingliederung oft zu wünschen übrig. Gehen Sie mal zu einem Bewerbungsgespräch und sagen Sie, daß Sie dann und dann ein halbes Jahr an paranoider Schizophrenie erkrankt waren und gerne den Job hätten. Oft reicht auch das Wort Psychose für die prompte Ablehnungsreaktion. Da hilft nur lügen.

Auf einem anderen Gebiet sollte man nicht lügen, nämlich auf der Suche nach einem Partner oder einer Partnerin. Es ist sehr wichtig, daß man jemanden findet, der Verständnis und Einfühlungsvermögen für diese schwierige Problematik zeigt und wirklich bereit ist, sich mit einem einzulassen. Den richtigen Partner zu finden ist schon für gesunde Singles nicht leicht, um so mehr gilt das für psychisch Kranke. Gemeinsame Interessen und ein ähnlicher persönlicher Hintergrund sind auf alle Fälle positiv für einen Start in eine Beziehung.

Schizophrenie und die Öffentlichkeit
An anderer Stelle, z.B. in der Nachbarschaft oder bei der Wohnungssuche, ist es nicht ratsam, zu sagen, daß man an Schizophrenie leidet oder gelitten hat. Die breite Öffentlichkeit fürchtet diese Krankheit, sie verbreitet Schrecken. Das liegt zum einen am Mythos der Unheilbarkeit und zum anderen an der Darstellung durch die Medien. Wie oft gibt es "Psychothriller" im Fernsehen zu sehen, wo ein Mensch zu einem mordlüsternen Verrückten mutiert! Wie oft wird in den Nachrichten im Zusammenhang mit Schizophrenie nur Mord und Totschlag erwähnt! Dabei sind das nur ganz seltene Fälle. Bei unvorhersehbaren Taten sind oft nahestehende Personen die Opfer. Wenn es wirklich so wäre, daß alle Schizophrenen Gewalttäter wären, so müssten ja die Sprechstunden der Psychiater nur unter Polizeischutz ablaufen. Es besteht eine generelle Übereinkunft darüber, daß die meisten Verbrechen nicht von schizophrenen Personen begangen werden. Und die meisten Schizophrenen werden auch nicht gewalttätig. Die Angst gegenüber dieser Krankheit ist also völlig unbegründet. Ein Beispiel
"Ich wollte einfach, dass sie Ruhe gibt‘‘

Onlineausgabe der Süddeutschen Zeitung
vom 09.01.2007



Aber das öffentliche Stigma besteht weiterhin. Schon alleine der abwertende Gebrauch des Wortes "schizophren" in sogenannten gebildeten Kreisen führt zur Verdammung von unschuldigen Kranken. Es ist ja nichts dagegen einzuwenden, daß ein Wort mehrere Bedeutungen haben kann, aber um einen Sachverhalt abwertend darzustellen, gibt es in der deutschen Sprache wohl genug andere Möglichkeiten, als daß man in dieser leichtfertigen Weise mit einem Fremdwort "glänzen" müsste. Auch die medizinische Diagnose "schizophren" schießt weit über das Ziel hinaus. Wirklich schizophren ist ein Patient nur im akuten Stadium des Wahns. Nach der Genesung ist er ein ganz normaler Mensch mit einer kleinen mehr oder minder beeinträchtigenden Stoffwechselstörung! Also Mediziner - denkt Euch für den Zustand "danach" ein anderes Wort aus! In Amerika nennen sich die Patienten selbst "survivors" - Überlebende, in Deutschland "Psychiatrie-Erfahrene". Für den Erkrankten ist das ständige Verstecken und Verheimlichen der Diagnose bald schon belastender als die eigentliche Krankheit. Auch die Angehörigen werden in diese Situation mit hineingezogen. Welche Familie gibt schon gern zu, daß sie einen Schizophreniekranken in ihrer Mitte hat. So werden die Betroffenen in eine soziale Isolation gezwungen. Nur Aufklärung kann hier helfen. Es ist dabei die Schwierigkeit zu überwinden, daß sich kaum jemand freiwillig ernsthaft mit einem solchen oft belächeltem oder abgelehnten Thema wie einer psychischen Krankheit beschäftigt, außer vielleicht via TV in abwegiger Darstellung. Dabei kann jeder ein Betroffener werden.

Donnerstag, 31. Januar 2008

Schöne neue Psychiatrie

Verlagsinfo

Ein Buch, das die Gefahren aller Psychopharmaka auf dem deutschsprachigen Markt sowie des wieder verstärkt praktizierten Elektroschocks schonungslos und leicht verstehbar offenlegt. Mit Ratschlägen zum verantwortungsbewussten Absetzen.

Rezension von Psychiater Asmus Finzen, Basel

in: Soziale Psychiatrie, 22. Jg. (1998), Nr. 1, S. 52

»Psychiatrisch Tätige, lest das Buch...«

Peter Lehmann, das ist Name und Programm zugleich. Mit seinem »Chemischen Knebel« hat Peter Lehmann sich in die neuere Psychiatriegeschichte eingeschrieben. Unter den radikalen Psychopharmaka-Kritikern ist er als Nicht-Pharmakologe, Nicht-Chemiker, Nicht-Arzt gewiss der kompetenteste. In jedem Fall ist er – die gerade genannten Berufsgruppen ein geschlossen – der belesenste. 1100 Literaturverweise im ersten Band, 1677 im zweiten suchen ihresgleichen. Peter Lehmanns »Schöne neue Psychiatrie« ist eine Fundgrube für jede Fachfrau und jeden Fachmann. Nirgendwo sonst sind so viele Informationen über unerwünschte Wirkungen von Psychopharmaka aller Art, insbesondere aber von Neuroleptika, zusammengetragen. Peter Lehmanns Buch ist ein großartiges Geschenk an die Psychiatrie. Diese hat allen Grund, sich bei ihm für den immensen Arbeitsaufwand zu danken, den er für sie und für die psychisch Kranken geleistet hat.

Das bedeutet nicht, dass nicht doch noch einige Wünsche offenbleiben. Entscheidender: Ich würde mir wünschen, Peter Lehmann wäre nicht so radikal; Peter Lehmann wäre aus gewogener; Peter Lehmann würde mit der gleichen Inbrunst und Intensität, mit der er die Psychiatrie und die Psychopharmaka kritisiert, auch die psychischen Leiden selber betrachten. Ich weiß natürlich, dass das ein frommer Wunsch bleiben muss. Denn das, was ich in über dreißig Jahren als psychische Krankheiten kennen- und behandeln gelernt habe, existiert für Peter Lehmann so nicht. Das macht es für mich als Arzt sehr viel schwieriger, den Zugang zu seiner schönen neuen Psychiatrie zu finden, als als Wissenschaftler, der sich über die – wiewohl unausgewogene – Fülle von Daten freuen kann. Als Arzt, der weiß, dass die Kranken, die ihn aufsuchen, zum beträchtlichen Teil in furchtbarer Weise unter ihren Symptomen leiden, treffe ich eine andere Risiko-Nutzen-Abwägung als er. Ich bin überzeugt davon, dass die Entwicklung der Pharmakopsychiatrie während der letzten vier Jahrzehnte zu einem erheblichen, wenn auch unvollkommenen Fortschritt der Behandlung psychischer Störungen geführt hat, obwohl diese Entwicklung viele Wünsche offenlässt. Jene Kollegen, die eine Generation älter sind als ich und die Zeit davor miterlebt haben, sagen, wie Max Müller beispielsweise: »Es war die Hölle.« Das hat sich geändert, wiewohl ich gerne einräume, dass kein Paradies daraus geworden ist.

So bleibt denn meine Beurteilung von Lehmanns 800-Seiten-Werk gespalten: Uneingeschränkte Empfehlung für alle, die seine Ergebnisse mit ausreichend fachlich fundiertem Hintergrund lesen können, also vor allem Psychiaterinnen und Psychiater, die die Relevanz seiner Mitteilungen beurteilen und zwischen wichtigen und redundanten Informationen unterscheiden können. Leserinnen und Leser, die nicht auf eine medizinische oder pharmakologische Grundausstattung zurückgreifen können, rate ich von dem Buch eher ab. Die Perspektiven stimmen meiner Meinung nach nicht. Wer behandlungsbedürftig ist und Lehmann glaubt, für den sind allerlei Irrwege vorprogrammiert. Die Behandlung akuter Psychosen ohne Neuroleptika beispielsweise – es wäre zu schön, wenn das möglich wäre. Aber es ist es nicht – leider! Allenfalls, wer ohnehin fest entschlossen ist, gegen den Rat seines Therapeuten die Medikamente wegzulassen, kann bei Lehmann nachlesen, wie man das ohne allzu großen zusätzlichen Schaden macht. Also: Psychiatrisch Tätige, lest das Buch, schon damit Ihr mit Kranken diskutieren könnt, die es auch gelesen haben!

Rezension von Gaby Sohl

in: Die Wochenzeitung (Zürich), Nr. 49 / 4.12.1997, S. 24

Pillen voller Nebenwirkungen – Chemischer Knebel

»Bis zwölf Uhr fühlte ich keine subjektive Änderung, dann hatte ich den Eindruck, schwächer zu werden und zu sterben. Es war sehr angsterregend und quälend. (...) Um dreizehn Uhr fühlte ich mich unfähig, mich über irgend etwas aufzuregen.«

Mit solchen Sätzen dokumentierte die Psychiaterin Cornelia Quarti am 9. November 1951 den ersten Selbstversuch mit Chlorpromazin – jener Substanz, mit der die psychiatrische Praxis zu Beginn der fünfziger Jahre revolutioniert worden ist. Seit 1952 wurde Chlorpromazin als erstes Neuroleptikum der Psychiatriegeschichte mit wachsender Begeisterung und zunehmender Gefolgschaft der KollegInnen von den Psychiatern Jean Delay und Pierre Deniker gegen »Schizophrenie« eingesetzt. Wenn man den Aussagen der PatientInnen glaubt, wirkt die Substanz angsterregend und quälend. In den Akten liest sich dies allerdings oft lapidar: »Patient klagt über Nebenwirkungen der medikamentösen Therapie.«

Alle sogenannten Nebenwirkungen lassen sich im psychiatrisch-neurologisch beschönigenden Jargon der Beipackzettel und der »Krankengeschichten« wesentlich besser verpacken und ertragen als im ungeschminkten Klartext oder gar als eigene Körperbefindlichkeit. Langzeitschäden, erhebliche psychische und physische Beeinträchtigungen – viele PatientInnen der biologisch orientierten Medikamentenpsychiatrie erfahren die »Nebenwirkungen« schlicht als Hauptwirkung, wissen aber oft nicht, dass einige Neuroleptika zum Beispiel genau jene psychische Verwirrtheit, die sie zu heilen vorgeben, nach längerem Gebrauch selber wieder hervorrufen. Tardive, also späte Psychosen nennt der Fachmensch dies. Leponex, ein heute wieder vermehrt bei »behandlungsresistenten Fällen« eingesetztes Mittel, ist bekannt für diese mögliche Komplikation. Unzählige andere Komplikationen (zum Beispiel Herz-, Leber- oder Blutbildstörungen) bringen vielen PatientInnen lebenslange Verrücktheit und körperliche Behinderungen ein. Auf der Strasse, im Supermarkt oder an der Bushaltestelle weiss kaum jemand das unkontrollierbare Zittern und die heftigen, ruckartigen Arm- und Beinbewegungen mancher Mitmenschen als das zu deuten, was sie leider oft sind: durch Neuroleptika verursachte, nie wieder rückgängig zu machende Schädigungen des Nervensystems. Aus ehemals »Verwirrten« werden so Behinderte gemacht. Die psychiatrische Fachwelt nennt diese, durch ihre eigene Therapie hervorgerufene lebenslängliche Behinderung »tardive Dyskinesie«.

Seit der Publikation von »Der chemische Knebel – Warum Psychiater Neuroleptika verabreichen« (1986) gebührt Peter Lehmann das bedeutende Verdienst, dass er mit seinen Büchern den fachchinesischen Begriffsdschungel im Umfeld der Psychopharmakabehandlungen für medizinische Laien – also auch für Psychiatriebetroffene und ihre Angehörigen – durchschaubarer macht. Denn hinter den seriösen, unverständlichen medizinischen Bezeichnungen für Nebenwirkungen von Psychopharmaka verbirgt sich oft der blanke Horror: Eine Dysphagie zum Beispiel ist eine Störung des Schluckaktes, ihre Folge ist unkontrollierbarer Speichelfluss, also Sabbern, im schlimmsten Fall droht Erstickungsgefahr. Ein Myoklonus ist eine blitzartig auftretende Muskelaktion ein Zucken und Krampfen, das im fortgeschrittenen Stadium an die langfristig tödliche Krankheit des Veitstanzes erinnert. Eine Akinesie ist eine Bewegungsunfähigkeit, die akinetische Depression meint bewegungslose Apathie, völlige Gleichgültigkeit und Willenlosigkeit. Akathisie übersetzt sich als Sitzunruhe, Nichtstillhaltenkönnen; Hyperthermie als unnatürlicher Anstieg der Körpertemperatur, der bis zum sogenannten Malignen Neuroleptischen Syndrom führen kann. Eine von Lehmann zitierte Studie des Londoner Psychologen David Hill von 1992 geht in ihrer vorsichtigsten Schätzung allein bei dieser Nebenwirkung von bisher einer Million diagnostizierter Fälle aus – knapp 200.000 davon, schätzt Hill, verliefen tödlich.

Wer Peter Lehmanns zweibändiges Handbuch »Schöne neue Psychiatrie« liest, wird mehr als 2500 medizinische, psychologische und pharmakologische Fachaufsätze und -bücher in ausgewählten und übersetzten Originalzitaten wiederfinden. Das ausgebreitete Themenspektrum umfasst unter anderem die Risiken der neu entwickelten Psychopharmaka, die Wirkungsweise und schädlichen Wirkungen von Antidepressiva, Psychostimulantien und Tranquilizern. Dargestellt wird die Wirkungsweise der (modifizierten) Elektroschocks, die prinzipiell dosisunabhängige Schädlichkeit, die mit dem Alter zunehmende Unverträglichkeit. Ein grosses Kapitel behandelt Entzugserscheinungen und die Möglichkeiten, diese Symptome zu lindern und der Rückfallgefahr vorzubeugen. Viele Abbildungen, ein komfortables Register und eine Liste mit allen deutschen, österreichischen und schweizerischen Markennamen machen das kritische Handbuch gerade auch als Nachschlagewerk unentbehrlich.

An manchen Stellen liest sich Peter Lehmanns »Schöne neue Psychiatrie« wie ein Dokumentarkrimi. Detailliert auswertend, akribisch recherchierend und trotz der oftmals überwältigenden Faktenfülle flüssig und gut verständlich geschrieben, führt Lehmann durch die ansonsten eher abgekapselte (fachlich gut wegverpackte) Medikamentenwelt der modernen Psychiatrie, die fast unmerklich längst unseren Alltag psychiatrisiert hat.

Rezension von Iris Hölling

in: Rundbrief des Bundverbandes Psychiatrie-Erfahrener e.V., Nr. 5 / Dezember 1997, S. 15

Wissen Sie, wie Psychiater bei Selbstversuchen mit Psychopharmaka gelitten haben? Wissen Sie, welche Psychopharmaka anderswo bereits verboten, hierzulande aber noch auf dem Markt sind? Wissen Sie, dass Neuroleptika, Antidepressiva, Carbamazepin, Lithium und Tranquilizer massive Entzugserscheinungen produzieren können? Kennen Sie die Vorboten Iebensbedrohlicher Blutbildveränderungen unter Psychopharmaka? Wissen Sie, dass psychopharmakologisch behandelte Menschen ca. 10 mal häufiger an Krebs erkranken als die Normalbevölkerung? Wissen Sie, weshalb Neuroleptika und Antidepressiva extrem suizidal wirken können? Wissen Sie, dass allein am Neuroleptischen Malignen Syndrom, einem neuroleptikabedingten Symptomenkomplex aus Fieber, Muskelstarre und Bewusstseinsstörungen, weltweit bereits ca. 190.000 Menschen gestorben sind? Die » Schöne neue Psychiatrie « , bestimmt durch Psychopharmaka und Elektroschock-Renaissance, ist alles andere als schön. Auch die neuen Psychopharmaka, ob Serotonin-Wiederaufnahmehemmer ä la Fluctin oder atypische Neuroleptika à la Risperdal und Leponex' können verheerende Auswirkungen haben, basierend auf tiefen Eingriffen ins Transmittersystem.

Peter Lehmann, Vorsitzender des Europäischen Netzwerks von Psychiatriebetroffenen, wertete ca. 3.000 medizinische, psychologische und pharmakologische Fachaufsätze und -bücher aus. Allgemeinverständlich und sachlich stellt er sein Wissen primär den Behandelten und ihren Angehörigen zur Verfügung und ermöglicht ihnen eine fundierte und unabhängige Entscheidung darüber, ob sie sich Psychopharmaka und Elektroschocks verabreichen lassen sollen oder nicht - sofern sie überhaupt noch entscheiden dürfen. Aber auch JuristInnen und psychiatrisch Tätigen, die über eine Behandlung (mit)entscheiden, seien diese Bände ans Herz gelegt, ebenso Psychologlnnen, ÄrztInnen und HeilpraktikerInnen, die beim Absetzen helfen wollen.

Die Kritik an seinem alten Buch » Der chemische Knebel « hat gefruchtet: » Schöne neue Psychiatrie « ist großzügig lay-outet und übersichtlich und enthält eine Liste mit allen aktuellen deutschen, österreichischen und Schweizer Psychopharmaka-Handelsnamen. Register ermöglichen einen raschen Zugriff auf die erwünschten Informationen. Insgesamt 89 Abbildungen, u.a. von Tierversuchen, ein Zusatzartikel des US-amerikanischen Elektroschockspezialisten Leonard Roy Frank u.a. über das Märchen von den harmlosen modifizierten Schocks und ein umfangreiches Kapitel über Entzugserscheinungen (Reboundphänomene und Supersensibilitätsreaktionen der Rezeptoren) bei den einzelnen Psychopharmakaklassen komplettieren die beiden Bücher.

Schöne neue Psychiatrie « besteht aus zwei jeweils in sich abgeschlossenen Bänden. In Band 1 ( » Wie Chemie und Strom auf Geist und Psyche wirken « , 400 S.-) stehen die Risiken und Schäden auf der psychischen Ebene und im Bereich der geistigen Fähigkeiten im Mittelpunkt. Themenschwerpunkte sind psychopharmakabedingte emotionale Verarmung, Persönlichkeitsveränderung, Depression, Verzweiflung, Selbsttötung, Verwirrtheit, Delire und psychotische Zustände; Störungen der Sinnesorgane; Gedächtnis-, Konzentrations-, Schlaf- und Traumstörungen; Selbstversuche von Medizinerlnnen; Psychopharmakaversuche an Tieren sowie Elektroschockschäden. Band 2 (» Wie Psychopharmaka den Körper verändern «, 544 S.) behandelt die kurz-, mittel- und langfristigen Risiken und Schäden, die sich im Muskelapparat und im vegetativen Bereich niederschlagen, z.B. als – teilweise lebensgefährliche – Muskelkrämpfe, Bewegungsstörungen, genetische Schäden, Belastung der Leber, des Herzens und der Sexualorgane. Das letzte Kapitel bilden Ratschläge, wie die Entzugserscheinungen beim Absetzen gemildert und das Rückfallrisiko gemindert werden können.

Kommentar von Barbara Simonsohn

In seinen hervorragend recherchierten Büchern untersucht Peter Lehmann die Auswirkungen von Chemie auf Geist und Psyche (Band 1) und, wie Psychopharmaka den Körper verändern (Band 2). Er betrachtet die Behandlung mit Psychopharmaka ohne gründliche Aufklärung der möglichen Nebenwirkungen als »Körperverletzung« und die Nebenwirkungen als »Intoxikationserscheinungen« dieser Psychopharmaka und damit als ihre Hauptwirkung. Seine hervorragend durch wissenschaftlichen Studien belegten Kritikpunkte an Ritalin sind erschütternd. Nicht nur kann Ritalin Nervenzellen und Hirnrinde schädigen, sondern zu aggressivem Verhalten wie Mord führen, weil es die Persönlichkeit verandert und natürliche Hemmschwellen abbaut. Dieses Buch ist das fundierteste zum Thema Ritalin im deutschsprachigen Raum und in meinen Augen Pflichtlektüre für jeden Kinderneurologen und alle Eltern, die erwägen, ihrem Kind Ritalin zu geben.