In der Volksschule bleibt kein Stein auf dem andern. Politik und Verwaltung setzen eine Grossreform nach der andern in Gang. Die Praktiker an der Front fragt man nicht. Erfahrene Lehrer wehren sich, Verbände proben den Widerstand.
Von Philipp Gut
Vergangene Woche kam es an einer Bieler Schule zu einem Polizeieinsatz. Lokale Medien berichteten darüber, die Weltwoche hat den Fall bei Eltern und Behörden recherchiert. Was ist geschehen? In der Realklasse 9a im Oberstufenzentrum Madretsch herrschen seit Jahren chaotische Zustände. Die Schüler — von dreizehn haben dreizehn einen «Migrationshintergrund» — grölen, pöbeln, boykottieren und sabotieren den Unterricht. Wird leihweise Material verteilt, verschwindet manches davon. Die Klassenlehrerin wird als «Nutte» und «Schlampe» beschimpft, Gegenstände fliegen durchs Zimmer, Schüler schwänzen. Die Lehrerin bricht zusammen.
Der Schulleitung in Biel bleibt nichts anderes übrig, als die ausser Kontrolle geratene Klasse aufzulösen. Die Schüler sollen auf verschiedene andere Klassen verteilt werden. Wer sich weigert, kündigt die Leitung an, wird für den Rest des Schuljahres vom Unterricht ausgeschlossen.
Die Schüler folgten dem Ultimatum nicht. Am Montag letzter Woche verbarrikadierten sie sich im Klassenzimmer. Einen halben Tag bringen sie, bei explosiver Stimmung, ohne Lehrer zu. Sie bekommen einen Verweis, die Eltern müssen eine Bestätigung unterschreiben, dass die Weisungen der Schule befolgt werden. Die Hälfte der Klasse weigert sich noch immer, der Schulausschluss wird Tatsache.
Tummelfeld für Experten und Beamte
So war es zumindest geplant. Es kommt anders: Schüler und Eltern stürmen das Büro der Schulleitung. Sie erheben massive Drohungen. Die Lehrer müssen die Polizei zu Hilfe holen.
Der Stand heute: Am Donnerstag letzter Woche lenkten die renitenten Schüler und Eltern ein, sämtliche Unterschriften liegen vor. Die Klasse wird aufgeteilt, vor dem Schulhaus fährt zur Sicherheit eine Polizeistreife auf.
Was zeigt der Fall? Ein beteiligter Lehrer sagt: «Was in Biel abläuft, ist typisch für die Situation in der Schule. Die Probleme werden schöngeredet, die realen Verhältnisse ignoriert. Statt auf die Basis zu hören und die Lage an der Front zu verbessern, setzen Politik und Bildungsbürokratie ständig neue Reformen mit zweifelhafter Wirkung in Gang.»
Trifft der Befund zu? Die Weltwoche hat sich in Lehrerzimmern des Landes umgehört, Gespräche mit erfahrenen Praktikern aus verschiedenen Kantonen und allen Stufen geführt. Die Schule ist in den letzten Jahren zum Kampfplatz der Politik und zu einem Tummelfeld von Experten und Beamten geworden, die ihre Theorien und Visionen verwirklichen möchten. Was die technokratischen Bemühungen wert sind, erfährt man nicht in Hochglanzbroschüren und ausgeklügelten Konzepten, sondern dort, wo sie umgesetzt werden: in der Schule.
Die Ergebnisse der Befragungen zeigen, um es vorwegzunehmen, in eine andere Richtung. Der Unmut ist gross, manche resignieren, einige proben den Aufstand. Wer unterrichtet, ist täglich einer Art Realitätstest ausgesetzt: Die Lehrer merken, wo der Schuh drückt. Sie wissen, welche Reformen funktionieren und welche nicht.
Martin Hänzi, Sekundarlehrer und Schulleiter, Pieterlen BE - Hänzi, Lehrer seit 25 Jahren, veranschaulicht die Problematik mit einer Anekdote. Vor einigen Jahren präsentierte ein Vertreter des Bildungsdepartements seine Vorstellungen von Schule. Die Präsentation umfasste etwa fünfzehn Punkte. Irgendwo zwischen Punkt sieben und Punkt zwölf kam das «Unterrichten». Das sei typisch: Vor lauter Reformen und bürokratischen Umständen verliere man den Sinn fürs Wesentliche.
Hänzi erinnert sich, dass die hohe Zeit der Grossreformen zu Beginn der 1990er Jahre einsetzte. «Wir dachten damals: ‹So, das ist es jetzt.› Aber es ging immer weiter.» Die Bildungsverwaltungen sind seither stark gewachsen, «neue pädagogische Ideen setzen sie jeweils sofort um».
Das «Zauberwort» der Stunde heisse «Individualisieren». Es soll die «Integration» ermöglichen (neuerdings sprechen Bildungsforscher auch von «Inklusion», weil sie festgestellt haben, dass der Normalbürger «Integration» auf Ausländer und nicht auf lernschwache Schüler bezieht). Ein individualisierender Unterricht, das bedeute etwas zugespitzt: «Jedem Schüler sein eigenes Programm zuschneiden.» Hänzi: «Das ist zwar ein hehres Ziel, aber praktisch liegt es einfach nicht drin.»
Mit dieser Einschätzung steht der Oberstufenlehrer nicht allein da. Die Basis teilt sie offenbar, wie sich an einer Delegiertenversammlung der Lehrergewerkschaft zeigte. Die Führung liess verlauten, die Lehrer stünden hinter dem «integrativen Schulmodell». Hänzi erlaubte sich die Zwischenfrage, ob dem wirklich so sei. Er erzwang eine Konsultativabstimmung. Rund zwei Drittel der Delegierten stimmten gegen die «Integration».
Daniel Goepfert, Gymnasiallehrer und Grossrat (SP), Basel-Stadt - Goepfert fasst die Lage so zusammen: «Die Zentrale bindet Geld und Ressourcen, und die fehlen dann an der Front.» Goepfert hat gezählt, dass das Erziehungsdepartement gegen dreissig wichtige Projekte am Laufen hat. Dabei gehe es nur um «Begleitmassnahmen».
«Irgendwann», sagt der Lehrer und Politiker Goepfert, «sollten wir wieder über Inhalte reden: Was sollen die Schüler am Ende der obligatorischen Schulzeit können? Wie überprüfen wir das? Was spricht gegen einen gemeinsamen Schulabschluss in den vier Kantonen der Nordwestschweiz?»›››
Die Situation in Basel habe «etwas Gespenstisches»: «Der Kaiser ist nackt — und niemand sagt es ihm.» Die Anspielung auf den Märchenkaiser zielt auf Erziehungsdirektor Christoph Eymann (LDP). Goepfert vermisst bei den Dutzenden von Projekten eine «Erfolgskontrolle». Weil Basel-Stadt bei der vorletzten Pisa-Erhebung schlecht abschnitt, mache man jetzt einfach nicht mehr mit. Die mageren Leistungen der Schüler erkläre das Departement mit dem hohen Ausländeranteil. Goepfert lässt das nur zum Teil gelten. Die Basler Probleme seien auch hausgemacht: «Zu viele Reformen, zu wenig Konzentration auf den Unterricht, fehlende Fachbezogenheit und Zielorientierung.»
Selbsterfahrungskurse en masse
Es gebe beispielsweise keine «fachbezogene» obligatorische Weiterbildung für Lehrer. Stattdessen, das zeigt ein Blick ins Programm des zuständigen Instituts für Unterrichtsfragen und Lehrer/innenfortbildung, bietet das Erziehungsdepartement psychologisch-esoterisch ausgerichtete Selbsterfahrungskurse en masse an. Das klingt dann so: Rubrik «Reflexion und Wahrnehmung», Kurs «Zeitinseln beleben», «Ziel: Dank sorgfältiger Planung Ihrer Arbeit, liebevollem Umgang mit Ihren Ressourcen (Zeit, Freude, Energie, unterstützende Menschen etc.) und der Schaffung von Zeitinseln sind Sie vorbereitet auf den herausfordernden Alltag als Lehrperson».
Weitere Kurse heissen: «Selbst-Coaching: Lebenslust statt Alltagsfrust – ein Balanceakt», «Hilfe, mein Hirn ist ein Sieb», «Das Leben als letzte Gelegenheit – Gesundheit und Zeitempfinden», «Älterwerden im Beruf – Kurs für Frauen». Im Kanton Bern konnte man in einem Kurs «Führungserfahrung mit Shetland-Ponys» erwerben.
Die Auswahl ist durchaus typisch. Wie Daniel Goepfert berichtet, durfte auch er an einer Fortbildung Bäume umarmen.
Regula Peter, Primarlehrerin, Kanton Zürich - Peter ist seit 28 Jahren im Schuldienst, «mit Leib und Seele», wie sie sagt. Gemeinsam mit einer Kollegin hat die Primarlehrerin «Gedanken zum Lehrerberuf (aus dem Alltag)» verfasst, ein kleines Manifest, in dem sie «Stressfaktoren» anführen, denen Lehrer ausgesetzt sind. Darin heisst es: «Die unterrichtsfreie Zeit wird von aussen verplant, d. h., die Vorbereitungs- und Nachbereitungszeit wird gebraucht für Sitzungen und Weiterbildungen.»
Manche Lehrer hätten bildungspolitisch geschlafen, sagt Regula Peter im Gespräch. Jetzt rieben sie sich die Augen. «Viele machen die Faust im Sack.» Seit der Umstellung auf sogenannte «geleitete Schulen» und ein lohnwirksames Beurteilungssystem brauche es doppelten Mut, um Missstände anzusprechen. Es drohen Sanktionen und Lohneinbussen.
Regula Peter hat ausgerechnet, dass der Arbeitsaufwand bei einem Fünfzig-Prozent-Pensum mit den neuen Schulleitungen um fünf Stunden pro Woche gestiegen ist. Das entspricht etwa zwanzig Prozent. Die Zeit für administrative Arbeiten und Sitzungen nehme ein unerträgliches Ausmass an. Die ständigen Reformen hätten eine «Grundhektik» in den Beruf gebracht, konzentriertes Vorbereiten und Unterrichten sei erschwert. «Es herrscht eine hohle Betriebsamkeit. Über das Wohl des Kindes spricht niemand.»
Bei Peter wuchs die Sehnsucht, «einfach wieder einmal normal Schule zu halten», ohne Events und Evaluationen, ohne Sitzungen und Protokolle, ohne verordnete Zusammenarbeit in «Qualitätssicherungs-Gruppen» und «pädagogischen Teams». Jetzt hat sie sich den Wunsch erfüllt: Sie hat ihre feste Stelle gekündigt und arbeitet als Stellvertreterin. Befreit von mancherlei Belastungen, blühe sie auf: «So ist es schön. Darum bin ich Lehrerin geworden.»
Alain Pichard, Reallehrer und Stadtrat (Grünliberale), Biel BE - Pichard hat vor drei Jahren mit einem Artikel in der Weltwoche («Albaner, Türken, Brasilianer», Nr. 38/06) hitzige Diskussionen unter Kollegen entfacht. Der grüne Lehrer und Gewerkschafter sprach, nach Jahren der Tabus und idealistischer Überblendungen der Wirklichkeit, öffentlich über die Zustände an der Schule: hoher Ausländeranteil (in Bieler Kindergärten derzeit fünfzig Prozent), Disziplinarprobleme, wirkungslose Massnahmen der Behörden. Heute sagt Pichard: «Meine Kollegen und ich — wir kommen alle aus einer linken Ecke — haben grosse Mühe mit der aktuellen Schulpolitik. Die Reformdebatte dreht sich allein um Strukturen.» Das nütze «letztlich nur der Bildungsbürokratie».
HarmoS, die Auflösung der Sonderklassen für schwache Schüler und deren «Integration» in Regelklassen, neue, komplizierte Schülerbeurteilungen, Frühfranzösisch und Frühenglisch: Diese und andere Reformvorhaben zielten laut Pichard «an den eigentlichen Problemen der Schule vorbei. Oder sie sind nicht realisierbar.» Zu den «wirklichen Problemen» zähle das «strukturelle Analphabetentum»: Fünfzehn bis achtzehn Prozent der Schüler, die nach neun Jahren die Schule verlassen, können nicht genügend lesen und schreiben.
Pichard beobachtet einen «Konflikt zwischen Lehrpersonen und Bildungsbürokratie». Während Politik und Verwaltung die Schule umzukrempeln versuchen, beginnt sich die Basis gegen die von oben verordneten Reformen zu wehren. Im Kanton Bern durchaus mit gewissen Erfolgen: Die neue Schülerbeurteilung «Schübe» wurde, da nicht praxistauglich, nach vehementen Protesten und einer Unterschriftensammlung der Lehrer rückgängig gemacht.
Die Entfremdung zwischen Lehrern und Verwaltung wächst. Symptomatisch sind einige Vorkommnisse in der Stadt Biel. Beispiel eins: Die Schuldirektion kündigte allen Schulleitungsmitgliedern und unterwarf zum Teil langjährige Kaderangestellte einem umfassenden Bewerbungsverfahren. Dabei mussten sie über ihre Einstellung zu den «geplanten Schulreformen» Auskunft geben. Die Gesinnungsprüfung führte zu Beschwerden und einem geharnischten Brief der Gewerkschaft VPOD. Pichard: «Die Einführung von Schulleitungen mit weitreichenden Kompetenzen nützen die Bildungsbürokraten dazu, Erfüllungsgehilfen für ihre behördliche Wunschprosa einzusetzen.»
Beispiel zwei: Die Schuldirektion wollte zweisprachige Klassen einführen — die Lehrer hielten dagegen. Das Projekt wurde verschoben, der Ausgang ist unklar.
Beispiel drei: Die Stadt versuchte die «Integration» der Sonderschüler sofort umzusetzen, flächendeckend. Die Lehrer probten den Widerstand. Das Tempo wurde gedrosselt. «Man schaut jetzt, was möglich ist, und versucht es in kleinen Schritten», sagt Alain Pichard.
Evelyne Gut-Hänggi, Leiterin Kriseninterventionsstelle Basel-Stadt - Basel-Stadt hat als einer der ersten Kantone bereits heute die vollständige «Integration» der Sonderschüler verwirklicht (und zwar in der fünften, sechsten und siebten Klasse). Als Leiterin der Kriseninterventionsstelle, bei der Schüler landen, die in der Klasse nicht mehr tragbar sind, macht Evelyne Gut-Hänggi täglich Erfahrungen mit dem Modell, das landesweit eingeführt werden soll – eine Art Blick in die Zukunft. Sie sagt: «Seit der Einführung der vollen Integration auf der Mittelstufe ist die Zahl der Fälle stark gestiegen.»
Besonders das Fachlehrersystem mache den schwierigen und lernschwachen Schülern zu schaffen. Sie brauchten einen Klassenlehrer als Bezugsperson, zu der sie ein emotionales Verhältnis aufbauen könnten. Häufig fehle die Unterstützung von zu Hause: getrennt lebende Eltern, «Migrationshintergrund», «Bildungsferne». «Wir nennen solche Kinder ‹Indikationspatienten›. An ihnen kann man ablesen, was im Umfeld nicht funktioniert.»
Hanspeter Amstutz, Sekundarlehrer, Bildungsrat, Kantonsrat (EVP), Illnau-Effretikon ZH - Eine wachsende Zahl schwieriger Schüler, praxisuntaugliche Reformen wie die «Integration» lernschwacher und verhaltensauffälliger Schüler in die Normklassen, eine ausufernde Bürokratie: So bestimmt Amstutz, Oberstufenlehrer und Zürcher Bildungsrat, die grössten «Belastungen» im Lehrberuf. Amstutz stellt fest, dass Junglehrer durchschnittlich bloss noch fünf Jahre in ihrem Job blieben. Viele seien überfordert: Mit den offenen Unterrichtsformen, etwa dem Individualisieren, das an den pädagogischen Hochschulen wie ein «Dogma» gelehrt werde, stürzten manche ab: «Was nützen uns die besten pädagogischen Konzepte, wenn die Lehrpersonen unter den vorhandenen Rahmenbedingungen kaum eine Chance haben, diese Ideen erfolgreich umzusetzen?»
Wo immer man sich umhört, eines fällt auf: Der Unmut erfahrener Lehrer hat nichts mit dem Schulegeben an sich zu tun, nicht einmal so sehr mit schwierigen Schülern, sondern mit bürokratischen Zumutungen. Es ist eine bittere Ironie, die Lehrern zu schaffen macht: Verwaltung und Politik, die ihnen das Handwerk durch gute Bedingungen erleichtern sollten, erschweren es.
«Fatale Akademisierung»
Allan Guggenbühl, renommierter Kinderpsychologe, sagt: «Die Situation der Schule ist dramatisch. Sie wird instrumentalisiert durch externe Institutionen, durch Bildungsdirektionen und sogenannte Experten.»
Wie ist es so weit gekommen? Guggenbühl spricht von den «fatalen Folgen» einer «Akademisierung»: «Die Schule muss als Experimentierfeld für eine akademische Elite herhalten, die von der Praxis keine Ahnung hat.»
Als ermutigendes Zeichen werten es Lehrer, dass mit Guggenbühl ein Wissenschaftler ihre Sprache spricht. Die Unterstützung für die Anliegen der Basis wächst: Guggenbühl hat ein Diskussionsforum über Schulfragen angeregt (www.kindgerechte-schule.ch).
«Mündige Lehrpersonen verschaffen sich Gehör!», fordert ein Forumsteilnehmer. Ein anderer schreibt: «Wie oft hat mir als Lehrer einfach die Zeit gefehlt, das zu verwirklichen, was ich geplant hatte. In den letzten Jahren kamen laufend neue Aufgaben auf die Schule zu. Wo blieb das Kerngeschäft? Weitgehend auf der Strecke.»
Der Beitrag einer Lehrerin: «Wir sind stolz auf unsere Volksschule. Aber haben wir wirklich eine Volksschule? Eine Volksschule müsste vor allem an der Basis von den Lehrpersonen gestaltet werden, nicht von den Bildungsbürokraten. Eine Volksschule müsste für die Bedürfnisse der Kinder da sein, nicht für die Profilierung von PolitikerInnen.»
Signale des Widerstands
Beim Forum «Kindgerechte Schule» arbeiten Vertreter von Lehrerorganisationen mit, etwa Hansruedi Hottinger, Vizepräsident der Schweizer Sekundarlehrkräfte (Sek I CH). Hottinger diagnostiziert eine «Bildungsblase»: «Man glaubt heute, mit technokratischen Mitteln Bildung und Erziehung organisieren zu können. Aber diese Rechung geht nicht auf.»
Lehrerverbände, die bisher zu allen Reformen ja sagten, beginnen die Anliegen ihrer Klientel ernst zu nehmen. Aus den Kantonen kommen Signale des Widerstands, aus dem Aargau beispielsweise oder aus Baselland. Dort hat sich der Lehrerinnen- und Lehrerverein (LVB) gegen HarmoS, gegen den Bildungsraum Nordwestschweiz (eine «Schreibtischtat») und gegen die «Integration» behinderter Kinder in die Regelklassen ausgesprochen. Die Mitglieder haben je dreissig Franken einbezahlt, damit der Verein für Protestaktionen gewappnet ist.
Die Realität ist längst im Schulzimmer angekommen. Wer eine funktionsfähige Schule will, kommt um die Erfahrungen der Praktiker schwerlich herum.
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Dienstag, 14. April 2009
Donnerstag, 9. April 2009
Bildungspolitik in der Schweiz
Meine sehr verehrten Damen und Herren
Es ist mir eine Freude und eine Ehre, dass ich heute vor Ihnen zum Thema „Bildung“ sprechen darf. Ich habe in der Weltwoche verschiedene Artikel geschrieben, die sich kritisch mit aktuellen Tendenzen der Schweizer Bildungspolitik auseinander setzen. Um den Kanton Aargau kommt man da – fast hätte ich gesagt: leider – nicht herum. Es hiesse allerdings, Eulen nach Athen zu tragen, wenn ich mit einem Strauss Kleeblätter zu Ihnen käme – Sie wissen, welche Art Kleeblatt ich meine. Mit dem Ihnen wohlbekannten „Bildungskleeblatt“ prescht der Aargau zwar weiter vor als andere Kantone, aber die ambitionierten Reformprojekte sind durchaus typisch für den bildungspolitischen Zeitgeist.
Manches läuft schief, wie Sie im Alltag und in Ihren Unternehmen auch schon erlebt haben werden. Ich möchte Ihnen im Folgenden fünf Problembereiche oder populäre Irrtümer skizzieren, die derzeit im Bildungsbereich auszumachen sind.
Irrtum 1: Reformwahn
Politik und Bildungsbürokratie gehen davon aus, dass die Probleme der Schule durch ständige institutionelle Reformen zu bewältigen sind. Neue Lehrpläne, neue Fächer, neue Leitbilder, ein neues Beurteilungssystem, ein neue Einschulung und vor allem eine völlige Neugestaltung der Klassentypen (Stichwort: integrative Schulung) sollen es richten. Spricht man mit Praktikern, also mit Lehrerinnen und Lehrern, wird schnell deutlich, dass die endlose Reformflut mehr Problem schafft, als sie löst. Den Leuten an der Front, sagt Max Müller, langjähriger und kürzlich zurückgetretener Präsident des Lehrervereins Baselland, gingen die permanenten Änderungen auf den Geist. Es sei nicht zu erkennen, wo der „Nutzeffekt“ liege. Zahlen bestätigen diese Einschätzung. Laut einer Umfrage des Lehrer-Dachverbandes bei 4200 Lehrpersonen bezweifeln drei Viertel der Befragten, dass die laufenden Reformvorhaben – vor allem das Projekt „Harmonisierung der obligatorischen Schule“ (HarmoS) – zu einem guten Ende kommen.
Besonders kritisch beurteilen viele Lehrer die „Integration“, sprich: die weit gehende Abschaffung der Sonderschulen und die Reduktion von drei auf zwei Oberstufenlevels. Erstes Ziel jeder Schulpolitik sollte es doch wohl sein, das Niveau der Ausbildung zu erhöhen. Genau das Gegenteil ist jedoch vom schön klingenden Slogan „Integrieren statt Separieren“ zu befürchten. Urs Loosli, Präsident der Sekundärlehrkräfte des Kantons Zürich (Sek ZH), sagt: „Die Sonderklassen aufzulösen und das Niveau in den normalen Klassen zu halten oder zu steigern – diese Rechnung geht nicht auf.“ Es ist leicht vorauszusehen: Das Potenzial für Unruhe wächst durch die schwierigen Schüler, zu erwarten ist eine Angleichung der Leistungen nach unten.
Irrtum 2: Bürokratisierung
Hand in Hand mit der permanenten Umgestaltung des Bildungswesens geht eine zunehmende Bürokratisierung. Der Koordinationsaufwand steigt durch das Fachlehrersystem, das verbreitete Jobsharing und den modischen Teamgedanken (während die starke Lehrerpersönlichkeit unter Generalverdacht gerät). Es gibt immer mehr Formulare, Sitzungen und Vorgaben. Ein Beispiel sind die neuen Zeugnisse. Die Sprachnoten sind in vier Unterkategorien aufgeteilt, und dazu kommt ein ausgebauter Katalog weicher Beurteilungsfaktoren: „Erscheint pünktlich und ordnungsgemäss zum Unterricht“, „beteiligt sich aktiv am Unterricht“, „arbeitet konzentriert und ausdauernd“, „gestaltet Arbeiten sorgfältig und zuverlässig“, „kann mit anderen zusammenarbeiten“, „schätzt die eigene Leistungsfähigkeit realistisch ein“, „akzeptiert die Regeln des schulischen Zusammenlebens“, „begegnet den Lehrpersonen und Mitschülerinnen und Mitschülern respektvoll“. Für jeden einzelnen dieser Punkte gibt es vier verschiedene Werte auf einer Skala.
Früher gab es Zensuren für „Fleiss“, „Ordnung“ und „Betragen“, und jeder – ob Lehrmeister oder Eltern – wusste, was gemeint war. Die heutigen Soft-Kriterien sind derart kompliziert, dass die Bildungsdirektionen sich gezwungen sahen, mehrseitige Erläuterungen – eine Art Lesehilfen – für die Zeugnisse herauszugeben. Für Eltern, Schüler – und sogar die Lehrer.
Ein deutliches Indiz für die Bürokratisierung des Betriebs ist der steigende Anteil an administrativem und technischem Personal. Im gesamten Bildungsbereich sind die Ausgaben für die Lehrkräfte von 1990 bis 2004 um 22 Prozent gestiegen, diejenigen für die Kategorie „Übriges Personal“ (Technik und Administration) dagegen um satte 75 Prozent. Absolut stiegen die Kosten für Verwaltungsjobs und Ähnliches von 1,9 auf 4,2 Milliarden Franken.
Irrtum 3: Feminisierung
Weit gehend tabuisiert ist die Feminisierung des Schulbetriebs. Auf der Primarschulstufe sind in der Schweiz drei Viertel aller Lehrkräfte Frauen. Im Kanton Zürich beträgt der Frauenanteil in der Unterstufe (1. bis 3. Klasse) gar 90 Prozent. Die Verweiblichung des Berufs hat Folgen. Lilo Lätzsch, Präsidentin des Zürcher Lehrerverbandes (und ebenfalls eine Frau), sagt: „Viele Kinder treffen zum ersten Mal in der Berufslehre auf einen Mann. Das ist eine Katastrophe“. Der Kinderpsychologe Allan Guggenbühl urteilt: „Die heutige Pädagogik kommt den Mädchen entgegen. Buben interessieren sich für Sport, Technik, Autos. Das kommt in den Lehrmitteln wenig vor.“ Jungen messen sich gern an andern, sie lieben den Wettbewerb. Doch dies widerspricht dem pädagogischen Zeitgeist, der sich an individuellen Lernzielen orientiert und Leistungsvergleiche als „diskriminierenden“ Akt auffasst.
Die Feminisierung macht aus dem Lehrerberuf einen Teilzeitjob. Nur noch ein Drittel aller Volkschullehrer arbeitet Vollzeit. Im Kanton Luzern sind es sogar weniger als ein Viertel. Im Aargau sind 35 Prozent der Lehrer zu weniger als 50 Prozent angestellt. In einem Schulhaus im zürcherischen Uster hat von 20 Lehrkräften eine einzige Lehrerin eine volle Stelle inne. Gerade für schwächere und schwierige Schüler (zum Beispiel solche mit Konzentrationsproblemen) ist diese Zersplitterung des Lehrkörpers ein Problem. Sie bräuchten eine stabile Bezugsperson, sehen sich aber laufend wechselnden Lehrerinnen gegenüber.
Irrtum 4: Akademisierung
Ein weiterer populärer Irrtum der Bildungsbranche betrifft die Akademisierung. Alle möglichen und unmöglichen Ausbildungsgänge werden auf die Hochschulstufe verlegt. Ob das wirklich und in jedem Fall sinnvoll ist, fragt man nicht. Die traditionellen Lehrerseminare (ich selbst habe im luzernischen Hitzkirch ein solches besucht) werden durch pädagogische Hochschulen ersetzt. Statt Allrounder bildet man dort Fachlehrkräfte aus. Es ist aber nicht einzusehen, warum Volkschullehrer Spezialisten sein müssen. Nicht Fachwissen und Stoffbeherrschung sind auf dieser Stufe eine Herausforderung, sondern die erzieherischen Fähigkeiten. Doch gerade hier wirkt die akademisierte Ausbildung kontraproduktiv: Das Fachlehrersystem unterhöhlt die Autorität des Klassenlehrers. Die zentrale Instanz – Voraussetzung für einen geordneten Unterrichtsablauf – löst sich auf. Im Kanton Zürich gibt es eine 2. Primarklasse, an der neun verschiedene Lehrkräfte unterrichten.
Der Trend zur Akademisierung treibt seltsame Blüten. Die Pädagogische Hochschule Bern kündigte unlängst ein Studium für Kleinkinderzieherinnen an, die heute noch eine dreijährige Berufslehre machen. Für Kindergärtnerinnen und Primarlehrerinnen soll ein „Master of Advanced Studies in Early Childhood Education“ ins Programm aufgenommen werden. Die Universität Basel meldete kürzlich, dass sie die erste Hebamme mit Doktortitel hervorgebracht habe. Ob dies ausser der Profilierungssucht der Institutionen und dem Ego der Absolventen auch den Kindern nützt, darf bezweifelt werden.
Ebenso fragwürdig ist der internationale Trend, möglichst hohe Maturitätsquoten auszuweisen. Länder wie Frankreich sind uns da um Dutzende Prozentpunkte voraus, dort macht fast jeder sein Baccalauréat. Sind die Franzosen deshalb gescheiter, und ist ihre Wirtschaft wettbewerbsfähiger? Wohl kaum. Wir sind gut beraten, wenn wir weiterhin die bewährte Tradition qualitativ hochstehender Berufslehren pflegen.
Irrtum 5: Geld bildet nicht
Die Bildungspolitiker haben ein einfaches Rezept: Von links bis rechts handeln sie nach dem Glaubensatz, dass mehr Geld mehr Geist hervorbringe. Der alle vier Jahre zu verabschiedende Bildungs- und Forschungskredit des Bundes gleicht jeweils einer Auktion auf Kosten der Staatskasse. Die Parteien überbieten sich mit Forderungen nach höheren Ausgaben. Dabei geht die entscheidende Frage leicht vergessen: diejenige nach der Qualität von Lehre und Forschung. Viele der bestehenden Missstände lassen sich mit weiteren Ausgabensteigerungen nicht beheben. Im Gegenteil: Der Druck, Fehlentwicklungen zu korrigieren und die Mittel gezielter einzusetzen, fällt durch die stets erhöhten Subventionen weg.
Die jährlichen Bildungsausgaben stiegen von 1990 bis 2004 von 16,2 auf 26,7 Milliarden Franken. Der Budgetposten Bildung und Forschung ist in diesem Zeitraum doppelt so stark gewachsen wie das Bruttoinlandprodukt (BIP). Über die Qualität ist damit aber nichts gesagt. Bereits 1997 hat eine OECD-Studie das Schweizer Bildungssystem als wenig wirksam kritisiert. Ökonomisch gesehen, weist es zwar hohe Outputs auf, braucht dafür aber unverhältnismässig hohe Inputs. Umgekehrt gilt, wie die OEDC in ihrem Ländervergleich 2006 festhält, „dass ein niedrigeres Ausgabenniveau [...] nicht zwangsläufig mit schwächeren Bildungsergebnissen einhergeht“. So waren Südkorea und die Niederlande bei der Pisa-Erhebung 2003 ganz vorn, obwohl die Aufwendungen in diesen Ländern unter dem OECD-Durchschnitt liegen.
Die Schweiz leistet sich eines der teuersten Bildungssysteme der Welt. Doch es mangelt an Effizienz. Jede Bürokratie neigt dazu, ihren Tätigkeitsbereich auszudehnen und ihre Logik auf andere zu übertragen. Die Bildungsbürokratie zeigt das exemplarisch: Sie treibt den administrativen Aufwand der Lehrer durch ständige Reformen in die Höhe und lenkt sie damit vom Kerngeschäft ab: dem Unterrichten und der Stoffvermittlung.
Lernen könnten Lehrer und Schulen von der Privatwirtschaft: Sie brauchen nicht Reformen und Reglementierungen von oben, sondern Unternehmergeist, Eigeninitiative und Führungsverantwortung. –
Kontakt: philipp.gut@weltwoche.ch
Es ist mir eine Freude und eine Ehre, dass ich heute vor Ihnen zum Thema „Bildung“ sprechen darf. Ich habe in der Weltwoche verschiedene Artikel geschrieben, die sich kritisch mit aktuellen Tendenzen der Schweizer Bildungspolitik auseinander setzen. Um den Kanton Aargau kommt man da – fast hätte ich gesagt: leider – nicht herum. Es hiesse allerdings, Eulen nach Athen zu tragen, wenn ich mit einem Strauss Kleeblätter zu Ihnen käme – Sie wissen, welche Art Kleeblatt ich meine. Mit dem Ihnen wohlbekannten „Bildungskleeblatt“ prescht der Aargau zwar weiter vor als andere Kantone, aber die ambitionierten Reformprojekte sind durchaus typisch für den bildungspolitischen Zeitgeist.
Manches läuft schief, wie Sie im Alltag und in Ihren Unternehmen auch schon erlebt haben werden. Ich möchte Ihnen im Folgenden fünf Problembereiche oder populäre Irrtümer skizzieren, die derzeit im Bildungsbereich auszumachen sind.
Irrtum 1: Reformwahn
Politik und Bildungsbürokratie gehen davon aus, dass die Probleme der Schule durch ständige institutionelle Reformen zu bewältigen sind. Neue Lehrpläne, neue Fächer, neue Leitbilder, ein neues Beurteilungssystem, ein neue Einschulung und vor allem eine völlige Neugestaltung der Klassentypen (Stichwort: integrative Schulung) sollen es richten. Spricht man mit Praktikern, also mit Lehrerinnen und Lehrern, wird schnell deutlich, dass die endlose Reformflut mehr Problem schafft, als sie löst. Den Leuten an der Front, sagt Max Müller, langjähriger und kürzlich zurückgetretener Präsident des Lehrervereins Baselland, gingen die permanenten Änderungen auf den Geist. Es sei nicht zu erkennen, wo der „Nutzeffekt“ liege. Zahlen bestätigen diese Einschätzung. Laut einer Umfrage des Lehrer-Dachverbandes bei 4200 Lehrpersonen bezweifeln drei Viertel der Befragten, dass die laufenden Reformvorhaben – vor allem das Projekt „Harmonisierung der obligatorischen Schule“ (HarmoS) – zu einem guten Ende kommen.
Besonders kritisch beurteilen viele Lehrer die „Integration“, sprich: die weit gehende Abschaffung der Sonderschulen und die Reduktion von drei auf zwei Oberstufenlevels. Erstes Ziel jeder Schulpolitik sollte es doch wohl sein, das Niveau der Ausbildung zu erhöhen. Genau das Gegenteil ist jedoch vom schön klingenden Slogan „Integrieren statt Separieren“ zu befürchten. Urs Loosli, Präsident der Sekundärlehrkräfte des Kantons Zürich (Sek ZH), sagt: „Die Sonderklassen aufzulösen und das Niveau in den normalen Klassen zu halten oder zu steigern – diese Rechnung geht nicht auf.“ Es ist leicht vorauszusehen: Das Potenzial für Unruhe wächst durch die schwierigen Schüler, zu erwarten ist eine Angleichung der Leistungen nach unten.
Irrtum 2: Bürokratisierung
Hand in Hand mit der permanenten Umgestaltung des Bildungswesens geht eine zunehmende Bürokratisierung. Der Koordinationsaufwand steigt durch das Fachlehrersystem, das verbreitete Jobsharing und den modischen Teamgedanken (während die starke Lehrerpersönlichkeit unter Generalverdacht gerät). Es gibt immer mehr Formulare, Sitzungen und Vorgaben. Ein Beispiel sind die neuen Zeugnisse. Die Sprachnoten sind in vier Unterkategorien aufgeteilt, und dazu kommt ein ausgebauter Katalog weicher Beurteilungsfaktoren: „Erscheint pünktlich und ordnungsgemäss zum Unterricht“, „beteiligt sich aktiv am Unterricht“, „arbeitet konzentriert und ausdauernd“, „gestaltet Arbeiten sorgfältig und zuverlässig“, „kann mit anderen zusammenarbeiten“, „schätzt die eigene Leistungsfähigkeit realistisch ein“, „akzeptiert die Regeln des schulischen Zusammenlebens“, „begegnet den Lehrpersonen und Mitschülerinnen und Mitschülern respektvoll“. Für jeden einzelnen dieser Punkte gibt es vier verschiedene Werte auf einer Skala.
Früher gab es Zensuren für „Fleiss“, „Ordnung“ und „Betragen“, und jeder – ob Lehrmeister oder Eltern – wusste, was gemeint war. Die heutigen Soft-Kriterien sind derart kompliziert, dass die Bildungsdirektionen sich gezwungen sahen, mehrseitige Erläuterungen – eine Art Lesehilfen – für die Zeugnisse herauszugeben. Für Eltern, Schüler – und sogar die Lehrer.
Ein deutliches Indiz für die Bürokratisierung des Betriebs ist der steigende Anteil an administrativem und technischem Personal. Im gesamten Bildungsbereich sind die Ausgaben für die Lehrkräfte von 1990 bis 2004 um 22 Prozent gestiegen, diejenigen für die Kategorie „Übriges Personal“ (Technik und Administration) dagegen um satte 75 Prozent. Absolut stiegen die Kosten für Verwaltungsjobs und Ähnliches von 1,9 auf 4,2 Milliarden Franken.
Irrtum 3: Feminisierung
Weit gehend tabuisiert ist die Feminisierung des Schulbetriebs. Auf der Primarschulstufe sind in der Schweiz drei Viertel aller Lehrkräfte Frauen. Im Kanton Zürich beträgt der Frauenanteil in der Unterstufe (1. bis 3. Klasse) gar 90 Prozent. Die Verweiblichung des Berufs hat Folgen. Lilo Lätzsch, Präsidentin des Zürcher Lehrerverbandes (und ebenfalls eine Frau), sagt: „Viele Kinder treffen zum ersten Mal in der Berufslehre auf einen Mann. Das ist eine Katastrophe“. Der Kinderpsychologe Allan Guggenbühl urteilt: „Die heutige Pädagogik kommt den Mädchen entgegen. Buben interessieren sich für Sport, Technik, Autos. Das kommt in den Lehrmitteln wenig vor.“ Jungen messen sich gern an andern, sie lieben den Wettbewerb. Doch dies widerspricht dem pädagogischen Zeitgeist, der sich an individuellen Lernzielen orientiert und Leistungsvergleiche als „diskriminierenden“ Akt auffasst.
Die Feminisierung macht aus dem Lehrerberuf einen Teilzeitjob. Nur noch ein Drittel aller Volkschullehrer arbeitet Vollzeit. Im Kanton Luzern sind es sogar weniger als ein Viertel. Im Aargau sind 35 Prozent der Lehrer zu weniger als 50 Prozent angestellt. In einem Schulhaus im zürcherischen Uster hat von 20 Lehrkräften eine einzige Lehrerin eine volle Stelle inne. Gerade für schwächere und schwierige Schüler (zum Beispiel solche mit Konzentrationsproblemen) ist diese Zersplitterung des Lehrkörpers ein Problem. Sie bräuchten eine stabile Bezugsperson, sehen sich aber laufend wechselnden Lehrerinnen gegenüber.
Irrtum 4: Akademisierung
Ein weiterer populärer Irrtum der Bildungsbranche betrifft die Akademisierung. Alle möglichen und unmöglichen Ausbildungsgänge werden auf die Hochschulstufe verlegt. Ob das wirklich und in jedem Fall sinnvoll ist, fragt man nicht. Die traditionellen Lehrerseminare (ich selbst habe im luzernischen Hitzkirch ein solches besucht) werden durch pädagogische Hochschulen ersetzt. Statt Allrounder bildet man dort Fachlehrkräfte aus. Es ist aber nicht einzusehen, warum Volkschullehrer Spezialisten sein müssen. Nicht Fachwissen und Stoffbeherrschung sind auf dieser Stufe eine Herausforderung, sondern die erzieherischen Fähigkeiten. Doch gerade hier wirkt die akademisierte Ausbildung kontraproduktiv: Das Fachlehrersystem unterhöhlt die Autorität des Klassenlehrers. Die zentrale Instanz – Voraussetzung für einen geordneten Unterrichtsablauf – löst sich auf. Im Kanton Zürich gibt es eine 2. Primarklasse, an der neun verschiedene Lehrkräfte unterrichten.
Der Trend zur Akademisierung treibt seltsame Blüten. Die Pädagogische Hochschule Bern kündigte unlängst ein Studium für Kleinkinderzieherinnen an, die heute noch eine dreijährige Berufslehre machen. Für Kindergärtnerinnen und Primarlehrerinnen soll ein „Master of Advanced Studies in Early Childhood Education“ ins Programm aufgenommen werden. Die Universität Basel meldete kürzlich, dass sie die erste Hebamme mit Doktortitel hervorgebracht habe. Ob dies ausser der Profilierungssucht der Institutionen und dem Ego der Absolventen auch den Kindern nützt, darf bezweifelt werden.
Ebenso fragwürdig ist der internationale Trend, möglichst hohe Maturitätsquoten auszuweisen. Länder wie Frankreich sind uns da um Dutzende Prozentpunkte voraus, dort macht fast jeder sein Baccalauréat. Sind die Franzosen deshalb gescheiter, und ist ihre Wirtschaft wettbewerbsfähiger? Wohl kaum. Wir sind gut beraten, wenn wir weiterhin die bewährte Tradition qualitativ hochstehender Berufslehren pflegen.
Irrtum 5: Geld bildet nicht
Die Bildungspolitiker haben ein einfaches Rezept: Von links bis rechts handeln sie nach dem Glaubensatz, dass mehr Geld mehr Geist hervorbringe. Der alle vier Jahre zu verabschiedende Bildungs- und Forschungskredit des Bundes gleicht jeweils einer Auktion auf Kosten der Staatskasse. Die Parteien überbieten sich mit Forderungen nach höheren Ausgaben. Dabei geht die entscheidende Frage leicht vergessen: diejenige nach der Qualität von Lehre und Forschung. Viele der bestehenden Missstände lassen sich mit weiteren Ausgabensteigerungen nicht beheben. Im Gegenteil: Der Druck, Fehlentwicklungen zu korrigieren und die Mittel gezielter einzusetzen, fällt durch die stets erhöhten Subventionen weg.
Die jährlichen Bildungsausgaben stiegen von 1990 bis 2004 von 16,2 auf 26,7 Milliarden Franken. Der Budgetposten Bildung und Forschung ist in diesem Zeitraum doppelt so stark gewachsen wie das Bruttoinlandprodukt (BIP). Über die Qualität ist damit aber nichts gesagt. Bereits 1997 hat eine OECD-Studie das Schweizer Bildungssystem als wenig wirksam kritisiert. Ökonomisch gesehen, weist es zwar hohe Outputs auf, braucht dafür aber unverhältnismässig hohe Inputs. Umgekehrt gilt, wie die OEDC in ihrem Ländervergleich 2006 festhält, „dass ein niedrigeres Ausgabenniveau [...] nicht zwangsläufig mit schwächeren Bildungsergebnissen einhergeht“. So waren Südkorea und die Niederlande bei der Pisa-Erhebung 2003 ganz vorn, obwohl die Aufwendungen in diesen Ländern unter dem OECD-Durchschnitt liegen.
Die Schweiz leistet sich eines der teuersten Bildungssysteme der Welt. Doch es mangelt an Effizienz. Jede Bürokratie neigt dazu, ihren Tätigkeitsbereich auszudehnen und ihre Logik auf andere zu übertragen. Die Bildungsbürokratie zeigt das exemplarisch: Sie treibt den administrativen Aufwand der Lehrer durch ständige Reformen in die Höhe und lenkt sie damit vom Kerngeschäft ab: dem Unterrichten und der Stoffvermittlung.
Lernen könnten Lehrer und Schulen von der Privatwirtschaft: Sie brauchen nicht Reformen und Reglementierungen von oben, sondern Unternehmergeist, Eigeninitiative und Führungsverantwortung. –
Kontakt: philipp.gut@weltwoche.ch
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