Behandlungsergebnis Selbsttötung. Suizidalität als mögliche Wirkung psychiatrischer Psychopharmaka
Depressionen können durch eine Vielzahl von Ursachen ausgelöst werden: Psychosoziale und politische Umstände, neurologische Erkrankungen, Stoffwechselstörungen, Altersabbauprozesse, Viren, toxikologische Substanzen, Medikamente, Psychopharmaka und vieles mehr. Mediziner befassen sich vor allem mit organisch oder vermeintlich organisch bedingten Depressionen, gegen die sie in aller Regel Psychopharmaka und Elektroschocks einsetzen. Dass insbesondere eine Vielzahl von Psychopharmaka, die sie verabreichen, Depressionen und Suizidalität bewirken und verstärken können, fällt ihnen schwer zu akzeptieren. Dabei wird in der medizinischen und pharmakologischen Fachliteratur häufig über die depressionsverursachende Wirkung von Psychopharmaka berichtet. Speziell Neuroleptika, sogenannte antipsychotische Medikamente, lösen häufig Depressionen aus.
Psychopharmaka-assoziierte Depressionen und Suizidalität
Neuroleptika wirken durch eine Blockade speziell des Nervenimpulsüberträgerstoffs Dopamin mit dem Ergebnis, dass sich ein mehr oder weniger subtiles Parkinsonoid einstellt. Dies ist der Symptomenkomplex der Parkinsonkrankheit, charakterisiert durch gebeugten Gang, Muskelzittern und verwaschene Sprache. Ein Parkinsonoid entsteht regelhaft durch die Dopaminblockade. Das Erscheinungsbild des Parkinsonoids ist jeweils dasselbe, sei es durch Altersabbauprozesse, Bleivergiftung oder Neuroleptika hergestellt. Die Potenz der Neuroleptika ist definiert durch ihre Kraft, ein Parkinsonoid auszulösen; es handelt sich also nicht um eine unerwünschte Nebenwirkung, sondern um die von Psychiatern definierte therapeutische Hauptwirkung.
Das Parkinsonoid, primär eine Erkrankung des Bewegungsapparats, beinhaltet Veränderungen auch auf der psychischen Ebene. Neurologen definieren diese als Parkinsonpsyche. Sie ist ein gesetzmäßig mit dem Parkinsonoid einhergehender Symptomenkomplex, der sich von Apathie und Willenlosigkeit über Depression und Suizidalität bis hin zu Verwirrtheits- und Delirzuständen erstreckt (Fünfgeld 1967, S. 13ff). Auf die Parallelität zwischen emotionaler parkinsonbedingter Abstumpfung nach einer Hirnerkrankung und emotionaler Abstumpfung im Rahmen der Neuroleptikawirkung wies der deutsche Psychiater Hoimar von Ditfurth schon 1955 nach den ersten Verabreichungen des Neuroleptikaprototyps Chlorpromazin (im Handel u.a. als Largactil, Megaphen und Propaphenin) hin:
»Es hat, so möchten wir glauben, den Anschein, als ob die psychischen Veränderungen, die das Megaphen vor allem auf emotionalem Gebiet hervorruft, von gleicher Natur sind, wie die »affektive Abstumpfung und Einengung«, die man bei postencephalitischen Parkinsonisten (Parkinsonkranken nach Abklingen einer akuten Hirnentzündung, P.L.) so häufig registriert. « (1955, S. 56)
Depressionen und Suizidalität stellen also notwendige Auswirkungen von Neuroleptika dar und werden demzufolge von Psychiatern problemlos hingenommen.
Frank Ayd von der Psychiatrischen Abteilung des Franklin Square Hospitals in Baltimore schrieb 1975:
»Es besteht nun eine allgemeine Übereinstimmung, dass milde bis schwere Depressionen, die zum Suizid führen können, bei der Behandlung mit jedem Depot-Neuroleptikum auftreten können, ebenso wie sie während der Behandlung mit jedem oralen Neuroleptikum vorkommen können. Diese depressiven Veränderungen der Stimmung können zu jeder Zeit während depotneuroleptischer Behandlung auftreten. Einige Kliniker haben Depressionen kurz nach Behandlungsbeginn bemerkt; andere machten diese Beobachtung Monate oder Jahre nach Behandlungsbeginn.« (S. 497)
In ihrem Buch »Psychiatrische Pharmakotherapie« äußerten sich die beiden deutschen Psychiater Otto Benkert und Hanns Hippius zur Frage, ob die Suizidalität eventuell einer zu hohen Dosierung angelastet werden könne:
»Depressionen, Suizidalität, Erregungszustände und Delirien unter Pharmaka treten im allgemeinen unter Dosierungen auf, die durch den behandelnden Arzt therapeutisch verordnet wurden.« (1980, S. 258)
Statistische Angaben über neuroleptikabedingte Suizide sind, wie Psychiater selbst schreiben, aus vielerlei Gründen viel zu niedrig angesetzt. Solche Behandlungsverläufe würden von Medizinern nicht als Wirkungen der verabreichten chemischen Substanzen erkannt oder beachtet (Lehmann 1996, S. 111). Dass die Dunkelziffer von Suiziden auch in Psychiatrischen Anstalten immens ist, offenbarte der in der Unianstalt Basel tätige Asmus Finzen; unkorrekte Zahlenangaben seien allerdings von außen schwer festzustellen, weil
»... in Krankengeschichten und Entlassungsbüchern oft kein Vermerk über den Tod oder den Suizid der Patienten zu finden war. Wenn sich der Suizid während eines Urlaubs ereignet hatte, wurde er nicht selten rückwirkend entlassen. Wenn der Suizidversuch nicht zum sofortigen Tod geführt hatte, galt er für das Krankenblatt und die Statistik als verlegt in die Innere oder in die Chirurgische Klinik.« (1988, S. 45)
Die depressive Stimmungsveränderung unter Neuroleptika bei gleichbleibenden äußeren Bedingungen prüften zwei englische Psychiater, R. de Alarcon und M.W.P. Carney. Im ›British Medical Journal‹ schilderten sie einige unter gemeindepsychiatrischer Behandlung erfolgte Suizide unter Fluphenazin (im Handel u.a. als Dapotum und Lyogen), um schließlich ausführlich einen Fluphenazinversuch an einem 39jährigen wiederzugeben, der bereits einen Suizidversuch unter dieser Substanz hinter sich hatte. Als den Psychiatern an diesem Mann aufgefallen war, dass er regelmäßig einige Tage nach seiner 14tägigen Depotspritze Suizidabsichten entwickelte, wollten sie mit eigenen Augen die stimmungsverschlechternde Wirkung des Neuroleptikums miterleben. In der Anstalt beobachtete man den ›schizophrenen‹ Mann vier Wochen lang, ohne dass man ihm Neuroleptika verabreichte und ohne dass etwas Wesentliches an seiner Stimmung auffiel. Dann erhielt er eine intramuskuläre Spritze à 25 mg:
»Während seines Krankenhausaufenthaltes wurde er dreimal pro Woche von einem von uns (R. de A.) interviewt. In der Woche vor der Injektion, als man ihn nicht interviewen musste, erörterte man seinen Zustand mit dem leitenden Stationspfleger, und die Krankenakten wurden gelesen. An einem Mittwoch um 15 Uhr verabreichte man ihm die Versuchsspritze. Am Nachmittag des folgenden Tages war er in gedrückter Stimmung, wollte in Ruhe gelassen werden und hatte kein Bedürfnis, mit irgend jemandem zu reden, zu lesen oder fernzusehen. Ungefähr um 16 Uhr ging er zu Bett. Nach Meinung der aufsichtsführenden Schwester stellte er einen Suizidrisikofall dar. Als man ihn am Freitag interviewte, war die Veränderung seines äußeren Erscheinungsbildes beeindruckend. Er blickte düster drein, einen Scherz beantwortete er nicht mit einem Lächeln, und es fand keine spontane Konversation statt. Seine Antworten waren auf das unbedingt Notwendige beschränkt. Das Vorhandensein irgendwelcher paranoider oder hypochondrischer Ideen oder irgendwelcher Schuldgefühle verneinte er. Er sagte einfach, dass er sich sehr minderwertig vorkomme, und wenn er alleine in seiner Bude wäre, würde er sich das Leben nehmen. Am Freitagabend trat eine Besserung ein, und als man ihn am Samstag erneut interviewte, hatte er wieder zu seinem gewohnten, normalen Selbst zurückgefunden. (... de Alarcon und Carney resümierten, P.L.) dass manche Patienten für einen kurzen Zeitraum nach der Injektion von Fluphenazin-Enanthat oder -Decanoat schwer depressiv werden können. Bislang wurden noch keine klaren Strukturen begründet hinsichtlich der Frage, wann und bei wem dies möglicherweise auftreten kann. Das Fehlen von nachteiligen Wirkungen in der Vergangenheit ist kein Hinweis darauf, dass diese in der Zukunft nicht doch vorkommen können. Zum Beispiel erhielt in dem Versuchsfall der Patient das Fluphenazin-Enanthat länger als sechs Monate, bevor er wiederholt mit einer schweren Depression auf die Injektion zu reagieren begann, und dasselbe geschah in anderen Versuchsreihen. « (1969, S. 565f.)
Peter Müller von der Unianstalt Göttingen fand in seiner placebokontrollierten Untersuchung bei einem weit höheren Prozentsatz depotneuroleptischer Behandelten depressive Syndrome hochsignifikant häufiger als bei den Placebobehandelten. Über die Ergebnisse nach Verminderung oder Absetzen der Neuroleptika schrieb er:
»Bei insgesamt 47 Behandlungsmaßnahmen kam es in 41 Fällen zu einer Besserung der depressiven Verstimmung, nur in zwei Fällen gab es keine Veränderung, bei vier war der Effekt fraglich. Es war sehr überraschend festzustellen, dass allein die Reduzierung der neuroleptischen Dosis (in der Regel auf die Hälfte der bisherigen Gabe) in der überwiegenden Zahl dieser Fälle schon zur Besserung des depressiven Syndroms führte, allerdings oft nur zu einer Teilbesserung, die aber immerhin den Patienten schon deutlich entlastete. Demgegenüber brachte das gänzliche Absetzen bei anderen Patienten oder bei den gleichen Patienten, bei denen eine Dosisminderung nur zur geringen Besserung führte, einen sehr eindrücklichen Erfolg hinsichtlich der Depressionsbesserung. Manche Patienten berichteten, dass sie sich erst jetzt wieder völlig gesund fühlten wie lange vor der Erkrankung, und die von manchen Ärzten fast als unveränderlich angesehene depressive Bedrückung, die eventuell für Vorboten defektuöser Entwicklungen hätte gehalten werden können, verschwand gänzlich. Der mögliche Einwand, es könne sich hierbei um psychoreaktive Effekte im Sinne der Erleichterung des Patienten über das Absetzen der Medikation handeln, ist zu widerlegen, da fast alle Patienten Depot-Injektionen erhielten und über die Dosis dann nicht informiert wurden bzw. Placebo-Injektionen erhielten. (...) Die Veränderungen dieser Patienten waren für sie selbst, für Angehörige und Untersucher in manchen Fällen recht eindrucksvoll, die Patienten berichteten selbst, dass sie sich jetzt wieder ganz gesund wie lange vor der Erkrankung fühlten. Das war bei der neuroleptisch weiterhin behandelten Gruppe überwiegend nicht der Fall. Diese Befunde sprechen wohl doch eindeutig für pharmakogene Einflüsse und gegen morbogene Entwicklungen.« (1981, S. 52f., 64)
Müller resümierte:
»Depressive Syndrome nach der Remission der Psychose und unter neuroleptischer Behandlung sind nicht selten, sondern treten etwa bei zwei Dritteln der Patienten auf, teilweise auch noch häufiger, besonders wenn parenteral Depot-Neuroleptika gegeben werden. Ohne neuroleptische Behandlung finden sich hingegen nach vollständiger Remission diese depressiven Verstimmungen nur ausnahmsweise.« (S. 72)
Müllers – eigentlich – unübersehbare und unüberhörbare Aussagen werden von einer Vielzahl von Kollegen gestützt (Lehmann 1996, S. 57 – 87, 109 – 115). Hier einige Beispiele: Raymond Battegay und Annemarie Gehring (1968) von der Unianstalt Basel warnten nach einem Vergleich von Behandlungsverläufen der vor- und nachneuroleptischen Ära:
»Im Verlauf der letzten Jahre wurde verschiedentlich auch eine Verschiebung des schizophrenen Symptomenbildes nach einem depressiven Syndrom hin beschrieben. Mehr und mehr zeigen die Schizophrenien einen bland-depressiv-apathischen Verlauf. Es wurde offenbar, dass unter Neuroleptica oft gerade das entsteht, was mit ihrer Hilfe hätte vermieden werden sollen und als Defekt bezeichnet wird.« (S. 107f.)
Walter Pöldinger und S. Siebern von der Anstalt Wil/Schweiz schrieben:
»Es ist nicht ungewöhnlich, dass medikamentenverursachte Depressionen durch ein häufiges Vorkommen von suizidaler Ideation gekennzeichnet sind.« (1983, S. 131)
1976 teilte Hans-Joachim Haase von der Psychiatrischen Anstalt Landeck mit, die Anzahl lebensgefährdender depressiver Erscheinungen nach Anstaltsbehandlung mit Psychopharmaka habe sich seit Einführung der Neuroleptika mindestens verzehnfacht. Die Steigerung der Suizidrate sei »alarmierend und besorgniserregend«, so Bärbel Armbruster von der Unianstalt Bonn 1986 im ›Nervenarzt‹ – ohne allerdings die Betroffenen und ihre Angehörigen oder gar die Öffentlichkeit zu alarmieren.
Über die Entwicklung in Finnland, Norwegen und Schweden informierte 1977 Rolf Hessö von der Unianstalt Oslo; es scheine klar zu sein,
»... dass der Anstieg sowohl der absoluten Suizidzahlen als auch der relativen im Jahre 1955 begann. Dies war das Jahr, in dem Neuroleptika in den skandinavischen psychiatrischen Krankenhäusern eingeführt wurden.« (S. 122)
Jiri Modestin schrieb 1982 über seinen Arbeitsplatz, die Unianstalt Bern, sowie die benachbarte Psychiatrische Anstalt Münsingen:
»Unsere Resultate zeigen eine dramatische Zunahme der Suizidhäufigkeit unter den in der PUK Bern sowie auch PK Münsingen hospitalisierten Patienten in den letzten Jahren.« (S. 258)
Berichte über Depressionen und Suizidalität aus erster Hand
In dem 1998 erschienenen Buch »Psychopharmaka absetzen« beschrieb Regina Bellion aus Bremen ihren psychischen Zustand unter gemeindenaher Behandlung:
»Entlassung aus der Klinik. Auf nicht absehbare Zeit soll ich Neuroleptika einnehmen, sagt mir der Klinikarzt, an eine andere Therapieform sei überhaupt nicht zu denken, ich solle ja nichts ausprobieren.
Allein zu Hause. Dreimal täglich zähle ich meine Haldol?Tropfen ab. Sonst tue ich nicht viel. Ich sitze auf meinem Stuhl und starre in Richtung Fenster. Ich nehme nicht wahr, was draußen vor sich geht. Es fällt mir schwer, mich zu bewegen. Immerhin schaffe ich es täglich, aus dem Bett aufzustehen. Ich merke nicht, dass die Wohnung verdreckt. Es kommt mir nicht in den Sinn, dass ich kochen sollte. Ich wasche mich nicht. Ich frage mich nicht einmal, ob ich stinke. Meine Verelendung schreitet fort – ich bemerke es nicht.
Hinter meiner neuroleptischen Mauer vegetiere ich vor mich hin und bin ausgesperrt aus der Welt und aus dem Leben. Die reale Welt ist weiter von mir weg als Pluto von der Sonne. Meine eigene heimliche Welt ist auch weg – diese letzte Zuflucht habe ich mir mit Haldol zerstört.
Dies ist nicht mein Leben. Dies bin nicht ich. Genauso gut könnte ich tot sein. Eine Idee nimmt allmählich Form an: Bevor es Winter wird, werde ich mich erhängen.
Vorher will ich ausprobieren, ob mein Leben ohne Haldol anders wird. Ich reduziere die Tropfen. Weniger und weniger nehme ich davon ein, bis ich bei Null ankomme.
Nach einem Monat bin ich clean. Da merke ich, wie verwahrlost ich bin. Ich wasche mir die Haare, beziehe das Bett, mache die Wohnung sauber. Ich bereite eine warme Mahlzeit. Das macht mir sogar Vergnügen. Ich kann wieder denken.« (Bellion 1998, S. 311f)
Ähnliche Erfahrungen schilderte eine ebenfalls in Bremen lebende Betroffene, der man eine Kombination aus Haldol und dem Antidepressivum Aponal verordnet und die unter dem Einfluss der psychiatrischen Psychopharmaka – zum Glück ohne Erfolg – versucht hatte, ihrem Leiden durch Suizid ein Ende zu setzen:
»Wieder entlassen, hockte ich stundenlang in meiner Küche vorm Wasserhahn, durstig, aber unfähig, einen Becher Wasser zu nehmen oder das hart gewordene Brot zu beißen. Der Supermarkt war nur wenige Schritte entfernt, ich schaffte es nicht aufzustehen und wünschte mir nur, einfach tot zu sein, um endlich Ruhe zu haben. Mit Gott hatte ich gebrochen wegen dieser Erkrankung. Ich sah sie als Bestrafung an für zwei dunkle Punkte in meinem Leben. Das Schlimmste aber war der Teufelskreis des ewig wiederkehrenden psychotischen Denkens. Ich versuchte immer wieder, wenigstens ein paar Sekunden etwas anderes zu denken – es gelang nicht. Die Gedanken drehten immer wieder ihre sattsam bekannten gleichen Runden, Hunderte Male am Tag, mal im Zeitlupentempo, um dann immer schneller werdend das Gehirn zu malträtieren. Genau das war für mich die Hölle und das teuflische Spiel. Ich fühlte mich verdammt, von Gott auf immer verlassen, es gab keine Erlösung. Ich konnte nichts tun, als diesen fiesen Film liegend zu ertragen. Ich wusste, ich muss wieder glauben lernen, aber es ging nicht, und so versuchte ich, das Leben zu beenden.« (Marmotte 1998, S. 114)
Suizidale Auswirkungen haben auch atypische Neuroleptika, wie der Bericht der Österreicherin Ursula Fröhlich in »Schöne neue Psychiatrie« zeigt:
»Seit Beginn der Leponex-Einnahme habe ich keine Lust mehr auf Sex, keine Lust an der Bewegung und keine Freude am Leben. Ein Leben ohne Freude ist jedoch ärger als der Tod. Alles, war mir geblieben ist, ist das Fernsehen, wo ich seit sieben Jahren anderen zusehe, wie sie leben. Ich bin zwar biologisch noch am Leben, doch meine Sinne sind schon längst tot, alles, was mir früher Freude gemacht hat, kann ich nicht mehr machen. Mein Leben existiert eigentlich gar nicht mehr, ich komme mir so leer und so unbedeutend vor. Am schlimmsten ist es am Morgen. Jeden Tag nehme ich mir vor, am nächsten Tag mit einem gesunden Leben zu beginnen, die Medikamente wegzuschmeißen, viele Vitamine und Fruchtsäfte zu trinken und mit einer täglichen Fitnessroutine zu beginnen. Durch die Neuroleptika entsteht ein Gefühl, als ob es mir gelingen würde, am nächsten Tag mit einem ganz anderen, einem neuen Leben zu beginnen. Wenn ich dann aber in der Früh aufwache, bin ich wie zerschlagen und komme vor 9 Uhr nie aus dem Bett, meine Depressionen sind so arg, dass ich jeden Tag an Selbstmord denke.« (zit.n. Lehmann 1996, S. 70f.)
Psychiatern ging es bei ihren Selbstversuchen im Prinzip nicht anders. 1954 und 1955 veröffentlichten Hans Heimann und Peter Nikolaus Witt (1955) von der Unianstalt Bern ihre an Radnetzspinnen und Kontrollpersonen 1080 sowie in drei Selbstversuchen und neun weiteren Experimenten an ebenso vielen Psychiatern und Pharmakologen gewonnenen Erfahrungen mit einer einmaligen Einnahme von Largactil, dem Neuroleptika-Prototyp Chlorpromazin. Sehr deutlich wurde das unter Largactil ausgeprägte Gefühl der Minderwertig- und Leistungsunfähigkeit, strukturelles Bestandteil der neuroleptikabedingten Parkinsonpsyche, an den folgenden Auszügen:
»›Ich fühlte mich regelrecht körperlich und seelisch krank. Auf einmal erschien mir meine ganze Situation hoffnungslos und schwierig. Vor allem war die Tatsache quälend, dass man überhaupt so elend und preisgegeben sein kann, so leer und überflüssig, weder von Wünschen noch anderem erfüllt‹ ... (Nach Abschluss der Beobachtung): ›Riesengroß wuchsen vor mir die Aufgaben des Lebens auf: Nachtessen, in das andere Gebäude gehen, zurückkommen – und das alles zu Fuß. Damit erreichte der Zustand sein Maximum an unangenehmem Empfinden: Das Erlebnis eines ganz passiven Existierens bei klarer Kenntnis der sonstigen Möglichkeiten‹ ...« (S. 113)
Suizidregister als Vorbeugemaßnahme
In Deutschland forderte der Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener e.V. im Februar 2000 von der Bundesministerin für Gesundheit die Einführung eines Suizidregisters unter besonderer Berücksichtigung von beteiligten Psychopharmaka/Elektroschocks, vorangegangener Fixierung und anderen Formen vorangegangener psychiatrischer Zwangsmaßnahmen (Lehmann 2001, S. 46). Das Fehlen einer flächendeckenden Registrierung von Suiziden in Zusammenhang mit psychiatrischen Behandlungsmaßnahmen sei ein großer Missstand; solche Daten seien eine elementare Voraussetzung für die Ursachenforschung sowie eine wichtige Basis für die Vorbeuge- und Früherkennungsarbeit. Eine staatenübergreifende Meldepflicht für Psychiatrie- und Psychopharmaka-assoziierte Suizide könnte dafür sorgen, dass Vorsorgemaßnahmen möglich und endlich verlässliche Studien durchgeführt werden, die den Zusammenhang insbesondere zwischen Psychopharmakawirkungen und Suizidalität weiter erforschen. Nicht nur Neuroleptika, wie dargelegt, sondern auch Antidepressiva (Healy 2001; Lehmann 1996, S. 194ff) und Elektroschocks (Frank 1990) sind sehr sorgfältig zu beobachten.
Berichte von Betroffenen, die durch eine traumatisierende Behandlung mit Psychopharmaka, Elektro- und Insulinschocks zur Suizidalität geradezu getrieben werden (siehe z.B. Kempker 2000), dürfen nicht weiter ignoriert werden. Instanzen, die Kenntnis von diesem Zusammenhang haben und untätig bleiben, trifft eine Mitschuld an psychopharmakabedingten Suiziden. Insbesondere Mediziner und Angehörige müssen über das Risiko psychopharmakogener Depression und Suizidalität informiert werden. Und die Betroffenen natürlich ebenso, damit sie eine wohlabgewogene und informierte Entscheidung über die Einnahme oder Nichteinnahme eines angebotenen Psychopharmakons treffen und gegebenenfalls weniger riskante Maßnahmen gegen ihre Depression treffen können.
Die Tatsache, dass sich psychiatrische Autopsiestudien retrospektiv mit Diagnosen und den zugrunde liegenden psychischen Zuständen befassen (siehe zum Beispiel Hell 2005, S. 20), nicht aber mit der jeweils konkreten Behandlung zum Zeitpunkt des Suizides, sagt alles über die Unwilligkeit von Psychiatern, sich im Rahmen von Suizidprophylaxe-Überlegungen kritisch mit den (möglichen) Folgen der eigener Tätigkeit auseinanderzusetzen. Eine psychiatrische Argumentation, es gebe eine Vielzahl von möglichen Ursachen bei Suiziden, also sei eine - von niemandem auch nur im Ansatz behauptete - Unikausalität auszuschließen, mag für uninformierte Menschen erstmal plausibel klingen. Ein vergleichbares Krebsregister wäre mit demselben Argument ebenfalls abzulehnen, man denke an durchsichtige Argumentationsstränge hinsichtlich Datenerhebungen über gehäufte Leukämiefälle nahe Atomkraftwerken oder die Argumentation mit nichtspezifischen Einzelfällen bei Missbildungen zu Beginn der Contergan-Ära. Welcher Verursacher von gesundheitlichen Schäden gibt schon gerne seine eigene Beteiligung zu?
Nachtrag: Fortgesetzte Diskriminierung von Psychiatriebetroffenen
Im Consensus-Papier der Konferenz »Ausgewogene Förderung von psychischer Gesundheit und psychiatrischer Betreuung« der WHO und Europäischer Kommission im April 1999 in Brüssel (WHO 1999) war die Einbeziehung von Psychiatriebetroffenen in die Psychiatriepolitik beschlossen worden:
»Gemeinsame Ziele und Strategien zur Verbesserung psychiatrischer Vorsorge und Behandlung schließen (...) die Entwicklung innovativer und umfassender, insbesondere psychiatrischer Psychiatriepolitik ein in Konsultation mit allen Beteiligten, einschließlich den Betroffenen und dem Pflegepersonal, und unter Berücksichtigung der Beiträge von Nichtergierungsorganisationen und Bürgerhelfern.« (WHO 1999, S. 9)
Auch zur Konferenz »Bewältigung von stress- und depressionsassoziierten Problemen in Europa« (Oktober 2001 in Brüssel), wiederum von der WHO und Europäischen Kommission veranstaltet, wurde ein Vertreter des Europäischen Netzwerks von Psychiatriebetroffenen eingeladen.
Statt seine Teilnahme aktiv einzubeziehen, um Politikern und Professionellen am Erfahrungsschatz und Wissen Psychiatriebetroffener teilhaben zu lassen, hielt man es nicht für nötig, ihm einen gleichberechtigten Plenumsbeitrag anzubieten. Statt dessen wurde ihm vom mitveranstaltenden Belgischen Sozial- und Gesundheitsministerium beschieden, »eine aktive Rolle in der Diskussion in Arbeitsgruppen« (Leen Meulenbergs).
Dies ist eine überkommene Rollenzuweisung für die Vertreter von Psychiatriebetroffenen, die eine aktive Rolle als Experten bei sie selbst zutiefst betreffenden Kongressen spielen sollten. Sie ist als diskriminierend und gegen den Geist der Gleichberechtigung gerichtet zurückzuweisen.
Literatur
Armbruster, Bärbel: »Suizide während der stationären psychiatrischen Behandlung«, in: Nervenarzt 57 (1986), S. 511-516
Ayd, Frank J.: »The depot fluphenazines«, in: American Journal of Psychiatry 132 (1975), S. 491-500
Battegay, Raymond / Gehring, Annemarie: »Vergleichende Untersuchungen an Schizophrenen der präneuroleptischen und der postneuroleptischen Ära«, in: Pharmakopsychiatrie Neuro-Psychopharmakologie 1 (1968), S. 107-122
Bellion, Regina: »Nach dem Absetzen fangen die Schwierigkeiten erst an«, in: Peter Lehmann (Hg.): »Psychopharmaka absetzen – Erfolgreiches Absetzen von Neuroleptika, Antidepressiva, Lithium, Carbamazepin und Tranquilizern«, Berlin 1998, S. 310-323
Benkert, Otto / Hippius, Hanns: »Psychiatrische Pharmakotherapie«, 3. Auflage, Berlin / Heidelberg / New York 1980
De Alarcon, R. / Carney, M.W.P.: »Severe depressive mood changes following slow-release intramuscular fluphenazine injection«, in: British Medical Journal, 1969, S. 564-567
Finzen, Asmus: »Der Patientensuizid«, Bonn 1988
Frank, Leonard R.: »Elektroschock«, in: Peter Lehmann: »Schöne neue Psychiatrie«, Band 1: »Wie Chemie und Strom auf Geist und Psyche wirken«, Berlin 1996, S. 287-319
Fünfgeld, Ernst Walter: »Psychopathologie und Klinik des Parkinsonismus vor und nach stereotaktischen Operationen«, Berlin / Heidelberg / New York 1967
Haase, Hans-Joachim: »Pharmakotherapie bei Schizophrenien«, in: ders. (Hg.): »Die Behandlung der Psychosen des schizophrenen und manisch-depressiven Formenkreises«, Stuttgart / New York 1976, S. 93 – 120
Healy, David: »The SSRI suicides«, in: Craig Newnes, Guy Holmes, Cailzie Dunn (Hg.): »This is madness too: Critical perspectives on mental health services«, Ross-on-Wye 2001, S. 59-69
Heimann, Hans / Witt, Peter Nikolaus: »Die Wirkung einer einmaligen Largactilgabe bei Gesunden«, in: Monatsschrift für Psychiatrie und Neurologie, Band 129 (1955), S. 104-123
Hell, Daniel: "Was tun, um Suizide zu vermeiden und zu verhindern?" Interview in: Psychiatrie, Psychiatrie & Neurologie 4/2005, S. 20-21; Retrieved February 27, 2008, from www.tellmed.ch/include_php/previewdoc.php?file_id=2060
Hessö, Rolf: »Suicide in Norwegian, Finnish, and Swedish hospitals«, in: Archiv für Psychiatrie und Nervenkrankheiten 224 (1977), S. 119 – 127
Kempker, Kerstin: »Mitgift – Notizen vom Verschwinden«, Berlin 2000
Lehmann, Peter: »Schöne neue Psychiatrie«, Band 1: »Wie Chemie und Strom auf Geist und Psyche wirken«, Berlin 1996
Lehmann, Peter: »Grußwort des Bundesverbandes Psychiatrie-Erfahrener«, in: Aktion Psychisch Kranke (Hg.): »25 Jahre Psychiatrie-Enquete«, Band 1, Bonn 2001, S. 44 – 47
Lenz, Fritz: "Menschliche Auslese und Rassenhygiene", München: J. F. Lehmanns Verlag, 2., vermehrte und verbesserte Auflage 1923, S. 23
Marmotte, Iris: »Die Blaue Karawane, unterwegs...«, in: Peter Lehmann (Hg.): »Psychopharmaka absetzen – Erfolgreiches Absetzen von Neuroleptika, Antidepressiva, Lithium, Carbamazepin und Tranquilizern«, Berlin 1998, S. 112 – 130
Modestin, Jiri: »Suizid in der psychiatrischen Institution«, in: Nervenarzt 53 (1982), S. 254 – 261
Müller, Peter: »Depressive Syndrome im Verlauf schizophrener Psychosen«, Stuttgart 1981
Pöldinger, Walter / Sieberns, S.: »Depression-inducing and antidepressive effects of neuroleptics«, in: Neuropsychobiology 10 (1983), S. 131 – 136
Von Ditfurth, Hoimar: »Anwendungsmöglichkeiten des Megaphens in der psychiatrischen Klinik und Forschung«, in: Nervenarzt 26 (1955), S. 54 – 59
World Health Organization / European Commission: »Balancing mental health promotion and mental health care: a joint World Health Organization / European Commission meeting«, Broschüre MNH/NAM/99.2, Brüssel 1999; siehe www.enusp.org/documents/consensus.htm
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Freitag, 20. Februar 2009
Mittwoch, 21. Januar 2009
Schizophrenie - die erfundene Krankheit
Unethische Psychiater verbreiten
Fehlinformationen über die Schizophrenie
von Al Siebert, Ph.D.
Zusammenfassung: Prominente Psychiater sagen, Schizophrenie sei eine Gehirnkrankheit wie Alzheimer, Parkinson oder Multiple Sklerose. Diese Behauptung widerspricht den wissenschaftlichen Fakten: kein Neurologe kann das Vorhandensein oder Nichtvorhandensein von Schizophrenie im Labortest unabhängig nachweisen, weil die Mehrheit der Leute, bei denen die Diagnose Schizophrenie gestellt wurde, keinerlei neuropathologische oder biochemische Abweichungen hat, wogegen einige Leute ohne schizophrene Symptome solche biophysiologischen Abweichungen hat. Eine progressive Verschlechterung des Zustands tritt bei Leuten mit Schizophrenie normalerweise nicht auf: meistens zeigt sich mit der Zeit eine Verbesserung. Psychotherapie und Milieu-Therpie, ohne Medikamente, hat sogar bei den am schwersten gestörten schizophrenen Personen zu einer vollständigen Genesung und darüber hinaus geführt. Viele Leute, bei denen Schizophrenie diagnostiziert wurde, sind ganz ohne Behandlung wieder genesen, etwas, was bei Personen mit Parkinson, Alzheimer oder Multipler Sklerose noch niemals vorgekommen ist.
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Als im Juli 1998 zwei Wachen des United States Capitol Buildings von einem Mann erschossen wurden, von dem es hieß, er leide an "paranoider Schizophrenie", löste dies ein aufgeregtes Medieninteresse an "Schizophrenie" aus. Unglücklicherweise benutzten prominente Psychiatrie-Experten diese Gelegenheit, um in den Medien zu verkünden, Schizophrenie sei eine Gehirnkrankheit wie Alzheimer, Parkinson oder Multiple Sklerose. Diese Aussage stimmt mit den wissenschaftlichen Fakten nicht überein und führt die Öffentlichkeit in die Irre.
In der TV-Show NewsHour (Farnsworth, 1998), ausgestrahlt auf Public Broadcasting System in den United States am 27.July 1998 (und später auf National Public Radio) interviewte die Journalistin Elizabeth Farnsworth die Direktorin des Mental Health Clinical Research Center an der University of Iowa und Chefredakteurin des American Journal of Psychiatry, Dr. Nancy Andreasen, und David Pickar, Direktor des Experimental Therapeutics Branch of the National Institute of Mental Health. Andreasen stellte fest: "[Verschiedene] Dinge kommen zusammen, um eine Gehirnverletzung zu erzeugen, die wir dann als Schizophrenie erkennen. es wird praktisch überall anerkannt, daß es sich um eine Gehirnerkrankung wie jede andere handelt, wie Alzheimer, Parkinson und so weiter." Pickar sagte: "Es steht außer Frage. Es ist eine Gehirnstörung." E. Fuller Torrey (1983, 1997; Yolken & Torrey, 1995), ein anderer landesweit bekannter Psychiater, hat wiederholt festgestellt, daß Schizophrenie zur selben Kategorie gehört wie andere Gehirnstörungen wie Parkinson, Alzheimer und Multiple Sklerose.
Diese Aussagen entstellen und mißinterpretieren die in der wissenschaftlichen Literatur veröffentlichten Forschungsergebnisse in acht signifikanten Hinsichten.
Schizophrenie ist nicht "eine einzelne Krankheit." Seit der ursprünglichen Beschreibungen von Emil Kraeplin (1902) und Eugen Bleuler (1950) vor fast 100 Jahren, beschreiben informierte professionelle Nachschlagewerke "Die Schizophrenien" als eine Gruppe von Erkrankungen. Laut O'Donnell und Grace (1998): "ein Hauptproblem im Studium der Schizophrenie ist die Verschiedenartigkeit ihrer Symptome, welche die Annahme nahelegt, daß Schizophrenie in Wirklichkeit ein Bündel von Krankheiten ist." (p. 267). Aussagen, die darauf hinauslaufen, daß Schizophrenie "eine Gehirnkrankheit" (singular) ist, sind irreführend.
Testergebnisse sprechen überwiegend gegen die Gehirnerkrankungs-Hypothese. Einige wenige Personen, bei denen Schizophrenie diagnostiziert wurde, zeigen gewisse Gehirn-Anomalien, aber die Brain Scans der meisten Schizophrenen liegen im normalen Bereich. (Weikert & Weinberger, 1998). Einige Psychiater schreiben der schwachen Evidenz trotzdem eine ungerechtfertigte Signifikanz zu. (Boyle, 1990). Beispielsweise kamen die Autoren einer Forschungsstudie über kindliche Schizophrenie (Nopoulos, Giedd, Andreasen, & Rapoport, 1998), zu dem Schluß, daß "Patienten mit extrem früh (in der Kindheit) ausbrechenden Formen der Schizophrenie schwerwiegendere entwicklungsbedingte Anomalien haben könnten als solche, bei denen Schizophrenie erst im Erwachsenenalter auftritt." (p. 1074 ) In Wirklichkeit geht aus den Daten der Studie hervor, daß von 24 getesteten Patienten nur 3 (12.5 Prozent) eine abnormale Vergrößerung gewisser Gehirnstrukturen zeigen, 21 (87.5 Prozent) nicht. In der Kontrollgruppe der Gesunden hatte eine Person ebenfalls derartige Abweichungen.
Ismail, Cantor-Grace, & McNeil (1998) haben herausgefunden, daß, wenn bei schizophrenen Patienten gewisse neurologische Abweichungen existierten, ihre nicht schizophrenen Geschwister ganz entsprechende Abweichungen zeigten. Andreasen (1995) fand einige Personen ohne schizophrene Symptome, die Gehirnanomalien hatten, wie sie auch bei einigen Schizophrenen gefunden wurden. Laut Lewine (1998), "gibt es bei Schizophrenie keine Gehirnanomalie, die charakteristisch ist für mehr als 20 - 33 Prozent der getesteten Fälle. Die Gehirne der Mehrheit der schizophrenen Personen sind normal, soweit die Forscher dies heutzutage sagen können. (p. 499). Darüberhinaus wird in den Studien, die Abweichungen finden, selten überprüft, ob diese möglicherweise auf längerfristige Einnahme von Neuroleptika oder anderer Medikamente zurückzuführen sind.
Die Hypothese der "Gehirnkrankheit" verträgt sich nicht mit der gesicherten Erkenntnis, daß viele Leute wieder vollständig von der Schizophrenie genesen. Im Gegensatz zu Parkinson, Alzheimer und Multipler Sklerose verläuft die Schizophrenie nicht notwendigerweise in Richtung lebenslanger Verschlechterung, und der Ausgang bei jeder einzelnen Person ist nicht vorhersehbar. (Marengo, 1994; Mendel, 1989; Mûller & von Zerssen, 1988; Ponyat, 1992). Manfred Bleuler (1979a), Autor des maßgeblichen Standardwerks über Schizophrenie, schrieb:
"Der Glaube, daß schizophrene Psychosen zwangsläufig eine Entwicklung in Richtung Demenz und Tod bedeuten...ist...ein tragischer Irrtum.... Fast ein Drittel der Schizophrenen werden wieder ganz gesund. Normalerweise entwickelt sich die Psychose 5 Jahre nach ihrem Ausbruch nicht mehr weiter, sondern verbessert sich eher wieder...Diese und andere Tatsachen, die bezüglich Verlauf und Ausbruch der schizophrenen Psychosen gemacht werden können, sind sicher nicht charakteristisch für eine organische zerebrale und metabolische Krankheit."(p. 1407).
In der Tat zeigen Längsstudien tausender Ex-Patienten in vielen Ländern, daß die Hälfte bis Zweidrittel der als schizophren diagnostizierten Personen viele Jahre später vollständige Genesung oder zumindest deutliche Verbesserung erlangten. Die Prozentzahlen sind:
a) Bleuler (1968), Züricher Studie: 23% voll genesen, 43% deutlich verbessert, 66% total.
b) Huber, Gross, Schuttler, und Linz. (1980), Bonner Studie: 26% voll genesen, 31% deutlich verbessert, 57% total.
c) World Health Organization (1979), weltweiter Nachfolgetest nach zwei Jahren: 26% sehr vorteilhaft, 25% vorteilhaft, 51% total.
d) Ciompi (1980), Lausanner Studie: 29% voll genesen, 24% deutlich verbessert, 53% total.
e) Harding et al. (1987), Vermont Studie: 34% voll genesen, 34% deutlich verbessert, 68% total.
f) Tsuang et al. (1979), Iowa Studie: 20% voll genesen, 26% deutlich verbessert, 46% total.
g) Hegarty et al. (1994), Meta-Analyse von 320 Outcome Studies, die alle Länder und alle Jahrzehnte umfaßten, mit 51,800 Personen 5-6 Jahre nach der Schizophrenie-Diagnose mit breiten Kriterien: 46.5% verbessert.
h) Warner (1994), zusammenfassende Bewertung von 85 Outcome Studies der Jahre 1956-1985: 20-25% vollständig genesen, 40-45% soziale Wiedereingliederung, 60-70% total.
i) Wiersma et al. (1998), 15 Jahre Nachfolgeuntersuchung einer holländischen Gruppe: 27% vollständige Genesung, 50% teilweise Genesung.
Viele der Ex-Patienten der oben aufgelisteten Studien wurden 20 bis 35 Jahre nach der Entlassung begutachtet. Unter den Genesenen waren Ex-Patienten, die einst als äußerst schwer gestört galten. Courtenay Harding und ihre Kollegen (Harding, 1987) spürten 82 Personen nach 20 bis 25 Jahren auf und begutachteten sie. Diese galten zuvor als die hoffnungslosesten Fälle, chronisch gestört, zurückgebliebene Patienten, die damals nach der Entlassung aus einem State Hospital in ein Rehabilitationsprogramm verlegt wurden. Harding hebt hervor, daß "für die Hälfte bis Zweidrittel die Langzeitentwicklung nicht verschlechternd oder marginal war, sondern eine Entwicklung zu verschiedenen Graden der Produktivität, des sozialen Eingebundenseins, Wohlbefindens und kompetenten Funktionierens." (p. 730). Viele von ihnen waren völlig symptomfrei.
Keine Gehirnkrankheit wurde jemals durch Psychotherapie oder durch das Verstreichen von Zeit geheilt. Viele Therapeuten haben über vollständige Genesungen von Schizophrenie berichtet, mittels Psychotherapie und /oder Milieutherapie (Artiss, 1962; Colbert, 1996; Fromm-Reichman, 1950; Harding, 1995; Jung, 1961; Karon, 1998; Laing, 1967; Mosher, 1999; Perry, 1974; Sechehaye, 1951; Siebert, im Druck; Sullivan, 1962). In den Soteria Studien wurden junge Erwachsene, die als akut schizophren diagnostiziert waren, ohne Medikamente und mit nicht- professionellen Helfern genauso gut und schnell stabilisiert wie eine entsprechende Gruppe, die in eine psychiatrische Klinik geschickt wurde. (Mosher & Menn, 1978). Viele als schizophren diagnostizierte Personen sind ganz von allein, ohne Medikamente und ohne Psychotherapie, wieder genesen. (Brody, 1952; French & Kasonin, 1941; Hoffman, 1985; Rubins, 1969).
In der zurückliegenden Zeit war der bekannteste Fall einer spontanen Genesung von Schizophrenie der von John Forbes Nash. 1949, im Alter von 21, schrieb Nash eine Ph.D. These, die ihn als mathematisches Genie erscheinen ließ. Neun Jahre später erlitt Nash einen geistigen Zusammenbruch und wurde als paranoid schizophren diagnostiziert. Sein Leben und seine Karriere waren vernichtet. Während der folgenden 20 Jahre war er zeitweise in den USA und Europa tätig, und war viele Male für kurze Zeit in klinischer Behandlung. Alte Freunde, frühere Kollegen und Bewunderer blieben in Kontakt mit ihm und waren ihm weiterhin freundlich gesinnt. Dann, aus unbekannten Gründen, erlebte Nash eine Spontangenesung. Laut seiner Ex-Frau und seiner Schwester, die zwei Leute, die ihn am besten kannten, stand seine Genesung in keinem Zusammenhang mit irgendeiner Medikation oder psychologischen Behandlung. (Nasar, 1998).
Einige Leute mit der Diagnose Schizophrenie gesunden sogar über ihren früheren Zustand hinaus. Eine schizophrene Erfahrung kann in einigen Fällen sogar einen positiven Effekt haben, zu vorteilhaften Änderungen in der Persönlichkeit und psychischem Wachstum beitragen. (Arieti, 1979; Bernheim & Lewine, 1979; Bleuler, 1950; Bowers, 1979; Cancro, 1974; French & Kasonin, 1941; Jung, 1961; Menninger, 1963; Perry, 1974; Pickering, 1976; Rubins, 1969; Silverman, 1970; Sullivan, 1962; Warner, 1994). John Weir Perry (1999) berichtete, daß 85 Prozent der Klienten (auf alle trafen die Kriterien des DSM für Schizophrenie zu, und alle waren "schwer psychotisch") die auf Diabasis behandelt wurden, "verbesserten sich nicht nur, ohne Medikamente, sondern die meisten entwickelten sich nach der Entlassung weiter." (p. 147).
Für einige scheint die schizophrene Episode einen Durchbruch zu höheren Ebenen geistiger und emotionaler Reife bewirkt zu haben. (Pickering, 1976; Sannella, 1981; Siebert, 1996). Silvano Arieti (1978) sagte, "viele Patienten, die eine intensive und langfristigen Psychotherapie erhielten, würden weit höhere Grade der Integration und Selbstverwirklichung erreichen, als vor dem Ausbruch der Psychose" (p. 20). Früher schrieb Arieti (1974): "einige meiner Patienten, die ich für geheilt halte, haben bedeutende Positionen im Leben erreicht, in der akademischen Welt ebenso wie in anderen Aktivitäten" (pp. 616-617).
Von keinem Patienten mit Parkinson, Alzheimer oder Multipler Sklerose wurde je bekannt, daß er wieder vollständig genesen wäre, und einen Grad der Gesundheit erreicht hätte, der den seines Zustands vor der Krankheit sogar noch übertrifft.
Die Ursache der Schizophrenie ist unbekannt (American Psychiatric Association, 1994; Gottesman, 1991). Andreasen sagte im Verlauf ihres Interviews (Farnsworth, 1998), daß Schizophrenie von "verschiedenartigen Sachen, vielleicht einer genetischen Prädisposition, ernährungsbedingten Faktoren in der frühen Kindheit, Virusinfektionen, Kopfverletzungen, Kontakt mit giftigen Stoffen, Kontakt mit Drogen (Medikamenten) unterschiedlicher Art, unerlaubte Drogen. All diese Dinge produzieren in der Summe eine Gehirnvergiftung, die wir dann als Schizophrenie erkennen." Dieses Statement ist schöngeistige Spekulation, kein wissenschaftlicher Fakt. Nehmen wir die umfassende Liste der Risikofaktoren, warum werden dann nicht mehr Menschen, die ihnen ausgesetzt sind, schizophren? Warum entwickeln nicht mehr Geschwister von schizophrenen Personen, die identische genetische Prädispositionen haben und demselben neurologischen Trauma ausgesetzt sind, eine Schizophrenie? (Ismail, Cantor-Grace, & McNeil, 1998)?
Wenn Andreasens Spekulationen wahr wären, würden viele Leute mit derselben "genetischen Prädisposition" eventuell eine Schizophrenie entwickeln, durch ein multiples neurologisches Trauma, ausgelöst durch chronisches Rauchen und Trinken, sich kumulierende Umweltgifte, Virusinfektionen, ungesunde Ernährung, ein vergreisendes Gehirn, geschwächtes Immunsystem, und frühe Stadien von Gehirnkrankheiten wie Alzheimer und Parkinson. Die Vertreter der "Gehirnkrankheits"-Hypothese können nicht erklären, warum Schizophrenien so regelmäßig bei körperlich gesunden jungen Erwachsenen, im Alter von 16 bis 25, vorkommen, aber kaum jemals bei irgendjemand über 40, unabhängig von irgendeinem physiologischen Stressor. (Arieti, 1979; M. Bleuler, 1979b; Hoffer & Osmond, 1966; Lewine, 1998; Ponyat, 1992; Smith, 1982).
Es gibt keine "universelle" Anerkennung, daß Schizophrenie eine Gehirnerkrankung sei "wie alle anderen Gehirnkrankheiten." Medizinische Handbücher und Pathologie-Zeitschriften enthalten die Schizophrenie nicht als pathophysiologische Krankheit. (Schaler, 1998). Medizinische Spezialgebiete, die sich mit Neuropathologie und neurologischen Krankheiten wie Parkinson und Multipler Sklerose befassen, haben nichts zu sagen über die Schizophrenien. Keine der folgenden Neurologie-Zeitschriften hat in den Jahren 1995 bis 1998 Artikel über Schizophrenie veröffentlicht: Neurology (official journal of the American Academy of Neurology), Journal of Neurology (European Neurological Society), Journal of Neurological Sciences (World Federation of Neurology), Journal of Neuroradiology; and Archives of Neurology. Ein Artikel über die Epidemiologie der Schizophrenie erschien im Journal of Neurology, Neurosurgery, and Psychiatry (Cannon & Jones, 1996), aber er hatte nichts mit Gehirnforschung zu tun. Die meisten Artikel, die sich der "Gehirnkrankheits"-Hypothese verschrieben haben, erschienen in psychiatrischen und biopsychologischen Zeitschriften.
Andreasens Behauptung der fast "universellen" Anerkennung der Schizophrenie als Gehirnkrankheit wird auch durch Statements vieler Psychiater und Psychologen Lügen gestraft, die klinische Erfahrung mit Schizophrenie haben, und die keinen überzeugenden Beleg für die Theorie sehen. (M. Bleuler, 1979a; Breggin, 1997; Karon, 1998; Lewine, 1998; Menninger, 1970).
Selbst das Diagnostic and Statistical Manual (fourth edition) der American Psychiatric Association (1994), stellt geradeheraus fest: "Es wurden keine Laborbefunde gefunden, die Schizophrenie diagnostizieren könnten." (p. 280). Diese Aussage unterstreicht, daß die "Gehirnkrankheits"-Hypothese mit einem einfachen Kriterium steht oder fällt. Eine wirkliche Gehirnkrankheit muß in Labortests identifiziert und bestätigt werden. Kein chemischer Blut-Test, neurologischer Test oder Brain Scan (oder irgend ein anderer Test) unabhängig evaluiert durch einen Neurologen, Biochemiker oder Pathologen, der über die klinischen Symptome des getesteten Patient nichts weiß, ist in der Lage, zuverlässig zu unterscheiden zwischen einer Person, die den ersten Ausbruch einer Schizophrenie erlebt, und einer, bei der dies nicht der Fall ist. (Andreason, 1997). Allerdings könnte so ein Test durchaus jemanden identifizieren, der viele Jahre lang neuroleptische Medikamente zu sich genommen hat.
"Behandlungen" der Schizophrenie sind oft schädlicher als die "Krankheit". In dem Farnsworth-Interview (1998), sagte Pickar, wenn Leute damit aufhörten, ihre Medikamente zu nehmen, "könnten die Konsequenzen sehr schwerwiegend sein". Was Pickar allerdings nicht berichtet hat ist, daß die Entzugs-Symptome den Patienten außerkraftsetzen und Psychose-ähnliche Zustände auslösen können (Cohen, 1997) und daß Langzeitmedikation schwere Gesundheitsschäden verursachen kann. Neuroleptische Medikamente können tiefgreifende Funktionsschäden im Gehirn bewirken, und sie führen oft zu einer irreversiblen Spätdyskinesie, bei bis zu 50 Prozent der Patienten. (Breggin 1997; Buckley, 1982; Cohen, 1997; Mosher, 1999; Rappaport, Hopkins, & Hall, 1978). Dies ist eine feststehende und bekannte Tatsache in der Psychiatrie.
Viele als schizophren diagnostizierten Leute sagen, die neuroleptischen Medikamente würden ihnen helfen. Es ist allerdings unter professionellen Gesichtspunkten unverantwortlich, von Pickar und von anderen Schizophrenie-Psychiatern, die Öffentlichkeit nicht darüber zu informieren, daß viele Leute durch neuroleptische Medikamente ernsthaft geschädigt werden, und daß viele Leute auch ohne irgendwelche Medikamente wieder vollständig gesund werden können.
Diskussion
Wie wir gesehen haben, geben einige Psychiater die in der psychiatrischen Fachliteratur berichteten Forschungsergebnisse verzerrt und unrichtig wieder. Sie spielen konsequent die Erkenntnis herunter, daß die meisten Leute mit Schizophrenie keine Gehirn- oder biochemischen Abweichungen erkennen lassen, und daß einige Leute mit solchen Abweichungen keine schizophrenen Symptome zeigen. Leute mit neuropathologischen Krankheiten wurden niemals durch Psychotherapie geheilt, noch wurden sie jemals nach Jahrzehnten in einem völlig wiederhergestellten Zustand angetroffen.
Während einige schwache Korrelationen gefunden wurden zwischen dem Vorhandensein schizophrener Symptome und gewissen Gehirn-Abweichungen, bleibt ein grundlegendes wissenschaftliches Prinzip bestehen: Korrelation bedeutet nicht Verursachung. In einigen Fällen könnte ein tieferliegender Grund sowohl zu Gehirn- Anomalien als auch zu schizophrenen Symptomen führen. Einige Psychotherapeuten, die von erfolgreichen Wiedergenesungen von Schizophrenie berichten sagen, daß die Symptome oft in extrem traumatisierende Kindheitserlebnisse zurückweisen, die starke, widersprüchliche Gefühle von Einsamkeit und Terror ausgelöst haben. (Karon, 1998). Was, wenn es sich herausstellt, daß einige "schizophrene" Bedingungen von einer Form chronisch traumatischer Stress-Störung in der Kindheit herrühren (Ford, 1998), die dauerhafte Effekte auf Struktur und Funktion des Gehirns hat?
Die wirkliche "Tragödie der Schizophrenie" bestünde darin, daß tausende von Leuten, die mit der Diagnose "Schizophrenie" etikettiert wurden, zum Glauben verführt werden, sie hätten eine chronische, debilisierende, progressive Gehirnkrankheit wie die unheilbaren Krankheiten Alzheimer, Parkinson und Multiple Sklerose. Viele könnten das so erleben, als hörten sie ihre eigene Verurteilung zu einem langsamen, leidvollen und frühen Tod. Aber immer noch stirbt niemand an Schizophrenie, selbst wenn sie unbehandelt bleibt (Mendel, 1989). Trägt diese fehlerhafte und irreführende Information zu den hohen Suizidraten von Leuten bei, die als schizophren diagnostiziert wurden?
Verantwortungsvolle, wissenschaftlich zuverlässige Aussagen gegenüber den Medien könnten sich folgendermaßen anhören:
"Eine als schizophren diagnostizierte Person äußert Gedanken, Gefühle und Verhaltensweisen, die sehr verwirrend auf andere wirken, und die auch die Person selber oft verwirren, jedoch nicht immer. Die Forschung legt nahe, daß einige wenige der Leute, die als schizophren diagnostiziert wurden, neurologische Komplikationen haben, aber viele Leute mit demselben neurologischen Profil entwickeln keine Schizophrenie. Es gibt kein bekanntes Heilmittel für Schizophrenie. Einige Leute profitieren von Medikamenten, die ihre unerwünschten Symptome im Zaum halten, anderen Leute schaden die Medikamente, und andere Leute kommen am besten ganz ohne Medikamente zurecht. Ungefähr eine von 10 Personen erholt sich nie mehr von dem gestörten oder verstörenden Erlebnis und den Auswirkungen wiederholter klinischer Behandlung, aber 5 oder 6 von 10 können erwarten, wieder vollständig zu genesen oder daß sich ihr Zustand deutlich bessert. Gegenwärtig können wir nicht vorhersehen, wer eine Schizophrenie entwickeln wird und wieso, wer sich wieder davon erholt und wer nicht. Desweiteren können wir nicht erklären, warum manche Leute innerhalb von Wochen oder Monaten wieder genesen, während andere 5 bis 20 Jahre für ihre Genesung brauchen."
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Danksagung:
Der Autor möchte seine Anerkennung ausdrücken für die wertvolle editorische Hilfe von Tom Greening und David Cohen, für Forschungsbeiträge von Bert Karon, und für Inspiration von John Weir Perry.
Dieser Artikel erschien zuerst im Journal of Ethical Human Sciences and Services. New York: Springer Publishing Company, Vol. 1, No. 2, Sommer 1999, pp. 179-89 als "Brain Disease Hypothesis for Schizophrenia Disconfirmed by All Evidence."
Hinweis an Studenten, Editoren und Herausgeber: Wenn Sie irgendeinen Teil dieses Forschungspapiers zitieren oder nachdrucken, schicken Sie bitte eine elektronische Kopie an Al Siebert at asiebert@thrivenet.com, oder eine Papierkopie an: Al Siebert, Ph.D., P.O. Box 505, Portland, OR 97207.
Dieser Artikel erscheint auf dieser Website mit der Erlaubnis des Autors, Al Siebert.
(Übers.: Heinz Kaiser)
Fehlinformationen über die Schizophrenie
von Al Siebert, Ph.D.
Zusammenfassung: Prominente Psychiater sagen, Schizophrenie sei eine Gehirnkrankheit wie Alzheimer, Parkinson oder Multiple Sklerose. Diese Behauptung widerspricht den wissenschaftlichen Fakten: kein Neurologe kann das Vorhandensein oder Nichtvorhandensein von Schizophrenie im Labortest unabhängig nachweisen, weil die Mehrheit der Leute, bei denen die Diagnose Schizophrenie gestellt wurde, keinerlei neuropathologische oder biochemische Abweichungen hat, wogegen einige Leute ohne schizophrene Symptome solche biophysiologischen Abweichungen hat. Eine progressive Verschlechterung des Zustands tritt bei Leuten mit Schizophrenie normalerweise nicht auf: meistens zeigt sich mit der Zeit eine Verbesserung. Psychotherapie und Milieu-Therpie, ohne Medikamente, hat sogar bei den am schwersten gestörten schizophrenen Personen zu einer vollständigen Genesung und darüber hinaus geführt. Viele Leute, bei denen Schizophrenie diagnostiziert wurde, sind ganz ohne Behandlung wieder genesen, etwas, was bei Personen mit Parkinson, Alzheimer oder Multipler Sklerose noch niemals vorgekommen ist.
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Als im Juli 1998 zwei Wachen des United States Capitol Buildings von einem Mann erschossen wurden, von dem es hieß, er leide an "paranoider Schizophrenie", löste dies ein aufgeregtes Medieninteresse an "Schizophrenie" aus. Unglücklicherweise benutzten prominente Psychiatrie-Experten diese Gelegenheit, um in den Medien zu verkünden, Schizophrenie sei eine Gehirnkrankheit wie Alzheimer, Parkinson oder Multiple Sklerose. Diese Aussage stimmt mit den wissenschaftlichen Fakten nicht überein und führt die Öffentlichkeit in die Irre.
In der TV-Show NewsHour (Farnsworth, 1998), ausgestrahlt auf Public Broadcasting System in den United States am 27.July 1998 (und später auf National Public Radio) interviewte die Journalistin Elizabeth Farnsworth die Direktorin des Mental Health Clinical Research Center an der University of Iowa und Chefredakteurin des American Journal of Psychiatry, Dr. Nancy Andreasen, und David Pickar, Direktor des Experimental Therapeutics Branch of the National Institute of Mental Health. Andreasen stellte fest: "[Verschiedene] Dinge kommen zusammen, um eine Gehirnverletzung zu erzeugen, die wir dann als Schizophrenie erkennen. es wird praktisch überall anerkannt, daß es sich um eine Gehirnerkrankung wie jede andere handelt, wie Alzheimer, Parkinson und so weiter." Pickar sagte: "Es steht außer Frage. Es ist eine Gehirnstörung." E. Fuller Torrey (1983, 1997; Yolken & Torrey, 1995), ein anderer landesweit bekannter Psychiater, hat wiederholt festgestellt, daß Schizophrenie zur selben Kategorie gehört wie andere Gehirnstörungen wie Parkinson, Alzheimer und Multiple Sklerose.
Diese Aussagen entstellen und mißinterpretieren die in der wissenschaftlichen Literatur veröffentlichten Forschungsergebnisse in acht signifikanten Hinsichten.
Schizophrenie ist nicht "eine einzelne Krankheit." Seit der ursprünglichen Beschreibungen von Emil Kraeplin (1902) und Eugen Bleuler (1950) vor fast 100 Jahren, beschreiben informierte professionelle Nachschlagewerke "Die Schizophrenien" als eine Gruppe von Erkrankungen. Laut O'Donnell und Grace (1998): "ein Hauptproblem im Studium der Schizophrenie ist die Verschiedenartigkeit ihrer Symptome, welche die Annahme nahelegt, daß Schizophrenie in Wirklichkeit ein Bündel von Krankheiten ist." (p. 267). Aussagen, die darauf hinauslaufen, daß Schizophrenie "eine Gehirnkrankheit" (singular) ist, sind irreführend.
Testergebnisse sprechen überwiegend gegen die Gehirnerkrankungs-Hypothese. Einige wenige Personen, bei denen Schizophrenie diagnostiziert wurde, zeigen gewisse Gehirn-Anomalien, aber die Brain Scans der meisten Schizophrenen liegen im normalen Bereich. (Weikert & Weinberger, 1998). Einige Psychiater schreiben der schwachen Evidenz trotzdem eine ungerechtfertigte Signifikanz zu. (Boyle, 1990). Beispielsweise kamen die Autoren einer Forschungsstudie über kindliche Schizophrenie (Nopoulos, Giedd, Andreasen, & Rapoport, 1998), zu dem Schluß, daß "Patienten mit extrem früh (in der Kindheit) ausbrechenden Formen der Schizophrenie schwerwiegendere entwicklungsbedingte Anomalien haben könnten als solche, bei denen Schizophrenie erst im Erwachsenenalter auftritt." (p. 1074 ) In Wirklichkeit geht aus den Daten der Studie hervor, daß von 24 getesteten Patienten nur 3 (12.5 Prozent) eine abnormale Vergrößerung gewisser Gehirnstrukturen zeigen, 21 (87.5 Prozent) nicht. In der Kontrollgruppe der Gesunden hatte eine Person ebenfalls derartige Abweichungen.
Ismail, Cantor-Grace, & McNeil (1998) haben herausgefunden, daß, wenn bei schizophrenen Patienten gewisse neurologische Abweichungen existierten, ihre nicht schizophrenen Geschwister ganz entsprechende Abweichungen zeigten. Andreasen (1995) fand einige Personen ohne schizophrene Symptome, die Gehirnanomalien hatten, wie sie auch bei einigen Schizophrenen gefunden wurden. Laut Lewine (1998), "gibt es bei Schizophrenie keine Gehirnanomalie, die charakteristisch ist für mehr als 20 - 33 Prozent der getesteten Fälle. Die Gehirne der Mehrheit der schizophrenen Personen sind normal, soweit die Forscher dies heutzutage sagen können. (p. 499). Darüberhinaus wird in den Studien, die Abweichungen finden, selten überprüft, ob diese möglicherweise auf längerfristige Einnahme von Neuroleptika oder anderer Medikamente zurückzuführen sind.
Die Hypothese der "Gehirnkrankheit" verträgt sich nicht mit der gesicherten Erkenntnis, daß viele Leute wieder vollständig von der Schizophrenie genesen. Im Gegensatz zu Parkinson, Alzheimer und Multipler Sklerose verläuft die Schizophrenie nicht notwendigerweise in Richtung lebenslanger Verschlechterung, und der Ausgang bei jeder einzelnen Person ist nicht vorhersehbar. (Marengo, 1994; Mendel, 1989; Mûller & von Zerssen, 1988; Ponyat, 1992). Manfred Bleuler (1979a), Autor des maßgeblichen Standardwerks über Schizophrenie, schrieb:
"Der Glaube, daß schizophrene Psychosen zwangsläufig eine Entwicklung in Richtung Demenz und Tod bedeuten...ist...ein tragischer Irrtum.... Fast ein Drittel der Schizophrenen werden wieder ganz gesund. Normalerweise entwickelt sich die Psychose 5 Jahre nach ihrem Ausbruch nicht mehr weiter, sondern verbessert sich eher wieder...Diese und andere Tatsachen, die bezüglich Verlauf und Ausbruch der schizophrenen Psychosen gemacht werden können, sind sicher nicht charakteristisch für eine organische zerebrale und metabolische Krankheit."(p. 1407).
In der Tat zeigen Längsstudien tausender Ex-Patienten in vielen Ländern, daß die Hälfte bis Zweidrittel der als schizophren diagnostizierten Personen viele Jahre später vollständige Genesung oder zumindest deutliche Verbesserung erlangten. Die Prozentzahlen sind:
a) Bleuler (1968), Züricher Studie: 23% voll genesen, 43% deutlich verbessert, 66% total.
b) Huber, Gross, Schuttler, und Linz. (1980), Bonner Studie: 26% voll genesen, 31% deutlich verbessert, 57% total.
c) World Health Organization (1979), weltweiter Nachfolgetest nach zwei Jahren: 26% sehr vorteilhaft, 25% vorteilhaft, 51% total.
d) Ciompi (1980), Lausanner Studie: 29% voll genesen, 24% deutlich verbessert, 53% total.
e) Harding et al. (1987), Vermont Studie: 34% voll genesen, 34% deutlich verbessert, 68% total.
f) Tsuang et al. (1979), Iowa Studie: 20% voll genesen, 26% deutlich verbessert, 46% total.
g) Hegarty et al. (1994), Meta-Analyse von 320 Outcome Studies, die alle Länder und alle Jahrzehnte umfaßten, mit 51,800 Personen 5-6 Jahre nach der Schizophrenie-Diagnose mit breiten Kriterien: 46.5% verbessert.
h) Warner (1994), zusammenfassende Bewertung von 85 Outcome Studies der Jahre 1956-1985: 20-25% vollständig genesen, 40-45% soziale Wiedereingliederung, 60-70% total.
i) Wiersma et al. (1998), 15 Jahre Nachfolgeuntersuchung einer holländischen Gruppe: 27% vollständige Genesung, 50% teilweise Genesung.
Viele der Ex-Patienten der oben aufgelisteten Studien wurden 20 bis 35 Jahre nach der Entlassung begutachtet. Unter den Genesenen waren Ex-Patienten, die einst als äußerst schwer gestört galten. Courtenay Harding und ihre Kollegen (Harding, 1987) spürten 82 Personen nach 20 bis 25 Jahren auf und begutachteten sie. Diese galten zuvor als die hoffnungslosesten Fälle, chronisch gestört, zurückgebliebene Patienten, die damals nach der Entlassung aus einem State Hospital in ein Rehabilitationsprogramm verlegt wurden. Harding hebt hervor, daß "für die Hälfte bis Zweidrittel die Langzeitentwicklung nicht verschlechternd oder marginal war, sondern eine Entwicklung zu verschiedenen Graden der Produktivität, des sozialen Eingebundenseins, Wohlbefindens und kompetenten Funktionierens." (p. 730). Viele von ihnen waren völlig symptomfrei.
Keine Gehirnkrankheit wurde jemals durch Psychotherapie oder durch das Verstreichen von Zeit geheilt. Viele Therapeuten haben über vollständige Genesungen von Schizophrenie berichtet, mittels Psychotherapie und /oder Milieutherapie (Artiss, 1962; Colbert, 1996; Fromm-Reichman, 1950; Harding, 1995; Jung, 1961; Karon, 1998; Laing, 1967; Mosher, 1999; Perry, 1974; Sechehaye, 1951; Siebert, im Druck; Sullivan, 1962). In den Soteria Studien wurden junge Erwachsene, die als akut schizophren diagnostiziert waren, ohne Medikamente und mit nicht- professionellen Helfern genauso gut und schnell stabilisiert wie eine entsprechende Gruppe, die in eine psychiatrische Klinik geschickt wurde. (Mosher & Menn, 1978). Viele als schizophren diagnostizierte Personen sind ganz von allein, ohne Medikamente und ohne Psychotherapie, wieder genesen. (Brody, 1952; French & Kasonin, 1941; Hoffman, 1985; Rubins, 1969).
In der zurückliegenden Zeit war der bekannteste Fall einer spontanen Genesung von Schizophrenie der von John Forbes Nash. 1949, im Alter von 21, schrieb Nash eine Ph.D. These, die ihn als mathematisches Genie erscheinen ließ. Neun Jahre später erlitt Nash einen geistigen Zusammenbruch und wurde als paranoid schizophren diagnostiziert. Sein Leben und seine Karriere waren vernichtet. Während der folgenden 20 Jahre war er zeitweise in den USA und Europa tätig, und war viele Male für kurze Zeit in klinischer Behandlung. Alte Freunde, frühere Kollegen und Bewunderer blieben in Kontakt mit ihm und waren ihm weiterhin freundlich gesinnt. Dann, aus unbekannten Gründen, erlebte Nash eine Spontangenesung. Laut seiner Ex-Frau und seiner Schwester, die zwei Leute, die ihn am besten kannten, stand seine Genesung in keinem Zusammenhang mit irgendeiner Medikation oder psychologischen Behandlung. (Nasar, 1998).
Einige Leute mit der Diagnose Schizophrenie gesunden sogar über ihren früheren Zustand hinaus. Eine schizophrene Erfahrung kann in einigen Fällen sogar einen positiven Effekt haben, zu vorteilhaften Änderungen in der Persönlichkeit und psychischem Wachstum beitragen. (Arieti, 1979; Bernheim & Lewine, 1979; Bleuler, 1950; Bowers, 1979; Cancro, 1974; French & Kasonin, 1941; Jung, 1961; Menninger, 1963; Perry, 1974; Pickering, 1976; Rubins, 1969; Silverman, 1970; Sullivan, 1962; Warner, 1994). John Weir Perry (1999) berichtete, daß 85 Prozent der Klienten (auf alle trafen die Kriterien des DSM für Schizophrenie zu, und alle waren "schwer psychotisch") die auf Diabasis behandelt wurden, "verbesserten sich nicht nur, ohne Medikamente, sondern die meisten entwickelten sich nach der Entlassung weiter." (p. 147).
Für einige scheint die schizophrene Episode einen Durchbruch zu höheren Ebenen geistiger und emotionaler Reife bewirkt zu haben. (Pickering, 1976; Sannella, 1981; Siebert, 1996). Silvano Arieti (1978) sagte, "viele Patienten, die eine intensive und langfristigen Psychotherapie erhielten, würden weit höhere Grade der Integration und Selbstverwirklichung erreichen, als vor dem Ausbruch der Psychose" (p. 20). Früher schrieb Arieti (1974): "einige meiner Patienten, die ich für geheilt halte, haben bedeutende Positionen im Leben erreicht, in der akademischen Welt ebenso wie in anderen Aktivitäten" (pp. 616-617).
Von keinem Patienten mit Parkinson, Alzheimer oder Multipler Sklerose wurde je bekannt, daß er wieder vollständig genesen wäre, und einen Grad der Gesundheit erreicht hätte, der den seines Zustands vor der Krankheit sogar noch übertrifft.
Die Ursache der Schizophrenie ist unbekannt (American Psychiatric Association, 1994; Gottesman, 1991). Andreasen sagte im Verlauf ihres Interviews (Farnsworth, 1998), daß Schizophrenie von "verschiedenartigen Sachen, vielleicht einer genetischen Prädisposition, ernährungsbedingten Faktoren in der frühen Kindheit, Virusinfektionen, Kopfverletzungen, Kontakt mit giftigen Stoffen, Kontakt mit Drogen (Medikamenten) unterschiedlicher Art, unerlaubte Drogen. All diese Dinge produzieren in der Summe eine Gehirnvergiftung, die wir dann als Schizophrenie erkennen." Dieses Statement ist schöngeistige Spekulation, kein wissenschaftlicher Fakt. Nehmen wir die umfassende Liste der Risikofaktoren, warum werden dann nicht mehr Menschen, die ihnen ausgesetzt sind, schizophren? Warum entwickeln nicht mehr Geschwister von schizophrenen Personen, die identische genetische Prädispositionen haben und demselben neurologischen Trauma ausgesetzt sind, eine Schizophrenie? (Ismail, Cantor-Grace, & McNeil, 1998)?
Wenn Andreasens Spekulationen wahr wären, würden viele Leute mit derselben "genetischen Prädisposition" eventuell eine Schizophrenie entwickeln, durch ein multiples neurologisches Trauma, ausgelöst durch chronisches Rauchen und Trinken, sich kumulierende Umweltgifte, Virusinfektionen, ungesunde Ernährung, ein vergreisendes Gehirn, geschwächtes Immunsystem, und frühe Stadien von Gehirnkrankheiten wie Alzheimer und Parkinson. Die Vertreter der "Gehirnkrankheits"-Hypothese können nicht erklären, warum Schizophrenien so regelmäßig bei körperlich gesunden jungen Erwachsenen, im Alter von 16 bis 25, vorkommen, aber kaum jemals bei irgendjemand über 40, unabhängig von irgendeinem physiologischen Stressor. (Arieti, 1979; M. Bleuler, 1979b; Hoffer & Osmond, 1966; Lewine, 1998; Ponyat, 1992; Smith, 1982).
Es gibt keine "universelle" Anerkennung, daß Schizophrenie eine Gehirnerkrankung sei "wie alle anderen Gehirnkrankheiten." Medizinische Handbücher und Pathologie-Zeitschriften enthalten die Schizophrenie nicht als pathophysiologische Krankheit. (Schaler, 1998). Medizinische Spezialgebiete, die sich mit Neuropathologie und neurologischen Krankheiten wie Parkinson und Multipler Sklerose befassen, haben nichts zu sagen über die Schizophrenien. Keine der folgenden Neurologie-Zeitschriften hat in den Jahren 1995 bis 1998 Artikel über Schizophrenie veröffentlicht: Neurology (official journal of the American Academy of Neurology), Journal of Neurology (European Neurological Society), Journal of Neurological Sciences (World Federation of Neurology), Journal of Neuroradiology; and Archives of Neurology. Ein Artikel über die Epidemiologie der Schizophrenie erschien im Journal of Neurology, Neurosurgery, and Psychiatry (Cannon & Jones, 1996), aber er hatte nichts mit Gehirnforschung zu tun. Die meisten Artikel, die sich der "Gehirnkrankheits"-Hypothese verschrieben haben, erschienen in psychiatrischen und biopsychologischen Zeitschriften.
Andreasens Behauptung der fast "universellen" Anerkennung der Schizophrenie als Gehirnkrankheit wird auch durch Statements vieler Psychiater und Psychologen Lügen gestraft, die klinische Erfahrung mit Schizophrenie haben, und die keinen überzeugenden Beleg für die Theorie sehen. (M. Bleuler, 1979a; Breggin, 1997; Karon, 1998; Lewine, 1998; Menninger, 1970).
Selbst das Diagnostic and Statistical Manual (fourth edition) der American Psychiatric Association (1994), stellt geradeheraus fest: "Es wurden keine Laborbefunde gefunden, die Schizophrenie diagnostizieren könnten." (p. 280). Diese Aussage unterstreicht, daß die "Gehirnkrankheits"-Hypothese mit einem einfachen Kriterium steht oder fällt. Eine wirkliche Gehirnkrankheit muß in Labortests identifiziert und bestätigt werden. Kein chemischer Blut-Test, neurologischer Test oder Brain Scan (oder irgend ein anderer Test) unabhängig evaluiert durch einen Neurologen, Biochemiker oder Pathologen, der über die klinischen Symptome des getesteten Patient nichts weiß, ist in der Lage, zuverlässig zu unterscheiden zwischen einer Person, die den ersten Ausbruch einer Schizophrenie erlebt, und einer, bei der dies nicht der Fall ist. (Andreason, 1997). Allerdings könnte so ein Test durchaus jemanden identifizieren, der viele Jahre lang neuroleptische Medikamente zu sich genommen hat.
"Behandlungen" der Schizophrenie sind oft schädlicher als die "Krankheit". In dem Farnsworth-Interview (1998), sagte Pickar, wenn Leute damit aufhörten, ihre Medikamente zu nehmen, "könnten die Konsequenzen sehr schwerwiegend sein". Was Pickar allerdings nicht berichtet hat ist, daß die Entzugs-Symptome den Patienten außerkraftsetzen und Psychose-ähnliche Zustände auslösen können (Cohen, 1997) und daß Langzeitmedikation schwere Gesundheitsschäden verursachen kann. Neuroleptische Medikamente können tiefgreifende Funktionsschäden im Gehirn bewirken, und sie führen oft zu einer irreversiblen Spätdyskinesie, bei bis zu 50 Prozent der Patienten. (Breggin 1997; Buckley, 1982; Cohen, 1997; Mosher, 1999; Rappaport, Hopkins, & Hall, 1978). Dies ist eine feststehende und bekannte Tatsache in der Psychiatrie.
Viele als schizophren diagnostizierten Leute sagen, die neuroleptischen Medikamente würden ihnen helfen. Es ist allerdings unter professionellen Gesichtspunkten unverantwortlich, von Pickar und von anderen Schizophrenie-Psychiatern, die Öffentlichkeit nicht darüber zu informieren, daß viele Leute durch neuroleptische Medikamente ernsthaft geschädigt werden, und daß viele Leute auch ohne irgendwelche Medikamente wieder vollständig gesund werden können.
Diskussion
Wie wir gesehen haben, geben einige Psychiater die in der psychiatrischen Fachliteratur berichteten Forschungsergebnisse verzerrt und unrichtig wieder. Sie spielen konsequent die Erkenntnis herunter, daß die meisten Leute mit Schizophrenie keine Gehirn- oder biochemischen Abweichungen erkennen lassen, und daß einige Leute mit solchen Abweichungen keine schizophrenen Symptome zeigen. Leute mit neuropathologischen Krankheiten wurden niemals durch Psychotherapie geheilt, noch wurden sie jemals nach Jahrzehnten in einem völlig wiederhergestellten Zustand angetroffen.
Während einige schwache Korrelationen gefunden wurden zwischen dem Vorhandensein schizophrener Symptome und gewissen Gehirn-Abweichungen, bleibt ein grundlegendes wissenschaftliches Prinzip bestehen: Korrelation bedeutet nicht Verursachung. In einigen Fällen könnte ein tieferliegender Grund sowohl zu Gehirn- Anomalien als auch zu schizophrenen Symptomen führen. Einige Psychotherapeuten, die von erfolgreichen Wiedergenesungen von Schizophrenie berichten sagen, daß die Symptome oft in extrem traumatisierende Kindheitserlebnisse zurückweisen, die starke, widersprüchliche Gefühle von Einsamkeit und Terror ausgelöst haben. (Karon, 1998). Was, wenn es sich herausstellt, daß einige "schizophrene" Bedingungen von einer Form chronisch traumatischer Stress-Störung in der Kindheit herrühren (Ford, 1998), die dauerhafte Effekte auf Struktur und Funktion des Gehirns hat?
Die wirkliche "Tragödie der Schizophrenie" bestünde darin, daß tausende von Leuten, die mit der Diagnose "Schizophrenie" etikettiert wurden, zum Glauben verführt werden, sie hätten eine chronische, debilisierende, progressive Gehirnkrankheit wie die unheilbaren Krankheiten Alzheimer, Parkinson und Multiple Sklerose. Viele könnten das so erleben, als hörten sie ihre eigene Verurteilung zu einem langsamen, leidvollen und frühen Tod. Aber immer noch stirbt niemand an Schizophrenie, selbst wenn sie unbehandelt bleibt (Mendel, 1989). Trägt diese fehlerhafte und irreführende Information zu den hohen Suizidraten von Leuten bei, die als schizophren diagnostiziert wurden?
Verantwortungsvolle, wissenschaftlich zuverlässige Aussagen gegenüber den Medien könnten sich folgendermaßen anhören:
"Eine als schizophren diagnostizierte Person äußert Gedanken, Gefühle und Verhaltensweisen, die sehr verwirrend auf andere wirken, und die auch die Person selber oft verwirren, jedoch nicht immer. Die Forschung legt nahe, daß einige wenige der Leute, die als schizophren diagnostiziert wurden, neurologische Komplikationen haben, aber viele Leute mit demselben neurologischen Profil entwickeln keine Schizophrenie. Es gibt kein bekanntes Heilmittel für Schizophrenie. Einige Leute profitieren von Medikamenten, die ihre unerwünschten Symptome im Zaum halten, anderen Leute schaden die Medikamente, und andere Leute kommen am besten ganz ohne Medikamente zurecht. Ungefähr eine von 10 Personen erholt sich nie mehr von dem gestörten oder verstörenden Erlebnis und den Auswirkungen wiederholter klinischer Behandlung, aber 5 oder 6 von 10 können erwarten, wieder vollständig zu genesen oder daß sich ihr Zustand deutlich bessert. Gegenwärtig können wir nicht vorhersehen, wer eine Schizophrenie entwickeln wird und wieso, wer sich wieder davon erholt und wer nicht. Desweiteren können wir nicht erklären, warum manche Leute innerhalb von Wochen oder Monaten wieder genesen, während andere 5 bis 20 Jahre für ihre Genesung brauchen."
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Danksagung:
Der Autor möchte seine Anerkennung ausdrücken für die wertvolle editorische Hilfe von Tom Greening und David Cohen, für Forschungsbeiträge von Bert Karon, und für Inspiration von John Weir Perry.
Dieser Artikel erschien zuerst im Journal of Ethical Human Sciences and Services. New York: Springer Publishing Company, Vol. 1, No. 2, Sommer 1999, pp. 179-89 als "Brain Disease Hypothesis for Schizophrenia Disconfirmed by All Evidence."
Hinweis an Studenten, Editoren und Herausgeber: Wenn Sie irgendeinen Teil dieses Forschungspapiers zitieren oder nachdrucken, schicken Sie bitte eine elektronische Kopie an Al Siebert at asiebert@thrivenet.com, oder eine Papierkopie an: Al Siebert, Ph.D., P.O. Box 505, Portland, OR 97207.
Dieser Artikel erscheint auf dieser Website mit der Erlaubnis des Autors, Al Siebert.
(Übers.: Heinz Kaiser)
Labels:
Neuroleptika,
Schizophrenie,
Suizid
Freitag, 16. Januar 2009
Psychose - Erleuchtung oder Krankheit?
Was ist eine Psychose?
Eine Psychose ist ein krankhafter Geisteszustand, der geprägt ist durch Wahnerleben und veränderte Wahrnehmung bzw. Interpretation der Realität. Dieser Zustand tritt am häufigsten bei der bipolaren Störung (manische Depression) und bei der Schizophrenie auf. Auslöser ist in beiden Fällen eine Fehlreaktion des Gehirns, basierend auf biochemischen Vorgängen. Das ist allerdings eine Vermutung im logischen Umkehrschluss, weil sich beide Erkrankungen gut mit Medikamenten in den Griff bekommen lassen.
Die Medikamente sind aber nur die eine Seite. Im psychotischen Zustand erkennt der Erkrankte meistens nicht, daß er krank ist. Bei der schizophrenen Psychose kommt oft ein Beeinträchtigungs- und Verfolgungserleben dazu. Deshalb ist es in vielen Fällen notwendig, zum Schutz des Erkrankten vor einem Suizid oder zum Schutze der Umwelt vor evtl. zerstörerischen Aktivitäten, den Erkrankten (oder die Erkrankte) zwangsweise in eine psychiatrische Einrichtung zu bringen. Dort wird der Erkrankte mit entsprechenden Psychopharmaka behandelt, wenn notwendig auch gegen seinen Willen. Das Problem bei der Genesung ist, daß nach erfolgter Entlassung aus dem Krankenhaus bei dem Patienten die Einsicht für die Medikation vorhanden sein muss. Ohne Medizin tritt die Krankheit meistens wieder auf. Es gibt aber auch Leute, die wieder gesund werden, ohne fortdauernd Medikamente zu nehmen.
Der Ausbruch einer Psychose bringt für den Betroffenen meistens auch einen herben Einschnitt in das bisherige Leben. Beim Auftreten in jungen Jahren be- oder verhindert sie die Ausbildung des jungen Erwachsenen. Die oft bleibende Behinderung bzw. Beeinträchtigung des Leistungsvermögens verringert die Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Oft wird der Erkrankte dann zum Sozialfall oder, wenn er "Glück" hat, bekommt er Leistungen aus seiner Rentenversicherung. Er kommt, wenn sich nicht andere um ihn kümmern, in eine soziale Isolation. Das Bild eines psychisch Kranken in der Öffentlichkeit ist auch nicht gerade vertrauenserweckend. Der Begriff verrückt oder schizophren wird meistens abwertend gebraucht. Und wenn man mal etwas von Schizophrenie hört, dann meist in den Nachrichten in Zusammenhang mit Mord und Totschlag. Die bizarren Motive, die man da hört, ziehen die Reporter magisch an. Dabei sind schizophren erkrankte Menschen im Durchschnitt auch nicht gewalttätiger als der "normale" Teil der Bevölkerung.
Was ist Schizophrenie?
Der Begriff Schizophrenie wurde Anfang des 20. Jahrhunderts von einem Schweizer Psychiater eingeführt und ist eigentlich ein wissenschaftliches Konstrukt. Denn die Krankheit zeigt kein einheitliches Bild und kann sogar bei demselben Patienten zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedlich verlaufen. Man spricht deshalb auch von den Psychosen aus dem schizophrenen Formenkreis. Schizophrenie bedeutet Bewusstseinsspaltung und soll damit meinen, daß das Erleben des Erkrankten geteilt ist in die Wahrnehmung der Realität so wie sie ist und in die Wahrnehmung einer "virtuellen" Realität, nämlich der eingebildeten.
Der Verlauf der Krankheit gibt oft Rätsel auf. So hören manche Patienten innere Stimmen, die sie beeinträchtigen, haben optische Halluzinationen, fühlen sich von Strahlen bedroht und von magnetischen Einflüssen. Insbesondere letztere Phänomene erleben die Erkrankten als Gedankenentzug. In der akuten Phase der Psychose, insbesondere bei Ersterkrankung, wenn man noch nicht weiß, daß man krank ist, versucht man sich verständlicherweise eine Erklärung für all diese, zum Teil körperlich erfahrbaren Dinge, zurechtzulegen. Die Erklärung findet sich leicht in vermeindlicher Überwachung und Verfolgung der eigenen Person. Von CIA und Stasi hat man ja genug schlimme Dinge gehört. Hinzu kommt, daß bei akuter Überforderung des Gehirns, verursacht durch den Wahrnehmungsstress, alle Dinge um einen herum als auf die eigene Person bezogen fehlinterpretiert werden können. So bildet sich schnell ein Wahn, in dem sich alles um die eigene Person dreht. Das Charakteristische an der ganzen Geschichte ist aber, daß der Verstand dem Kranken bleibt, er ist nur in eine Falle geraten und wandelt auf den Spuren des Wahns. Selbst im von außen betrachtet desolaten Zustand der Gedankenverwirrung und der Katatonie arbeitet der Verstand des Kranken normal, er sieht sich jedoch auf Grund der Wahneinbildungen zu diesem Verhalten gezwungen, was immer auch das konkrete Wahnmotiv sein möge.
Durch medikamentöse Behandlung der Erkrankten mit speziellen Neuroleptika können die Symptome gemildert werden und dadurch der Wahn oft beseitigt werden. In schweren Fällen, insbesondere bei Katatonien, ist oft die Elektroheilkrampfbehandlung die einzige Rettung. Sie hat unverdientermaßen einen etwas schlechten Ruf als Elektroschocktherapie, weil sie früher ohne Narkose durchgeführt wurde und nicht selten zur Disziplinierung störender Patienten diente.
Schizophrenie ist gar nicht so selten. Zirka 1% der Bevölkerung ist davon betroffen. Das heißt aber nun nicht, daß jeder 100., dem wir begegnen, vom Wahn befallen ist. Die akute Krankheitssymptomatik tritt bei einem Drittel der Betroffenen einmal auf im Leben und dann nie wieder. Bei einem weiteren Drittel kann es in größeren Abständen zu Rückfällen kommen. In der Zwischenzeit sind sie aber völlig gesund, was ihren Geisteszustand anbelangt. Nur beim letzten Drittel überwiegen die Rückfälle und die Krankheitssymptomatik. Für fast alle Betroffenen gilt: Eine bestimmte, regelmäßig eingenommene, Erhaltungsdosis von Neuroleptika verhindert in der Regel den Rückfall. Oft bleibt nach Rückfällen eine Behinderung in Form von verminderter Stressverträglichkeit und Defiziten bei der sozialen Kommunikation. Somit ist die Schizophrenie eine der Hauptursachen für die Invalidisierung junger Menschen. Bei Männern tritt die Ersterkrankung angefangen vom Teenageralter bis in die 20er hinein auf, bei Frauen ein paar Jahre später.
Obwohl es oft fälschlicherweise angenommen wird, ist die Schizophrenie keine Persönlichkeitsspaltung. Störungen der Persönlichkeit sind eine völlig andere Form psychischer Erkrankung.
Was sind die Ursachen?
Die Ursachen für das Entstehen der Schizophrenie liegen noch weitgehend im Dunkeln. Anfang des Jahrhunderts glaubte man, die Krankheit sei eine Sache der Vererbung, weil sie in der Tat oft familiär gehäuft auftritt. In den 60ern und 70ern glaubte man, in den gestörten Familienverhältnissen die Ursache gefunden zu haben. Zu den familiären psychologischen Faktoren zählten z.B. das Fortbestehen der Mutter-Kind-Symbiose, inkonsequente Erziehung und das Herhalten des Kindes als Ersatzpartner. Heute geht man davon aus, daß eine Vielzahl von Faktoren zum Entstehen der Krankheit beiträgt. Biologische Veranlagung, soziale Umwelteinflüsse im Verlaufe der Entwicklung und gewisse Stressereignisse führen zu einer Verletzlichkeit, auf deren Grundlage die Krankheit ausbrechen kann. Man könnte sagen, daß man dann zu sensibel für die Stürme des Lebens ist. Auslöser sind oft belastende oder entlastende Ereignisse im Leben der Person (Todesfall, Trennung vom Partner, Prüfungen etc.) Es wird sogar von Psychiatern die Ansicht vertreten, daß jeder Mensch unter gewissen Umständen eine Psychose bzw. eine Schizophrenie entwickeln kann – jedermann hat seine eigene, ganz individuelle Stressgrenze. Gewissenlose Regimes missbrauchen diese Erkenntnis und foltern „gefährliche Staatsfeinde“ mit psychologischen Methoden, bis diese gebrochen und psychisch krank sind.
Vermutete Ursache für verschiedene Symptome der Krankheit ist eine mit der Erkrankung einhergehende Störung des Gehirnstoffwechsels. Das Gehirn kommt mit der Reizflut von außen nicht mehr klar. Es "schaltet" auf eine andere Stufe der Umweltwahrnehmung. Das gestresste Nervensystem kann auch körperlich spürbare Symptome verursachen. Die Frage, ob sich dann ein Wahn herausbildet, ist meines Erachtens eine Sache der Erfahrung. Patienten, die schon einmal "wahnsinnig" waren, können die Falle erkennen, in die sie das Gehirn schicken will und entsprechend darauf reagieren, indem sie sich vom Stress zurückziehen und eine höhere Dosis Neuroleptika einnehmen. Die Medikamente geben dem Patienten ein "dickeres Fell" auf chemischer Grundlage.
Warum wird einer "verrückt"?
Wie schon oben beschrieben, befindet sich das Gehirn in einer bestimmten Phase der Erkrankung in einer Art Streßsituation. Die ständig eingehenden optischen und akustischen Umweltinformationen sind dann irgendwie zuviel. Es schaltet praktisch einen Filter ein, der die Bedeutung des Wahrgenommenen verschiebt. Die Wahrnehmung wird "verrückt". Es ist ein Phänomen und muss ganz tief in unserer Gehirnfunktion verankert sein. Man kann auch sagen, daß der Informationsfilter des gesunden Unterbewusstseins wegfällt. Diese Gehirnregionen, die uns unter normalen Bedingungen von den verschiedensten für uns zweitrangigen Informationen abschotten, so daß wir uns zum Beispiel auf einen Sachverhalt konzentrieren können - sie funktionieren nicht mehr richtig. So verhält es sich beispielsweise mit der Reaktion auf Farben und der plötzlichen Wahrnehmung der Bezüge auf die eigene Person. Der Erkrankte erkennt neue Bedeutungen in den Dingen und fühlt sich deshalb wie ein "Erleuchteter", er hat eine "psychospirituelle Krise" (wie Peter R. Breggin es ausdrückt). Zu dem Gefühl, etwas Besonderes zu sein, kommen bei der Schizophrenie oft körperliche Symptome und Halluzinationen hinzu. Die Symptome verlangen nach einer Begründung. So werden eventuelle Beschwerden in der Herzgegend mit einem Strahlengerät begründet, das irgendwelche Fremden auf einen ausgerichtet haben. Schließlich ist man ja eine besondere Person! Sicher ist der Geheimdienst an einem interessiert! Oder wenn man plötzlich Bilder oder Lichterscheinungen sieht, glaubt man, sie seien extra für einen projiziert worden, damit man ein Rätsel löst, um die Welt zu retten. So in der Art entsteht dann ein Wahn, der sich zu einem ganzen Wahngebilde entwickeln kann, der zu einer festen Überzeugung werden kann. Deshalb ist es auch so schwer, einem offensichtlich Kranken klarzumachen, daß er in psychiatrische Behandlung gehört. Nach Überzeugung des Kranken ist das sicherlich nur ein Komplott oder eine Finte. Diese Überzeugung wird ohne Zweifel verstärkt, wenn Gewalt angewendet werden muss, um den Erkrankten vor gefährlichen Aktivitäten zu bewahren und einer angemessenen Behandlung zuzuführen.
Wie ist die Behandlung?
Die meisten Patienten begeben sich auf Wunsch ihrer Eltern, oder von sich aus, freiwillig in eine Behandlung. Es kommt aber auch vor, dass Betroffene zwangsweise eingewiesen werden müssen. Diese Patienten fühlen sich dann oft bedroht und – aus ihrer Todesangst heraus – werden sie manchmal gegenüber den Rettungskräften gewalttätig. Aus ihrer Überzeugung heraus ist das nur das Recht der Selbstverteidigung. Solche Patienten müssen dann oft die demütigende Prozedur der Fixierung ans Bett über sich ergehen lassen, bis sie durch Medikamente ruhiggestellt worden sind. Für die Reduzierung der Krankheitssymptome steht eine breite Palette von Neuroleptika zur Verfügung. Die Art der Medikation und die Dosierung muss individuell vom Arzt festgelegt werden. In der Regel setzt die antipsychotische Wirkung der Medikamente erst nach 2-3 Wochen ein. Allerdings streiten sich die Gelehrten noch darüber, ob die Neuroleptika direkt Auswirkungen auf die Wahngedanken haben oder ob sie durch die generelle Abstumpfung der Gehirnfunktionen bewirken, daß der Patient das intellektuelle Interesse an seinen Wahnideen verliert. Bei einigen Medikamenten gibt es mehr oder weniger starke Nebenwirkungen wie z.B. Muskellähmungen, -krämpfe oder -zuckungen, Mundtrockenheit oder sie wirken sehr stark sedierend oder erzeugen Ängste. Diese Wirkungen sollten vorher mit dem Patienten besprochen werden, damit er sich keine falschen Erklärungen dazu zurechtlegt. Auch die neueren sogenannten "atypischen" Neuroleptika - z.B. Risperidon (Risperdal ®), Olanzapin (Zyprexa ®), Quetiapin (Seroquel ®), Amisulprid (Solian ®), Ziprasidon (Zeldox ®), Zotepin (Nipolept ®) oder Aripiprazol (Abilify ®) - sind keine Wundermittel, wie es die Pharmaindustrie gerne dargestellt sähe. Fast nebenwirkungsfrei und trotzdem gut wirksam erweisen sich beispielsweise die klassischen Medikamente Leponex, Perazin oder Fluanxol. Bei schizoaffektiver Erkrankung muss eventuell zusätzlich noch ein Stimmungsstabilisator genommen werden (z.B. Lithium). Nach Abklingen des psychotischen Zustandes sollte man nur noch die niedrigstmögliche Erhaltungsdosis an Neuroleptika bekommen, so daß ein Wiederausbruch der Psychose verhindert werden kann. Glücklich kann sich schätzen, wer ganz ohne Tabletten oder Depotspritzen auskommt. Meist kommt es aber zu einem Rückfall, wenn der Patient seine Medizin (von sich aus) absetzt.
Ein akut psychotischer Patient braucht in zweiter Hinsicht natürlich auch Ruhe. Eine möglichst gewohnte Umgebung, viel Schlaf und Vermeidung von unnötigem Informationsstress wirken wahre Wunder. Zugegebenermaßen ist ein Krankenhausaufenthalt (ungewohnte Umgebung, fremde Menschen, neue Prozeduren) in dieser Hinsicht nur die zweite Wahl. Besser wäre es, man könnte zu Hause bleiben. Meistens sind überforderte Angehörige und das Unvermögen der Patienten für sich selbst zu sorgen der Grund für die Klinik. Bei längeren Krankenhausaufenthalten gibt es die Möglichkeit von Beschäftigungstherapie und anderen Formen sozialen Trainings. Nach Entlassung aus der Klinik gibt es heutzutage auf der einen Seite die Möglichkeit des betreuten Wohnens und auf der anderen Seite die Möglichkeit der Tagesstrukturierung und/oder Rehabilitation in Tagesstätten und Zuverdienstprojekten. Diese Möglichkeiten variieren von Ort zu Ort.
Wie können Sie helfen?
Wenn sich plötzlich ein Mensch aus Ihrer Umgebung auffällig verhält, sei es nun ein Familienmitglied oder ein Arbeitskollege, und Sie haben den Verdacht, daß es sich um eine geistige Störung handelt, dann sollten Sie sich Ihrer Verantwortung bewusst sein und die Sache nicht von sich wegschieben. Der sich auffällig Verhaltende ist krank und bedarf einer professionellen ärztlichen Hilfe. Überzeugen Sie den Kranken, daß er sich in ärztliche Behandlung begibt. Dabei sollten Sie vermeiden, eine eventuelle psychische Störung zu erwähnen. Das kann als Angriff und Komplott missverstanden werden. Hilfreiche "Aufhänger" sind der oft vorhandene Erschöpfungszustand oder unbestimmte körperliche Beschwerden und Symptome, die Ihnen der Kranke sicher nennen kann. Auf dieser Grundlage gehen Sie als Vertrauensperson mit ihm oder ihr am besten gleich zum Spezialisten, einem Facharzt für Neurologie und Psychiatrie. Schildern Sie dem Arzt ihre Beobachtungen des auffälligen Verhaltens und die Symptome des Kranken, ohne daß dieser misstrauisch wird. Der Arzt muss dann entscheiden, was weiter passiert.
Ist der Erkrankte schon im Wahn und für Argumente nicht mehr zugänglich, ist die zwangsweise Einlieferung in eine Klinik unerlässlich, denn wer weiß, was er sich antut. Also muss man entweder den Krankenwagen/Notarzt oder die Polizei rufen. Das ist eine schwere Aufgabe, aber keiner nimmt sie Ihnen ab. Hinterher wird er Ihnen vielleicht vorwerfen, das Sie ihn in seinen Rechten als freier Bürger dieses Landes hintergangen haben, aber es kann auch passieren, daß er Ihnen dankbar ist, weil Sie ihn vor Unheil bewahrt haben oder zumindest vor weiteren peinlichen Situationen. Allerdings ist es nach geltendem Recht so, daß erst eine Selbst- oder Fremdgefährdung vorliegen muss, bevor eine Zwangseinweisung vorgenommen werden kann. Gibt es keine akute Gefährdung, ist Geduld vonnöten und eine Vertrauen schaffende Behandlung des Kranken.
Nach Entlassung aus dem Krankenhaus ist die beste Hilfe für den Patienten die Hilfe zur Selbsthilfe. Er muss wieder lernen, im täglichen Leben klarzukommen. Helfen Sie ihm oder ihr, eine eigene Wohnung zu finden. Damit tragen Sie zur gesundheitlichen Stabilisierung bei und entlasten gleichzeitig Ihre finanzielle Situation, falls der erkrankte Sohn oder die Tochter noch zu Hause wohnt. Das soll nicht heißen, daß Sie Ihren Sohn oder Ihre Tochter mit aller Macht aus dem Haus bekommen sollen. Es kommt ganz auf die Situation an. Gehen Sie Ihrem erkrankten Kind nicht ständig "auf den Wecker". Vermitteln Sie ihm eine geeignete Arbeitsstelle oder Lehrstelle oder zumindest eine Tagesstrukturierung. Vermitteln Sie dem Patienten ein Gefühl der Wärme sowie der Gelassenheit gegenüber der Situation. Überzogene Ansprüche und ein gereiztes Klima begünstigen nur den Rückfall. Seien Sie sich bewusst, daß der Verlauf der Krankheit chronisch sein kann und damit eine bleibende Behinderung fortbesteht. Lassen Sie sich nicht entmutigen durch die ständige Unsicherheit. Holen Sie sich Hilfe in Selbsthilfegruppen und Beratungsstellen. Dies gilt sowohl für die Patienten als auch für die Angehörigen.
Wie sind die Aussichten?
Wie schon erwähnt, erkrankt ein Drittel der von Schizophrenie betroffenen Bevölkerung nur einmal im Leben und genest danach wieder vollständig. Damit ist schon widerlegt, daß die Krankheit unheilbar ist. Heilung setzt auch beim zweiten Drittel größtenteils ein, nur wird der gesunde Zustand gelegentlich von Rückfallen unterbrochen (z.B. alle 2 Jahre). Es können aber auch größere Zeitabstände bis zum nächsten Rezidiv auftreten. Eine genaue Vorhersage lässt sich nicht machen. Trotz dieser Unsicherheit ist die Schizophrenie eine Krankheit, die sich mit entsprechender Medikation und Therapie gut in den Griff kriegen lässt. Nur beim letzten Drittel überwiegt der chronische Zustand und die Krankheitssymptome sind mehr oder weniger präsent. Leider ist das Suizidrisiko für alle Erkrankten erhöht. Das liegt aber weniger an der Krankheit selber als an der als bedrückend empfundenen gesellschaftlichen Isolierung, in der sich viele Betroffene befinden.
Der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt, daß es neben der "Verrücktheit" Schizophrenie auch noch andere Krankheitsbilder mit Wahnentwicklungen gibt, z.B. chronische Paranoia, wo man auf Grund des Fehlens typischer Symptome eben nicht schizophren diagnostizieren kann. Diese Fälle haben einen eher ungünstigen Verlauf, wegen fehlender Behandlungseinsicht und weil der (manchmal nur subtile) Wahn schon Jahre andauert.
Bis vor wenigen Jahrzehnten wurden die meisten Patienten noch in den Irrenhäusern weggeschlossen. (Von dem dunkelsten Kapitel deutscher Psychiatrie-Geschichte mag man gar nicht berichten, als erbideologisch überzeugte Ärzte rechtlose, als lebensunwert eingestufte Kranke in den Anstalten mittels Giftspritzen oder durch Aushungern ermordeten.) Seither hat sich viel getan. Zum einen sind wirksame Medikamente verfügbar, die die Heilung begünstigen, zum anderen hat sich die Psychiatrie der Gesellschaft gegenüber geöffnet. Es gibt Tagesstätten und betreute Wohnformen. Heutzutage ist es für einen an Schizophrenie Erkrankten möglich, ein erfülltes und befriedigendes Leben zu führen. Nur mit der finanziellen Situation der Betroffenen sieht es meist nicht rosig aus. Auch lässt die berufliche Wiedereingliederung oft zu wünschen übrig. Gehen Sie mal zu einem Bewerbungsgespräch und sagen Sie, daß Sie dann und dann ein halbes Jahr an paranoider Schizophrenie erkrankt waren und gerne den Job hätten. Oft reicht auch das Wort Psychose für die prompte Ablehnungsreaktion. Da hilft nur lügen.
Auf einem anderen Gebiet sollte man nicht lügen, nämlich auf der Suche nach einem Partner oder einer Partnerin. Es ist sehr wichtig, daß man jemanden findet, der Verständnis und Einfühlungsvermögen für diese schwierige Problematik zeigt und wirklich bereit ist, sich mit einem einzulassen. Den richtigen Partner zu finden ist schon für gesunde Singles nicht leicht, um so mehr gilt das für psychisch Kranke. Gemeinsame Interessen und ein ähnlicher persönlicher Hintergrund sind auf alle Fälle positiv für einen Start in eine Beziehung.
Schizophrenie und die Öffentlichkeit
An anderer Stelle, z.B. in der Nachbarschaft oder bei der Wohnungssuche, ist es nicht ratsam, zu sagen, daß man an Schizophrenie leidet oder gelitten hat. Die breite Öffentlichkeit fürchtet diese Krankheit, sie verbreitet Schrecken. Das liegt zum einen am Mythos der Unheilbarkeit und zum anderen an der Darstellung durch die Medien. Wie oft gibt es "Psychothriller" im Fernsehen zu sehen, wo ein Mensch zu einem mordlüsternen Verrückten mutiert! Wie oft wird in den Nachrichten im Zusammenhang mit Schizophrenie nur Mord und Totschlag erwähnt! Dabei sind das nur ganz seltene Fälle. Bei unvorhersehbaren Taten sind oft nahestehende Personen die Opfer. Wenn es wirklich so wäre, daß alle Schizophrenen Gewalttäter wären, so müssten ja die Sprechstunden der Psychiater nur unter Polizeischutz ablaufen. Es besteht eine generelle Übereinkunft darüber, daß die meisten Verbrechen nicht von schizophrenen Personen begangen werden. Und die meisten Schizophrenen werden auch nicht gewalttätig. Die Angst gegenüber dieser Krankheit ist also völlig unbegründet. Ein Beispiel
"Ich wollte einfach, dass sie Ruhe gibt‘‘
Onlineausgabe der Süddeutschen Zeitung
vom 09.01.2007
Aber das öffentliche Stigma besteht weiterhin. Schon alleine der abwertende Gebrauch des Wortes "schizophren" in sogenannten gebildeten Kreisen führt zur Verdammung von unschuldigen Kranken. Es ist ja nichts dagegen einzuwenden, daß ein Wort mehrere Bedeutungen haben kann, aber um einen Sachverhalt abwertend darzustellen, gibt es in der deutschen Sprache wohl genug andere Möglichkeiten, als daß man in dieser leichtfertigen Weise mit einem Fremdwort "glänzen" müsste. Auch die medizinische Diagnose "schizophren" schießt weit über das Ziel hinaus. Wirklich schizophren ist ein Patient nur im akuten Stadium des Wahns. Nach der Genesung ist er ein ganz normaler Mensch mit einer kleinen mehr oder minder beeinträchtigenden Stoffwechselstörung! Also Mediziner - denkt Euch für den Zustand "danach" ein anderes Wort aus! In Amerika nennen sich die Patienten selbst "survivors" - Überlebende, in Deutschland "Psychiatrie-Erfahrene". Für den Erkrankten ist das ständige Verstecken und Verheimlichen der Diagnose bald schon belastender als die eigentliche Krankheit. Auch die Angehörigen werden in diese Situation mit hineingezogen. Welche Familie gibt schon gern zu, daß sie einen Schizophreniekranken in ihrer Mitte hat. So werden die Betroffenen in eine soziale Isolation gezwungen. Nur Aufklärung kann hier helfen. Es ist dabei die Schwierigkeit zu überwinden, daß sich kaum jemand freiwillig ernsthaft mit einem solchen oft belächeltem oder abgelehnten Thema wie einer psychischen Krankheit beschäftigt, außer vielleicht via TV in abwegiger Darstellung. Dabei kann jeder ein Betroffener werden.
Eine Psychose ist ein krankhafter Geisteszustand, der geprägt ist durch Wahnerleben und veränderte Wahrnehmung bzw. Interpretation der Realität. Dieser Zustand tritt am häufigsten bei der bipolaren Störung (manische Depression) und bei der Schizophrenie auf. Auslöser ist in beiden Fällen eine Fehlreaktion des Gehirns, basierend auf biochemischen Vorgängen. Das ist allerdings eine Vermutung im logischen Umkehrschluss, weil sich beide Erkrankungen gut mit Medikamenten in den Griff bekommen lassen.
Die Medikamente sind aber nur die eine Seite. Im psychotischen Zustand erkennt der Erkrankte meistens nicht, daß er krank ist. Bei der schizophrenen Psychose kommt oft ein Beeinträchtigungs- und Verfolgungserleben dazu. Deshalb ist es in vielen Fällen notwendig, zum Schutz des Erkrankten vor einem Suizid oder zum Schutze der Umwelt vor evtl. zerstörerischen Aktivitäten, den Erkrankten (oder die Erkrankte) zwangsweise in eine psychiatrische Einrichtung zu bringen. Dort wird der Erkrankte mit entsprechenden Psychopharmaka behandelt, wenn notwendig auch gegen seinen Willen. Das Problem bei der Genesung ist, daß nach erfolgter Entlassung aus dem Krankenhaus bei dem Patienten die Einsicht für die Medikation vorhanden sein muss. Ohne Medizin tritt die Krankheit meistens wieder auf. Es gibt aber auch Leute, die wieder gesund werden, ohne fortdauernd Medikamente zu nehmen.
Der Ausbruch einer Psychose bringt für den Betroffenen meistens auch einen herben Einschnitt in das bisherige Leben. Beim Auftreten in jungen Jahren be- oder verhindert sie die Ausbildung des jungen Erwachsenen. Die oft bleibende Behinderung bzw. Beeinträchtigung des Leistungsvermögens verringert die Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Oft wird der Erkrankte dann zum Sozialfall oder, wenn er "Glück" hat, bekommt er Leistungen aus seiner Rentenversicherung. Er kommt, wenn sich nicht andere um ihn kümmern, in eine soziale Isolation. Das Bild eines psychisch Kranken in der Öffentlichkeit ist auch nicht gerade vertrauenserweckend. Der Begriff verrückt oder schizophren wird meistens abwertend gebraucht. Und wenn man mal etwas von Schizophrenie hört, dann meist in den Nachrichten in Zusammenhang mit Mord und Totschlag. Die bizarren Motive, die man da hört, ziehen die Reporter magisch an. Dabei sind schizophren erkrankte Menschen im Durchschnitt auch nicht gewalttätiger als der "normale" Teil der Bevölkerung.
Was ist Schizophrenie?
Der Begriff Schizophrenie wurde Anfang des 20. Jahrhunderts von einem Schweizer Psychiater eingeführt und ist eigentlich ein wissenschaftliches Konstrukt. Denn die Krankheit zeigt kein einheitliches Bild und kann sogar bei demselben Patienten zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedlich verlaufen. Man spricht deshalb auch von den Psychosen aus dem schizophrenen Formenkreis. Schizophrenie bedeutet Bewusstseinsspaltung und soll damit meinen, daß das Erleben des Erkrankten geteilt ist in die Wahrnehmung der Realität so wie sie ist und in die Wahrnehmung einer "virtuellen" Realität, nämlich der eingebildeten.
Der Verlauf der Krankheit gibt oft Rätsel auf. So hören manche Patienten innere Stimmen, die sie beeinträchtigen, haben optische Halluzinationen, fühlen sich von Strahlen bedroht und von magnetischen Einflüssen. Insbesondere letztere Phänomene erleben die Erkrankten als Gedankenentzug. In der akuten Phase der Psychose, insbesondere bei Ersterkrankung, wenn man noch nicht weiß, daß man krank ist, versucht man sich verständlicherweise eine Erklärung für all diese, zum Teil körperlich erfahrbaren Dinge, zurechtzulegen. Die Erklärung findet sich leicht in vermeindlicher Überwachung und Verfolgung der eigenen Person. Von CIA und Stasi hat man ja genug schlimme Dinge gehört. Hinzu kommt, daß bei akuter Überforderung des Gehirns, verursacht durch den Wahrnehmungsstress, alle Dinge um einen herum als auf die eigene Person bezogen fehlinterpretiert werden können. So bildet sich schnell ein Wahn, in dem sich alles um die eigene Person dreht. Das Charakteristische an der ganzen Geschichte ist aber, daß der Verstand dem Kranken bleibt, er ist nur in eine Falle geraten und wandelt auf den Spuren des Wahns. Selbst im von außen betrachtet desolaten Zustand der Gedankenverwirrung und der Katatonie arbeitet der Verstand des Kranken normal, er sieht sich jedoch auf Grund der Wahneinbildungen zu diesem Verhalten gezwungen, was immer auch das konkrete Wahnmotiv sein möge.
Durch medikamentöse Behandlung der Erkrankten mit speziellen Neuroleptika können die Symptome gemildert werden und dadurch der Wahn oft beseitigt werden. In schweren Fällen, insbesondere bei Katatonien, ist oft die Elektroheilkrampfbehandlung die einzige Rettung. Sie hat unverdientermaßen einen etwas schlechten Ruf als Elektroschocktherapie, weil sie früher ohne Narkose durchgeführt wurde und nicht selten zur Disziplinierung störender Patienten diente.
Schizophrenie ist gar nicht so selten. Zirka 1% der Bevölkerung ist davon betroffen. Das heißt aber nun nicht, daß jeder 100., dem wir begegnen, vom Wahn befallen ist. Die akute Krankheitssymptomatik tritt bei einem Drittel der Betroffenen einmal auf im Leben und dann nie wieder. Bei einem weiteren Drittel kann es in größeren Abständen zu Rückfällen kommen. In der Zwischenzeit sind sie aber völlig gesund, was ihren Geisteszustand anbelangt. Nur beim letzten Drittel überwiegen die Rückfälle und die Krankheitssymptomatik. Für fast alle Betroffenen gilt: Eine bestimmte, regelmäßig eingenommene, Erhaltungsdosis von Neuroleptika verhindert in der Regel den Rückfall. Oft bleibt nach Rückfällen eine Behinderung in Form von verminderter Stressverträglichkeit und Defiziten bei der sozialen Kommunikation. Somit ist die Schizophrenie eine der Hauptursachen für die Invalidisierung junger Menschen. Bei Männern tritt die Ersterkrankung angefangen vom Teenageralter bis in die 20er hinein auf, bei Frauen ein paar Jahre später.
Obwohl es oft fälschlicherweise angenommen wird, ist die Schizophrenie keine Persönlichkeitsspaltung. Störungen der Persönlichkeit sind eine völlig andere Form psychischer Erkrankung.
Was sind die Ursachen?
Die Ursachen für das Entstehen der Schizophrenie liegen noch weitgehend im Dunkeln. Anfang des Jahrhunderts glaubte man, die Krankheit sei eine Sache der Vererbung, weil sie in der Tat oft familiär gehäuft auftritt. In den 60ern und 70ern glaubte man, in den gestörten Familienverhältnissen die Ursache gefunden zu haben. Zu den familiären psychologischen Faktoren zählten z.B. das Fortbestehen der Mutter-Kind-Symbiose, inkonsequente Erziehung und das Herhalten des Kindes als Ersatzpartner. Heute geht man davon aus, daß eine Vielzahl von Faktoren zum Entstehen der Krankheit beiträgt. Biologische Veranlagung, soziale Umwelteinflüsse im Verlaufe der Entwicklung und gewisse Stressereignisse führen zu einer Verletzlichkeit, auf deren Grundlage die Krankheit ausbrechen kann. Man könnte sagen, daß man dann zu sensibel für die Stürme des Lebens ist. Auslöser sind oft belastende oder entlastende Ereignisse im Leben der Person (Todesfall, Trennung vom Partner, Prüfungen etc.) Es wird sogar von Psychiatern die Ansicht vertreten, daß jeder Mensch unter gewissen Umständen eine Psychose bzw. eine Schizophrenie entwickeln kann – jedermann hat seine eigene, ganz individuelle Stressgrenze. Gewissenlose Regimes missbrauchen diese Erkenntnis und foltern „gefährliche Staatsfeinde“ mit psychologischen Methoden, bis diese gebrochen und psychisch krank sind.
Vermutete Ursache für verschiedene Symptome der Krankheit ist eine mit der Erkrankung einhergehende Störung des Gehirnstoffwechsels. Das Gehirn kommt mit der Reizflut von außen nicht mehr klar. Es "schaltet" auf eine andere Stufe der Umweltwahrnehmung. Das gestresste Nervensystem kann auch körperlich spürbare Symptome verursachen. Die Frage, ob sich dann ein Wahn herausbildet, ist meines Erachtens eine Sache der Erfahrung. Patienten, die schon einmal "wahnsinnig" waren, können die Falle erkennen, in die sie das Gehirn schicken will und entsprechend darauf reagieren, indem sie sich vom Stress zurückziehen und eine höhere Dosis Neuroleptika einnehmen. Die Medikamente geben dem Patienten ein "dickeres Fell" auf chemischer Grundlage.
Warum wird einer "verrückt"?
Wie schon oben beschrieben, befindet sich das Gehirn in einer bestimmten Phase der Erkrankung in einer Art Streßsituation. Die ständig eingehenden optischen und akustischen Umweltinformationen sind dann irgendwie zuviel. Es schaltet praktisch einen Filter ein, der die Bedeutung des Wahrgenommenen verschiebt. Die Wahrnehmung wird "verrückt". Es ist ein Phänomen und muss ganz tief in unserer Gehirnfunktion verankert sein. Man kann auch sagen, daß der Informationsfilter des gesunden Unterbewusstseins wegfällt. Diese Gehirnregionen, die uns unter normalen Bedingungen von den verschiedensten für uns zweitrangigen Informationen abschotten, so daß wir uns zum Beispiel auf einen Sachverhalt konzentrieren können - sie funktionieren nicht mehr richtig. So verhält es sich beispielsweise mit der Reaktion auf Farben und der plötzlichen Wahrnehmung der Bezüge auf die eigene Person. Der Erkrankte erkennt neue Bedeutungen in den Dingen und fühlt sich deshalb wie ein "Erleuchteter", er hat eine "psychospirituelle Krise" (wie Peter R. Breggin es ausdrückt). Zu dem Gefühl, etwas Besonderes zu sein, kommen bei der Schizophrenie oft körperliche Symptome und Halluzinationen hinzu. Die Symptome verlangen nach einer Begründung. So werden eventuelle Beschwerden in der Herzgegend mit einem Strahlengerät begründet, das irgendwelche Fremden auf einen ausgerichtet haben. Schließlich ist man ja eine besondere Person! Sicher ist der Geheimdienst an einem interessiert! Oder wenn man plötzlich Bilder oder Lichterscheinungen sieht, glaubt man, sie seien extra für einen projiziert worden, damit man ein Rätsel löst, um die Welt zu retten. So in der Art entsteht dann ein Wahn, der sich zu einem ganzen Wahngebilde entwickeln kann, der zu einer festen Überzeugung werden kann. Deshalb ist es auch so schwer, einem offensichtlich Kranken klarzumachen, daß er in psychiatrische Behandlung gehört. Nach Überzeugung des Kranken ist das sicherlich nur ein Komplott oder eine Finte. Diese Überzeugung wird ohne Zweifel verstärkt, wenn Gewalt angewendet werden muss, um den Erkrankten vor gefährlichen Aktivitäten zu bewahren und einer angemessenen Behandlung zuzuführen.
Wie ist die Behandlung?
Die meisten Patienten begeben sich auf Wunsch ihrer Eltern, oder von sich aus, freiwillig in eine Behandlung. Es kommt aber auch vor, dass Betroffene zwangsweise eingewiesen werden müssen. Diese Patienten fühlen sich dann oft bedroht und – aus ihrer Todesangst heraus – werden sie manchmal gegenüber den Rettungskräften gewalttätig. Aus ihrer Überzeugung heraus ist das nur das Recht der Selbstverteidigung. Solche Patienten müssen dann oft die demütigende Prozedur der Fixierung ans Bett über sich ergehen lassen, bis sie durch Medikamente ruhiggestellt worden sind. Für die Reduzierung der Krankheitssymptome steht eine breite Palette von Neuroleptika zur Verfügung. Die Art der Medikation und die Dosierung muss individuell vom Arzt festgelegt werden. In der Regel setzt die antipsychotische Wirkung der Medikamente erst nach 2-3 Wochen ein. Allerdings streiten sich die Gelehrten noch darüber, ob die Neuroleptika direkt Auswirkungen auf die Wahngedanken haben oder ob sie durch die generelle Abstumpfung der Gehirnfunktionen bewirken, daß der Patient das intellektuelle Interesse an seinen Wahnideen verliert. Bei einigen Medikamenten gibt es mehr oder weniger starke Nebenwirkungen wie z.B. Muskellähmungen, -krämpfe oder -zuckungen, Mundtrockenheit oder sie wirken sehr stark sedierend oder erzeugen Ängste. Diese Wirkungen sollten vorher mit dem Patienten besprochen werden, damit er sich keine falschen Erklärungen dazu zurechtlegt. Auch die neueren sogenannten "atypischen" Neuroleptika - z.B. Risperidon (Risperdal ®), Olanzapin (Zyprexa ®), Quetiapin (Seroquel ®), Amisulprid (Solian ®), Ziprasidon (Zeldox ®), Zotepin (Nipolept ®) oder Aripiprazol (Abilify ®) - sind keine Wundermittel, wie es die Pharmaindustrie gerne dargestellt sähe. Fast nebenwirkungsfrei und trotzdem gut wirksam erweisen sich beispielsweise die klassischen Medikamente Leponex, Perazin oder Fluanxol. Bei schizoaffektiver Erkrankung muss eventuell zusätzlich noch ein Stimmungsstabilisator genommen werden (z.B. Lithium). Nach Abklingen des psychotischen Zustandes sollte man nur noch die niedrigstmögliche Erhaltungsdosis an Neuroleptika bekommen, so daß ein Wiederausbruch der Psychose verhindert werden kann. Glücklich kann sich schätzen, wer ganz ohne Tabletten oder Depotspritzen auskommt. Meist kommt es aber zu einem Rückfall, wenn der Patient seine Medizin (von sich aus) absetzt.
Ein akut psychotischer Patient braucht in zweiter Hinsicht natürlich auch Ruhe. Eine möglichst gewohnte Umgebung, viel Schlaf und Vermeidung von unnötigem Informationsstress wirken wahre Wunder. Zugegebenermaßen ist ein Krankenhausaufenthalt (ungewohnte Umgebung, fremde Menschen, neue Prozeduren) in dieser Hinsicht nur die zweite Wahl. Besser wäre es, man könnte zu Hause bleiben. Meistens sind überforderte Angehörige und das Unvermögen der Patienten für sich selbst zu sorgen der Grund für die Klinik. Bei längeren Krankenhausaufenthalten gibt es die Möglichkeit von Beschäftigungstherapie und anderen Formen sozialen Trainings. Nach Entlassung aus der Klinik gibt es heutzutage auf der einen Seite die Möglichkeit des betreuten Wohnens und auf der anderen Seite die Möglichkeit der Tagesstrukturierung und/oder Rehabilitation in Tagesstätten und Zuverdienstprojekten. Diese Möglichkeiten variieren von Ort zu Ort.
Wie können Sie helfen?
Wenn sich plötzlich ein Mensch aus Ihrer Umgebung auffällig verhält, sei es nun ein Familienmitglied oder ein Arbeitskollege, und Sie haben den Verdacht, daß es sich um eine geistige Störung handelt, dann sollten Sie sich Ihrer Verantwortung bewusst sein und die Sache nicht von sich wegschieben. Der sich auffällig Verhaltende ist krank und bedarf einer professionellen ärztlichen Hilfe. Überzeugen Sie den Kranken, daß er sich in ärztliche Behandlung begibt. Dabei sollten Sie vermeiden, eine eventuelle psychische Störung zu erwähnen. Das kann als Angriff und Komplott missverstanden werden. Hilfreiche "Aufhänger" sind der oft vorhandene Erschöpfungszustand oder unbestimmte körperliche Beschwerden und Symptome, die Ihnen der Kranke sicher nennen kann. Auf dieser Grundlage gehen Sie als Vertrauensperson mit ihm oder ihr am besten gleich zum Spezialisten, einem Facharzt für Neurologie und Psychiatrie. Schildern Sie dem Arzt ihre Beobachtungen des auffälligen Verhaltens und die Symptome des Kranken, ohne daß dieser misstrauisch wird. Der Arzt muss dann entscheiden, was weiter passiert.
Ist der Erkrankte schon im Wahn und für Argumente nicht mehr zugänglich, ist die zwangsweise Einlieferung in eine Klinik unerlässlich, denn wer weiß, was er sich antut. Also muss man entweder den Krankenwagen/Notarzt oder die Polizei rufen. Das ist eine schwere Aufgabe, aber keiner nimmt sie Ihnen ab. Hinterher wird er Ihnen vielleicht vorwerfen, das Sie ihn in seinen Rechten als freier Bürger dieses Landes hintergangen haben, aber es kann auch passieren, daß er Ihnen dankbar ist, weil Sie ihn vor Unheil bewahrt haben oder zumindest vor weiteren peinlichen Situationen. Allerdings ist es nach geltendem Recht so, daß erst eine Selbst- oder Fremdgefährdung vorliegen muss, bevor eine Zwangseinweisung vorgenommen werden kann. Gibt es keine akute Gefährdung, ist Geduld vonnöten und eine Vertrauen schaffende Behandlung des Kranken.
Nach Entlassung aus dem Krankenhaus ist die beste Hilfe für den Patienten die Hilfe zur Selbsthilfe. Er muss wieder lernen, im täglichen Leben klarzukommen. Helfen Sie ihm oder ihr, eine eigene Wohnung zu finden. Damit tragen Sie zur gesundheitlichen Stabilisierung bei und entlasten gleichzeitig Ihre finanzielle Situation, falls der erkrankte Sohn oder die Tochter noch zu Hause wohnt. Das soll nicht heißen, daß Sie Ihren Sohn oder Ihre Tochter mit aller Macht aus dem Haus bekommen sollen. Es kommt ganz auf die Situation an. Gehen Sie Ihrem erkrankten Kind nicht ständig "auf den Wecker". Vermitteln Sie ihm eine geeignete Arbeitsstelle oder Lehrstelle oder zumindest eine Tagesstrukturierung. Vermitteln Sie dem Patienten ein Gefühl der Wärme sowie der Gelassenheit gegenüber der Situation. Überzogene Ansprüche und ein gereiztes Klima begünstigen nur den Rückfall. Seien Sie sich bewusst, daß der Verlauf der Krankheit chronisch sein kann und damit eine bleibende Behinderung fortbesteht. Lassen Sie sich nicht entmutigen durch die ständige Unsicherheit. Holen Sie sich Hilfe in Selbsthilfegruppen und Beratungsstellen. Dies gilt sowohl für die Patienten als auch für die Angehörigen.
Wie sind die Aussichten?
Wie schon erwähnt, erkrankt ein Drittel der von Schizophrenie betroffenen Bevölkerung nur einmal im Leben und genest danach wieder vollständig. Damit ist schon widerlegt, daß die Krankheit unheilbar ist. Heilung setzt auch beim zweiten Drittel größtenteils ein, nur wird der gesunde Zustand gelegentlich von Rückfallen unterbrochen (z.B. alle 2 Jahre). Es können aber auch größere Zeitabstände bis zum nächsten Rezidiv auftreten. Eine genaue Vorhersage lässt sich nicht machen. Trotz dieser Unsicherheit ist die Schizophrenie eine Krankheit, die sich mit entsprechender Medikation und Therapie gut in den Griff kriegen lässt. Nur beim letzten Drittel überwiegt der chronische Zustand und die Krankheitssymptome sind mehr oder weniger präsent. Leider ist das Suizidrisiko für alle Erkrankten erhöht. Das liegt aber weniger an der Krankheit selber als an der als bedrückend empfundenen gesellschaftlichen Isolierung, in der sich viele Betroffene befinden.
Der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt, daß es neben der "Verrücktheit" Schizophrenie auch noch andere Krankheitsbilder mit Wahnentwicklungen gibt, z.B. chronische Paranoia, wo man auf Grund des Fehlens typischer Symptome eben nicht schizophren diagnostizieren kann. Diese Fälle haben einen eher ungünstigen Verlauf, wegen fehlender Behandlungseinsicht und weil der (manchmal nur subtile) Wahn schon Jahre andauert.
Bis vor wenigen Jahrzehnten wurden die meisten Patienten noch in den Irrenhäusern weggeschlossen. (Von dem dunkelsten Kapitel deutscher Psychiatrie-Geschichte mag man gar nicht berichten, als erbideologisch überzeugte Ärzte rechtlose, als lebensunwert eingestufte Kranke in den Anstalten mittels Giftspritzen oder durch Aushungern ermordeten.) Seither hat sich viel getan. Zum einen sind wirksame Medikamente verfügbar, die die Heilung begünstigen, zum anderen hat sich die Psychiatrie der Gesellschaft gegenüber geöffnet. Es gibt Tagesstätten und betreute Wohnformen. Heutzutage ist es für einen an Schizophrenie Erkrankten möglich, ein erfülltes und befriedigendes Leben zu führen. Nur mit der finanziellen Situation der Betroffenen sieht es meist nicht rosig aus. Auch lässt die berufliche Wiedereingliederung oft zu wünschen übrig. Gehen Sie mal zu einem Bewerbungsgespräch und sagen Sie, daß Sie dann und dann ein halbes Jahr an paranoider Schizophrenie erkrankt waren und gerne den Job hätten. Oft reicht auch das Wort Psychose für die prompte Ablehnungsreaktion. Da hilft nur lügen.
Auf einem anderen Gebiet sollte man nicht lügen, nämlich auf der Suche nach einem Partner oder einer Partnerin. Es ist sehr wichtig, daß man jemanden findet, der Verständnis und Einfühlungsvermögen für diese schwierige Problematik zeigt und wirklich bereit ist, sich mit einem einzulassen. Den richtigen Partner zu finden ist schon für gesunde Singles nicht leicht, um so mehr gilt das für psychisch Kranke. Gemeinsame Interessen und ein ähnlicher persönlicher Hintergrund sind auf alle Fälle positiv für einen Start in eine Beziehung.
Schizophrenie und die Öffentlichkeit
An anderer Stelle, z.B. in der Nachbarschaft oder bei der Wohnungssuche, ist es nicht ratsam, zu sagen, daß man an Schizophrenie leidet oder gelitten hat. Die breite Öffentlichkeit fürchtet diese Krankheit, sie verbreitet Schrecken. Das liegt zum einen am Mythos der Unheilbarkeit und zum anderen an der Darstellung durch die Medien. Wie oft gibt es "Psychothriller" im Fernsehen zu sehen, wo ein Mensch zu einem mordlüsternen Verrückten mutiert! Wie oft wird in den Nachrichten im Zusammenhang mit Schizophrenie nur Mord und Totschlag erwähnt! Dabei sind das nur ganz seltene Fälle. Bei unvorhersehbaren Taten sind oft nahestehende Personen die Opfer. Wenn es wirklich so wäre, daß alle Schizophrenen Gewalttäter wären, so müssten ja die Sprechstunden der Psychiater nur unter Polizeischutz ablaufen. Es besteht eine generelle Übereinkunft darüber, daß die meisten Verbrechen nicht von schizophrenen Personen begangen werden. Und die meisten Schizophrenen werden auch nicht gewalttätig. Die Angst gegenüber dieser Krankheit ist also völlig unbegründet. Ein Beispiel
"Ich wollte einfach, dass sie Ruhe gibt‘‘
Onlineausgabe der Süddeutschen Zeitung
vom 09.01.2007
Aber das öffentliche Stigma besteht weiterhin. Schon alleine der abwertende Gebrauch des Wortes "schizophren" in sogenannten gebildeten Kreisen führt zur Verdammung von unschuldigen Kranken. Es ist ja nichts dagegen einzuwenden, daß ein Wort mehrere Bedeutungen haben kann, aber um einen Sachverhalt abwertend darzustellen, gibt es in der deutschen Sprache wohl genug andere Möglichkeiten, als daß man in dieser leichtfertigen Weise mit einem Fremdwort "glänzen" müsste. Auch die medizinische Diagnose "schizophren" schießt weit über das Ziel hinaus. Wirklich schizophren ist ein Patient nur im akuten Stadium des Wahns. Nach der Genesung ist er ein ganz normaler Mensch mit einer kleinen mehr oder minder beeinträchtigenden Stoffwechselstörung! Also Mediziner - denkt Euch für den Zustand "danach" ein anderes Wort aus! In Amerika nennen sich die Patienten selbst "survivors" - Überlebende, in Deutschland "Psychiatrie-Erfahrene". Für den Erkrankten ist das ständige Verstecken und Verheimlichen der Diagnose bald schon belastender als die eigentliche Krankheit. Auch die Angehörigen werden in diese Situation mit hineingezogen. Welche Familie gibt schon gern zu, daß sie einen Schizophreniekranken in ihrer Mitte hat. So werden die Betroffenen in eine soziale Isolation gezwungen. Nur Aufklärung kann hier helfen. Es ist dabei die Schwierigkeit zu überwinden, daß sich kaum jemand freiwillig ernsthaft mit einem solchen oft belächeltem oder abgelehnten Thema wie einer psychischen Krankheit beschäftigt, außer vielleicht via TV in abwegiger Darstellung. Dabei kann jeder ein Betroffener werden.
Montag, 11. August 2008
Psychische Krankheit - ein Phantom
Kate Millett
Psychische Krankheit – ein Phantom (1)
Wie kann es so weit kommen, dass ein menschliches Wesen mit Ledermanschetten an einen Tisch geschnallt wird und diese Qual und Demütigung stundenlang ertragen muss? Welches Gesetz kann das jemals rechtfertigen? Wo gibt es in unserem hochgeschätzten System von bürgerlichen Rechten und Freiheiten etwas, das einen solchen Vorgang zulassen würde? Wie ist es möglich, dass Menschen durch ein Unterbringungsverfahren all ihre Rechte verlieren? Wieso werden sie durch Gerichtsverfahren unter Psychopharmaka gesetzt, wo für sie doch alles auf dem Spiel steht, sogar ihre Freiheit? Die Gesetzgebung hat kläglich versagt, Anwälte verraten ihre Klienten. Es sind PflichtverteidigerInnen; sie arbeiten – zumindest in den USA – für einen Hungerlohn, kennen ihre KlientInnen nicht und geleiten sie durch Scheinverfahren, in denen alles gegen die Opfer gerichtet ist. In solchen Verfahren beugt sich das Gesetz der Medizin; all das, wofür Rechtsprechung steht – verfassungsmäßige Garantien, Anzweiflung bloßer Behauptungen, Forderung nach Fakten und Beweisen –, wird den Ansprüchen der psychiatrischen Medizin preisgegeben. AnwältInnen verneigen sich vor den PsychiaterInnen, die einzelne Menschen »wahnsinnig« nennen. Der Verzicht auf die traditionelle gesetzliche Verpflichtung zum Beistand ist umfassend.
Bedenken Sie, wie lange Strafverfahren dauern, wie ausführlich dort Beweismaterial eingebracht wird. Denken Sie an die Schwurgerichtsbarkeit, daran, wie lange es gedauert hat, das Prinzip der zwei widerstreitenden Parteien zu etablieren, wie langsam und schrittweise verfassungsmäßige Garantien und Bürgerrechte im 18. und 19. Jahrhundert errungen wurden, die sich im 20. Jahrhundert über die ganze Welt verbreiteten. Alles wird in den paar unkontrollierten Augenblicken eines Unterbringungsverfahrens hinweggefegt.
Wie kommt es, dass der Staat über bestimmte Individuen eine solch außergewöhnliche Macht besitzt? Wo und weshalb hat unser Schutzsystem versagt? Es heißt, diese Personen seien von einer seltsamen, schrecklichen Krankheit befallen, weshalb sie gewaltsam zu behandeln seien. Daher müsse das Gesetz denen dienen, die sich mit dieser Krankheit auskennen. Gesetzliche Bestimmungen seien erforderlich, um Zwang ausüben zu können. Doch die Befugnis, diese Bestimmungen umzusetzen, liegt nicht beim Gesetz oder bei den JuristInnen, sondern bei einer anderen Gruppe von Fachleuten, denen das Gesetz zu dienen habe. Diese müssten ihre PatientInnen einsperren und ihrer Entscheidungsfreiheit berauben, was den ersten Schritt zu ihrer Heilung darstelle.
Lassen Sie uns den Begriff der Zwangsbehandlung einmal näher betrachten. Warum wird behandelt? Wegen merkwürdiger Handlungsweisen, zu lauten Redens, wegen Wut, Stress oder irrationalen Verhaltens, wegen Anstößigkeiten? Offensichtlich beziehen wir uns hier auf das Gesetz, nicht auf die Medizin. Hat diese Person einer anderen etwas zuleide getan, den Frieden gestört, jemanden gewaltsam angegriffen? Zuständig hierfür ist die Justiz. Wie kam die Medizin ins Spiel? Man sagt uns dann, es wurde zwar gegen kein Gesetz verstoßen, aber die Nachbarn beschwerten sich, die Familie sei aufgebracht. Es könnte ein Verbrechen geschehen. Unsere Gesetze erlauben es nicht, jemanden vorsorglich zu verhaften oder einzusperren. Es könnte ein Verbrechen geschehen ... aber tatsächlich wurde keines begangen. Stattdessen geht es um anstößiges Verhalten, lediglich allgemein beschrieben, nicht einmal mit eigenen Augen gesehen. Die Person ist nicht kriminell, sondern Opfer einer seltsamen Krankheit, die nur gegen den eigenen Willen geheilt werden kann. Welche Krankheit könnte es je mit sich bringen, dass die betroffene Person nicht selbst den Wunsch hat, behandelt zu werden? Im Bereich der somatischen Medizin ist Zwangsbehandlung nicht zulässig; das übliche Verhältnis zwischen Arzt und Patient basiert auf Übereinkunft, Kooperation, Unterstützung und Trost. Wesentliches Merkmal einer solchen Behandlung ist die Freiwilligkeit. Die Idee der Zwangsbehandlung ist derart absurd, ist medizinisch, juristisch und moralisch derart schwer zu rechtfertigen, dass man sich auf geheimnisvolle Umstände berufen muss.
Dem Übeltäter bzw. der Übeltäterin soll ein Behandlungsplan aufgezwungen werden. Es gibt ›interessierte Parteien‹ und Angehörige, die ein persönliches Interesse an Kontrolle haben und die für ihr feindseliges Vorgehen gegen den einzelnen auffälligen Menschen sozialen Konsens sowie Billigung und Beistand anstreben. Sie brauchen nur zum Telefon zu greifen. Die Gesellschaft ist dafür gerüstet, einen Menschen zu ergreifen und einzusperren, zu bestrafen und all seiner Rechte zu berauben. Aber noch bedarf es einer ›vernünftigen‹ Erklärung, eines Etiketts, einer Anklage, die ins Gewicht fällt. Verrücktheit genügt all diesen Anforderungen, ebenso wie Ketzerei oder politische Subversion. Gedankenverbrechen.
Zuständig hierfür ist heutzutage die Psychiatrie; sie ist der ausführende Arm sozialer Gewalt, ausgestattet mit staatlichen und polizeilichen Machtmitteln, mit Schloss und Riegel, Psychopharmaka und Folterinstrumenten. Sie verkörpert eine bestimmte Vorstellung, nämlich die Annahme, das Individuum sei Träger einer unsichtbaren Krankheit oder erblichen Belastung, die zwar pathologisch nicht nachweisbar ist, aber von ExpertInnen aufgespürt und unter Anwendung von Zwang geheilt werden kann. Durch allgemeine Zustimmung, Werbung und Propaganda gewinnt diese Vorstellung Oberhand; das Ansehen der Wissenschaft lässt sie glaubwürdig erscheinen, und die Staatsgewalt mit der überwältigenden Fülle ihrer Zwangsmittel legitimiert sie.
Die Psychiatrie, die sich selbst als Teilbereich der Medizin bezeichnet, wird zwangsläufig zum Mittel außergesetzlicher sozialer Kontrolle und staatlicher Macht, mit Befugnissen, die das Recht und all seine Garantien für das Individuum außer Kraft setzen, vielleicht sogar dem Gesetz widersprechen. Die garantierten Rechte, Ergebnis einer Jahrhunderte währenden Entwicklung, werden in bestimmten Fällen aufgehoben. Der Staat erlaubt der Familie, ihr Objekt der Unterdrückung selbst zu wählen. Als Bevollmächtigte des Staates bedient sich die Familie wiederum der Psychiatrie, denn das letzte Wort hat der Psychiater. Wollen Sie eine Verwandte einsperren, so müssen Sie immer noch einen gefälligen Arzt finden – letztlich entscheidet er. Die Tatsache jedoch, dass Familien ein Opfer präsentieren können, ist allein schon erstaunlich, eine informelle soziale Kontrolle.
Wir alle glauben doch an diese geheimnisvolle Macht, diese Krankheit, diese psychische Störung. Es kann passieren, dass Ihr Verstand einfach aufgibt, Ihre Gefühle Sie überwältigen, Sie einer konstitutionellen Schwäche unterliegen. Unsichtbare Kräfte zwingen Sie in die Knie. Und der Glaube ist alles. Glaube versetzt Berge. Man muss ihn nur ausweiten und propagieren, institutionalisieren, finanzieren, bürokratisieren, in einen blühenden Industriezweig verwandeln – Spender von Hunderttausenden von Arbeitsplätzen und ›Diensten‹.
Das System würde ohne Zwang nicht funktionieren. Wie jedes System sozialer Kontrolle basiert es letztlich auf roher Gewalt. Es gründet auch auf einer Ideologie. Hier ist die Ideologie – das medizinische Modell psychischer Krankheit – eine Perversion von Vernunft und Wissenschaft. Viele PsychologInnen und PsychoanalytikerInnen stimmen vermutlich der Auffassung zu, dass es sich beim medizinischen Krankheitsmodell um eine irreführende Analogie handelt, denn sie gehen davon aus, dass psychisches Leiden von Konflikten des Individuums mit seinem Umfeld herrührt, ob sie nun durch die persönliche Geschichte oder die gesellschaftlichen Verhältnisse bedingt sind. Mit anderen Worten, das Leben ist nicht leicht. Der Tod ist nur schwer zu verkraften, ebenso Trauerfälle, das Ende einer Liebe, vergebliche Liebesmüh, schwere wirtschaftliche Zeiten, Verlust des Arbeitsplatzes, verpasste Chancen, die verbitternde Anhäufung von Enttäuschungen aller Art. Dies ist ein Wirklichkeitsmodell, welches von Tatsachen ausgeht.
Das medizinische Modell dagegen hat keinerlei Bezug zu irgendeiner Realität, es ist nicht einmal medizinisch, obwohl es vom Ansehen der Körpermedizin profitiert und die Existenz physischen Leidens nutzt, um uns an der Nase herumzuführen und einen allgemeinen gesellschaftlichen Konsens zu erzwingen, legal oder am Gesetz vorbei. Letzten Endes handelt es sich um einen gesellschaftlichen Mythos, der über den Akt des Unterbringungsverfahrens sowohl dem Staat als auch der Psychiatrie enorme Macht überträgt.
Es gibt kaum Länder, in denen nicht formell oder informell, öffentlich oder privat die Vorstellung von der Existenz psychischer Krankheit und deren Pendant der psychischen Gesundheit Bausteine des Glaubenssystems geworden sind. Psychische Krankheit ist ein Haushaltstitel der Regierung, ein Ministerium, eine Verwaltungsabteilung, eine Unterabteilung jeder Bürokratie auf bundesstaatlicher, Länder-, Kreis- und kommunaler Ebene.
Einige Menschen stellen sich vor, dass psychische Krankheit wie eine Lungenentzündung diagnostiziert werden kann, epidemisch wie AIDS auftritt und wie Krebs potentiell erkennbar und irgendwann auch heilbar sein wird. Unsere gemeinsame Überzeugung von der Existenz psychischer Krankheit ist mysteriös und wunderlich. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts und nach mehreren Jahrhunderten wissenschaftlicher Entdeckungen und dem Triumph wissenschaftlicher Erkenntnisse bleibt sie durch und durch glaubensbedingt und unwissenschaftlich. Wir glauben einfach daran, ohne jeden Beweis für das, was wissenschaftlich unter Krankheit zu verstehen ist. Damit meine ich die Pathologie. In der Medizin gibt es keine Störung oder Erkrankung ohne Pathologie, und pathologische Veränderungen sind etwas, was beobachtet und nachgewiesen werden kann. Körpermedizin und Wissenschaft überhaupt beruhen größtenteils auf Beweisen. Es gibt Erreger, es gibt Bluttests, es gibt Antikörper, es gibt Schwellungen und Körperflüssigkeit, es gibt Ödeme und Zelldeformation. Es gibt Erkrankungen des Gehirns und des Nervensystems, deren Existenz nachgewiesen werden kann: Tumore, Lähmungen, Alzheimerkrankheit, Chorea Huntington. Dies sind wirkliche Krankheiten, tatsächlich nachweisbar.
Wenn wir jedoch von psychischer Krankheit sprechen, meinen wir eine Vielzahl sogenannter Krankheiten, für die keine pathologischen Vorgänge nachgewiesen sind, auch wenn man schon über hundert Jahre an sie glaubt. Schizophrenie ist die bedeutendste psychische Krankheit, gefolgt von manisch-depressivem Irresein. Gleichzeitig ist man sich selbst unter Psychiatern über deren eigentliche Existenz nicht immer einig. Und innerhalb der klassischen Psychologie fällt der Nachweis von Krankheiten oder Störungen auch nicht leichter, denn es gibt in der Psychologie kein Verfahren, mit dem man Krankheiten nachweisen kann. Es gibt nur das Verhalten.
Jemanden für psychisch krank zu erklären, weil er bzw. sie auf eine bestimmte Art handelt oder sich verhält, ist etwas völlig anderes, als eine Krankheit festzustellen, für die es physiologische Anhaltspunkte gibt. Verhalten als Indiz für eine Krankheit ist kein objektiver Tatbestand – es ist darüber hinaus auch deswegen subjektiv, weil Verhalten eine Sache von Beobachtung und Interpretation ist. Kurz gesagt, was für den einen Menschen verrückt ist, ist für den anderen erklärbar, ja sogar vernünftig. Was dem einen abscheulich ist, hält der andere lediglich für schlechte Manieren, und ein Dritter mag das Verhalten sogar witzig finden. Das Urteil hängt davon ab, wer beobachtet, mehr noch von der Haltung, die der Beobachtung zugrunde liegt: Eigennutz, Boshaftigkeit, ein Hang zur Zwangsausübung, Wut, Missbilligung, das Bedürfnis andere zu kontrollieren, zu strafen, zu erniedrigen.
Mit der Lungenentzündung ist es anders: Wir haben sie oder wir haben sie nicht. Und wenn wir sie haben, wollen wir eine Behandlung. Wenn wir beschuldigt werden, psychisch krank zu sein, stehen wir unter Anklage, sind Opfer einer Verleumdung, sind in Verteidigungsposition und unfähig, uns selbst zu verteidigen gegen einen Vorwurf, dessen pure Existenz unsere Schuld beweist. Anders bei der Lungenentzündung: niemand wird vorgeladen, um die Erkrankten vor Gericht anzuklagen und einen Richter davon zu überzeugen, dass die PatientInnen schuldig sind, da sie voller Keime stecken. Wir werden nicht isoliert und vor FreundInnen gedemütigt, verlieren nicht die Arbeit und das Sorgerecht für die Kinder. Lungenentzündung tut keinem Menschen so etwas an.
Die Vorstellung von psychischer Krankheit ist simpel: Man nehme psychisches Leid als Beweis für eine Krankheit, auf die nur eine hochspezialisierte und gutbezahlte Gruppe von Heilern – fast schon eine Priesterschaft – einwirken kann. Und man sei nicht sparsam mit drastischen Maßnahmen. Man benutze Psychopharmaka, Grausamkeit und Schrecken, Einkerkerung und elektrischen Strom für das Gehirn. Bloße Gesprächstherapie ist zu einfach, so wie auch Gespräche, Freundschaft oder Beratung zu primitiv sind, braucht man dazu doch weder Rezept noch Lizenz.
Menschliches Elend, Ungewissheit, Lebenskrisen, die schmerzhaften Prozesse, durch die wir uns voneinander trennen, wachsen, Neues schaffen, uns verändern oder Entscheidungen treffen ... all das sind Zeiten der Verwundbarkeit. Von Seiten unserer Umwelt oder aus unserem Inneren regt sich Widerstand. Wir sind uns unserer selbst unsicher, als Mann oder als Frau, als Liebende, Bruder oder Schwester, Kinder oder Eltern; wir können verwirrt sein, überwältigt, beschämt, eingeschüchtert, geschwächt oder erniedrigt. Ganz besonders dann, wenn wir davon überzeugt wurden, die eigenen Gefühle, Reaktionen und Beweggründe nicht zu kennen, die eigene Urteilskraft unzuverlässig und unsere psychischen Prozesse falsch zu finden. Dann erkläre man das Menschsein an sich zum medizinischen Problem, definiere die Psyche als eine Abfolge von mysteriösen Unwägbarkeiten und behaupte, es handle sich um ein chemisches Konstrukt von unsicherem Gleichgewicht, um ein Rätsel, dem wir ausgeliefert sind. Nur die Psychiatrie kann diese instabile Mixtur in Ordnung bringen – mit Psychopharmaka, deren Wirkungsweise nicht einmal die Doktoren verstehen, von denen sie aber behaupten, dass sie uns nicht schaden.
Wir haben es hier mit Stigmatisierung und Zwang zu tun, mit Staatsgewalt und Kontrolle und mit multinationalen Pharmakonzernen, die bereitstehen, ihre Profite aus der Zwangsverabreichung psychiatrischer Psychopharmaka an die Opfer dieser mysteriösen Krankheiten zu ziehen, und zwar sowohl wenn diese gegen ihren Willen eingesperrt sind als auch nach deren Entlassung, die in Wahrheit nur vorübergehend und auf Probe ist. Freiheit, Leben, Nahrung, Obdach und Beschäftigung hängen allesamt davon ab, ob sich ein Mensch unterwirft und durch die Psychopharmaka stigmatisieren und zu einem Behinderten machen lässt.
Mit diesen Psychopharmaka ist weniger Medizin gemeint, eher Medikation. Diese stellt ruhig, stumpft ab, macht träge oder hektisch, vermindert oder erzeugt Stress, stört die Konzentrationsfähigkeit und verzerrt die Wahrnehmung, verhindert vernünftiges Denken. Sie tut das, was Psychopharmaka eben tun: sie entstellen, aber sie heilen nicht, wie auch, wenn gar keine Krankheit vorliegt. Psychische und emotionale Belastungen und Beschwerden sind nun mal natürliche Bestandteile des menschlichen Lebens und keine Krankheitssymptome.
Peter Breggin (1990) hat eine umfassende Darstellung von Forschungsarbeiten über Schädigungen publiziert, die durch Neuroleptika wie Haloperidol (im Handel u. a. als Haldol, Haloper, Sigaperidol), Chlorpromazin (im Handel u. a. als Chlorazin, Propaphenin), Thioridazin (im Handel u. a. als Melleril) oder Fluphenazin (im Handel u. a. als Dapotum, Lyogen, Lyorodin) verursacht werden – Psychopharmaka, die PatientInnen ›freiwillig‹ nehmen sollen, wenn sie ihre Sozialunterstützung nicht verlieren wollen. Breggin beschäftigte sich mit den Auswirkungen solcher Substanzen auf die höheren Hirnfunktionen, außerdem fasste er Untersuchungen des Hirngewebes sowie Tierstudien zusammen. Er fand heraus, dass neuroleptikabedingte Hirnschäden häufig durch die Wirkung der Psychopharmaka selbst kaschiert werden und daher erst während des Entzugs, wenn der Schaden bereits irreversibel ist, zum Vorschein kommen. Das kann zu lebenslanger Neuroleptika-Einnahme führen. Breggin beschreibt auch, wie psychiatrische Psychopharmaka das Gehirn gewissermaßen schrumpfen lassen und über die kurzfristige Ruhigstellung und Behinderung intellektueller Prozesse hinaus bleibende kognitive (die Denkfähigkeit betreffende) Defizite verursachen. Er nennt die seuchenartige Ausbreitung der neuroleptikabedingten tardiven Dyskinesien (oft irreversible Bewegungsstörungen) eine physisch bedingte »iatrogene (vom Arzt verursachte) Tragödie« und appelliert an die Ärzteschaft, die Verantwortung für die Schädigungen zu übernehmen, die Millionen von Menschen in der ganzen Welt erleiden. Neben Stoffwechsel- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen ist bei neu entwickelten Clozapin (im Handel u. a. als Clopin, Elcrit, Lanolept, Leponex)-artigen (›atypischen‹) Neuroleptika wie Zyprexa (Wirkstoff Olanzapin) oder Sertolect (Wirkstoff Sertindol) insbesondere mit tardiven Psychosen zu rechnen: der Verschlechterung oder Chronifizierung von psychotischen Zuständen als Resultat behandlungsbedingter Rezeptorenveränderungen – ein Schaden, auf den Robert Whitaker (2002, S. 253 – 286) und Peter Lehmann (1996, S. 99 – 104; 2003) aufmerksam machen.
Im Gegensatz zum medizinischen Modell respektiert das humanistische und psychologische Modell die Menschenrechte, insbesondere im Hinblick auf Einweisung und Zwangsbehandlung. Aber dieses Modell ist in unserer Gesellschaft nicht gebräuchlich.
So gesehen wirkt das medizinische Modell sowohl niederträchtig als auch töricht. Es ist eine Laienreligion, aber auch eine massive Bedrohung unserer Rechte ebenso wie unserer Fähigkeit, mit Logik und Verstand solch komplizierte Dinge wie Medizin und Krankheit zu betrachten. Das medizinische Modell lehrt die ursächliche Vorbestimmtheit allen Geschehens: Freiheit und Verantwortung, gut und böse, Wahlmöglichkeit und Vernunft werden von ihm ausgelöscht. Das hat enorme politische Auswirkungen. Wir werden geführt und kontrolliert. Wir werden auf Linie gebracht, korrigiert und geleitet von Sozialbürokratien, der gewaltigen Kreatur der Staates, Anstalten, gemeindepsychiatrischen Einrichtungen oder privaten Kliniken.
Hinter den Vorstellungen von psychischer Gesundheit und psychischer Krankheit steckt eine gigantische Industrie mit Hunderttausenden von Arbeitsplätzen, mit Zuschüssen und Ausgaben, Doktoren, Krankenschwestern und -pflegern, ein totales Überwachungssystem mit geschlossenen Abteilungen und entsprechenden Hilfsmitteln, Sicherheitspersonal und technischen Vorrichtungen, Herstellerfirmen von Gerätschaften für Fixierung, Überwachung und Elektroschocks; schließlich ist da noch die Pharmaindustrie selbst, zusammen mit der Rüstungsindustrie weltweit der größte und ertragreichste Industriezweig. Im Umfeld gibt es Tausende von Zulieferfirmen, Zeitschriften und Bildungseinrichtungen, die Anerkennungs- und Beglaubigungsbürokratie, Aktenverwalter und andere Büroangestellte, Tagungsstätten und Ausbildungszentren, Bauunternehmer und Wartungspersonal, die ganzen Ausstattungsfirmen und Geldgeber, Versicherer und schließlich Rechtsberater und Buchhalter.
Ständig ertönt der Ruf nach mehr Geld, nach mehr Forschung zu psychiatrischen Krankheiten, nach mehr Einrichtungen zur Unterbringung und Absonderung, nach größerem Spielraum bei Einweisung und geschlossener Unterbringung. Gleichzeitig wird mit erbärmlicher Heuchelei die salbungsvolle Bitte vorgetragen, doch mehr Toleranz und Verständnis aufzubringen, wobei noch weitergehende Krankheitsvorstellungen gezimmert werden, dass wir alle mehr oder weniger Keime psychischer Krankheit in uns tragen und einer immer umfassenderen und tiefgreifenderen Behandlung bedürfen.
In all dem stecken so viel Geld und Macht, Arbeitsplätze und Karrieren, dass die Kirche mit ihren sozialen Normen als mächtigste Einrichtung zur Kontrolle der Gesellschaft in den Schatten gestellt wurde. Darüber hinaus sind die psychiatrischen Kriterien gesetzlich abgesichert und juristisch durchsetzbar; das heißt im Unterbringungsverfahren geht es um Freiheit und Gefangenschaft. Dies gilt auch für die Psychiatriegesetze und die Vormundschaft, heute ›Betreuung‹, die einem Individuum die Fähigkeit abspricht, selbstständig persönliche Entscheidungen zu treffen. Alles, was sein weiteres Schicksal betrifft, wird von Dritten entschieden. Eine Person, die der psychischen Krankheit überführt wurde, existiert rechtlich nicht mehr, ihr selbstständiger Status und ihre persönliche Identität sind ausgelöscht: Das betrifft alle Bereiche der Lebensgestaltung und des Selbst.
Der Glaube an eine eingebildete, trügerische Krankheit ist fest verankert. Die sozialen Kontrollmöglichkeiten sind – zufällig oder absichtlich – derart überwältigend, dass ihr Missbrauch nicht etwa ungewollt ist, sondern bewusster Bestandteil des Konzepts. Ergebnis und tatsächlicher Zweck ist die Schaffung zwanghafter sozialer Konformität. Sogar die Inquisition verblasst neben solchen Erfindungen. Es ist nicht leicht, an den Terror heranzureichen, der von elektroschockbedingten Krampfanfällen, von Vierpunktfixierungen und massiven Spritzen verstandestötender Psychopharmaka ausgeht. Dieses System ermöglicht die Anwendung totalen Zwangs und schafft völlige Hilflosigkeit.
Natürlich ummanteln soziale Institutionen im Allgemeinen solche Aktivitäten. Normalerweise sind sie in das Alltagsleben integriert, werden als gegeben hingenommen, als unvermeidbar oder nützlich akzeptiert, als allgemeiner Bestandteil unserer Zivilisation oder gar als Erlösung. Bedenken Sie die Macht und die Struktur der staatlichen Psychiatrie, einer Einrichtung, deren Geltungsbereich, Größe und Komplexität, Ausweitung und Effizienz von internationalem Zuschnitt ist. Bedenken Sie den Einfluss der Psychiatrie in Schulen und Universitäten, in unserem gesamten Beschäftigungssystem, ihren Einfluss auf alle Fragen unserer Gesundheitsversorgung, auf das Wohlfahrtssystem, auf öffentliche Hilfe, staatliche Subventionen, auf das private Miteinander. Vor allem aber bedenken Sie die kulturelle Akzeptanz und die gesellschaftliche Anerkennung der Psychiatrie, die hehren Ziele der ›helfenden Berufe‹, laut sozialem Konsens höchst ehrenwerte und von größter Nächstenliebe geprägte Ziele. Ist deren Mission nicht göttlich, nicht heilig, dann wenigstens vornehm und edel, eine Offenbarung wissenschaftlicher Wahrhaftigkeit, unsere moderne weltliche Religion. Wenn es sich auch um eine Pseudowissenschaft handelt: der Wunsch, daran zu glauben, hat die Suche nach Fakten und Beweisen ersetzt. Behauptungen werden als Tatsachen akzeptiert.
Wie kann eine Einbildung die Macht des Faktischen erlangen? Dadurch, dass die Beherrschten an sie glauben und sie billigen. Wie jeder Aberglaube hat auch dieses System aus Gedankenkonstrukten enorme Macht. Aber da es auf Panzerglas, Schlüsseln und Polizeigewalt beruht, wäre diese Macht auch existent, wenn wir nicht an sie glaubten. Trotzdem bekommt sie durch unseren Glauben noch größeren Einfluss. Gottgleiche Macht hat sie gehabt für uns, die wir physisch und psychisch ihre Gefangenen waren.
Wir sind Überlebende eines der übelsten Unterdrückungsapparate, die je entwickelt wurden, seine Opfer ebenso wie seine KritikerInnen. Wir müssen die Wahrheit erzählen und klarstellen, dass psychische Krankheit ein Phantom ist, sowohl intellektuell als auch wissenschaftlich, aber auch ein System zur sozialen Kontrolle von noch nie da gewesener Gründlichkeit und Allgegenwart. Es ist unsere Aufgabe, dieses Phantom als solches bloßzustellen und uns alle zu befreien – denn wir alle werden vom Phantom psychische Krankheit eingeschüchtert, eingeschränkt und unterdrückt. Wir setzen Vernunft gegen Irrtum und Aberglauben, Phantasie gegen Anpassung und Unterdrückung. Was für ein Glück, an einem solchen Kampf für Freiheit und Menschenrechte teilzuhaben.
Literatur
Breggin, P. R.: »Brain damage, dementia and persistent cognitive dysfunction associated with neuroleptic drugs: Evidence, etiology, implications«, in: Journal of Mind and Behavior, Bd. 11 (1990), S. 425 – 463
Lehmann, P.: »Schöne neue Psychiatrie«
Bd. 1: »Wie Chemie und Strom auf Geist und Psyche wirken«, Berlin: Antipsychiatrieverlag 1996
Lehmann, P.: » :Atypische 9 Neuroleptika, typische Unwahrheiten«
in: Pro Mente Sana Aktuell, 2003, Nr. 1, S. 16 18; online unter http://www.antipsychiatrieverlag.de/artikel/gesundheit/atypische.htm
Whitaker, R.: »Mad in America«,
Cambridge: Perseus Publishing 2002
Aus dem Amerikanischen von Ulrike Stamp und Rainer Kolenda
Fußnote
(1) Dieser Artikel basiert auf einer Vorlesung zum Thema Justiz und Medizin, die Kate Millett 1992 an der Juristischen Fakultät der Law of Queen’s University of Kingston, Ontario/Kanada, hielt. Kate Millett überarbeitete ihre Vorlesung und veröffentlichte sie unter dem Titel »Legal rights and the mental health system« im Queen’s Law Journal, Bd. 17 (1992), Nr. 1, S. 215 – 223. Diese Version ist eine gekürzte und aktualisierte Fassung.
Psychische Krankheit – ein Phantom (1)
Wie kann es so weit kommen, dass ein menschliches Wesen mit Ledermanschetten an einen Tisch geschnallt wird und diese Qual und Demütigung stundenlang ertragen muss? Welches Gesetz kann das jemals rechtfertigen? Wo gibt es in unserem hochgeschätzten System von bürgerlichen Rechten und Freiheiten etwas, das einen solchen Vorgang zulassen würde? Wie ist es möglich, dass Menschen durch ein Unterbringungsverfahren all ihre Rechte verlieren? Wieso werden sie durch Gerichtsverfahren unter Psychopharmaka gesetzt, wo für sie doch alles auf dem Spiel steht, sogar ihre Freiheit? Die Gesetzgebung hat kläglich versagt, Anwälte verraten ihre Klienten. Es sind PflichtverteidigerInnen; sie arbeiten – zumindest in den USA – für einen Hungerlohn, kennen ihre KlientInnen nicht und geleiten sie durch Scheinverfahren, in denen alles gegen die Opfer gerichtet ist. In solchen Verfahren beugt sich das Gesetz der Medizin; all das, wofür Rechtsprechung steht – verfassungsmäßige Garantien, Anzweiflung bloßer Behauptungen, Forderung nach Fakten und Beweisen –, wird den Ansprüchen der psychiatrischen Medizin preisgegeben. AnwältInnen verneigen sich vor den PsychiaterInnen, die einzelne Menschen »wahnsinnig« nennen. Der Verzicht auf die traditionelle gesetzliche Verpflichtung zum Beistand ist umfassend.
Bedenken Sie, wie lange Strafverfahren dauern, wie ausführlich dort Beweismaterial eingebracht wird. Denken Sie an die Schwurgerichtsbarkeit, daran, wie lange es gedauert hat, das Prinzip der zwei widerstreitenden Parteien zu etablieren, wie langsam und schrittweise verfassungsmäßige Garantien und Bürgerrechte im 18. und 19. Jahrhundert errungen wurden, die sich im 20. Jahrhundert über die ganze Welt verbreiteten. Alles wird in den paar unkontrollierten Augenblicken eines Unterbringungsverfahrens hinweggefegt.
Wie kommt es, dass der Staat über bestimmte Individuen eine solch außergewöhnliche Macht besitzt? Wo und weshalb hat unser Schutzsystem versagt? Es heißt, diese Personen seien von einer seltsamen, schrecklichen Krankheit befallen, weshalb sie gewaltsam zu behandeln seien. Daher müsse das Gesetz denen dienen, die sich mit dieser Krankheit auskennen. Gesetzliche Bestimmungen seien erforderlich, um Zwang ausüben zu können. Doch die Befugnis, diese Bestimmungen umzusetzen, liegt nicht beim Gesetz oder bei den JuristInnen, sondern bei einer anderen Gruppe von Fachleuten, denen das Gesetz zu dienen habe. Diese müssten ihre PatientInnen einsperren und ihrer Entscheidungsfreiheit berauben, was den ersten Schritt zu ihrer Heilung darstelle.
Lassen Sie uns den Begriff der Zwangsbehandlung einmal näher betrachten. Warum wird behandelt? Wegen merkwürdiger Handlungsweisen, zu lauten Redens, wegen Wut, Stress oder irrationalen Verhaltens, wegen Anstößigkeiten? Offensichtlich beziehen wir uns hier auf das Gesetz, nicht auf die Medizin. Hat diese Person einer anderen etwas zuleide getan, den Frieden gestört, jemanden gewaltsam angegriffen? Zuständig hierfür ist die Justiz. Wie kam die Medizin ins Spiel? Man sagt uns dann, es wurde zwar gegen kein Gesetz verstoßen, aber die Nachbarn beschwerten sich, die Familie sei aufgebracht. Es könnte ein Verbrechen geschehen. Unsere Gesetze erlauben es nicht, jemanden vorsorglich zu verhaften oder einzusperren. Es könnte ein Verbrechen geschehen ... aber tatsächlich wurde keines begangen. Stattdessen geht es um anstößiges Verhalten, lediglich allgemein beschrieben, nicht einmal mit eigenen Augen gesehen. Die Person ist nicht kriminell, sondern Opfer einer seltsamen Krankheit, die nur gegen den eigenen Willen geheilt werden kann. Welche Krankheit könnte es je mit sich bringen, dass die betroffene Person nicht selbst den Wunsch hat, behandelt zu werden? Im Bereich der somatischen Medizin ist Zwangsbehandlung nicht zulässig; das übliche Verhältnis zwischen Arzt und Patient basiert auf Übereinkunft, Kooperation, Unterstützung und Trost. Wesentliches Merkmal einer solchen Behandlung ist die Freiwilligkeit. Die Idee der Zwangsbehandlung ist derart absurd, ist medizinisch, juristisch und moralisch derart schwer zu rechtfertigen, dass man sich auf geheimnisvolle Umstände berufen muss.
Dem Übeltäter bzw. der Übeltäterin soll ein Behandlungsplan aufgezwungen werden. Es gibt ›interessierte Parteien‹ und Angehörige, die ein persönliches Interesse an Kontrolle haben und die für ihr feindseliges Vorgehen gegen den einzelnen auffälligen Menschen sozialen Konsens sowie Billigung und Beistand anstreben. Sie brauchen nur zum Telefon zu greifen. Die Gesellschaft ist dafür gerüstet, einen Menschen zu ergreifen und einzusperren, zu bestrafen und all seiner Rechte zu berauben. Aber noch bedarf es einer ›vernünftigen‹ Erklärung, eines Etiketts, einer Anklage, die ins Gewicht fällt. Verrücktheit genügt all diesen Anforderungen, ebenso wie Ketzerei oder politische Subversion. Gedankenverbrechen.
Zuständig hierfür ist heutzutage die Psychiatrie; sie ist der ausführende Arm sozialer Gewalt, ausgestattet mit staatlichen und polizeilichen Machtmitteln, mit Schloss und Riegel, Psychopharmaka und Folterinstrumenten. Sie verkörpert eine bestimmte Vorstellung, nämlich die Annahme, das Individuum sei Träger einer unsichtbaren Krankheit oder erblichen Belastung, die zwar pathologisch nicht nachweisbar ist, aber von ExpertInnen aufgespürt und unter Anwendung von Zwang geheilt werden kann. Durch allgemeine Zustimmung, Werbung und Propaganda gewinnt diese Vorstellung Oberhand; das Ansehen der Wissenschaft lässt sie glaubwürdig erscheinen, und die Staatsgewalt mit der überwältigenden Fülle ihrer Zwangsmittel legitimiert sie.
Die Psychiatrie, die sich selbst als Teilbereich der Medizin bezeichnet, wird zwangsläufig zum Mittel außergesetzlicher sozialer Kontrolle und staatlicher Macht, mit Befugnissen, die das Recht und all seine Garantien für das Individuum außer Kraft setzen, vielleicht sogar dem Gesetz widersprechen. Die garantierten Rechte, Ergebnis einer Jahrhunderte währenden Entwicklung, werden in bestimmten Fällen aufgehoben. Der Staat erlaubt der Familie, ihr Objekt der Unterdrückung selbst zu wählen. Als Bevollmächtigte des Staates bedient sich die Familie wiederum der Psychiatrie, denn das letzte Wort hat der Psychiater. Wollen Sie eine Verwandte einsperren, so müssen Sie immer noch einen gefälligen Arzt finden – letztlich entscheidet er. Die Tatsache jedoch, dass Familien ein Opfer präsentieren können, ist allein schon erstaunlich, eine informelle soziale Kontrolle.
Wir alle glauben doch an diese geheimnisvolle Macht, diese Krankheit, diese psychische Störung. Es kann passieren, dass Ihr Verstand einfach aufgibt, Ihre Gefühle Sie überwältigen, Sie einer konstitutionellen Schwäche unterliegen. Unsichtbare Kräfte zwingen Sie in die Knie. Und der Glaube ist alles. Glaube versetzt Berge. Man muss ihn nur ausweiten und propagieren, institutionalisieren, finanzieren, bürokratisieren, in einen blühenden Industriezweig verwandeln – Spender von Hunderttausenden von Arbeitsplätzen und ›Diensten‹.
Das System würde ohne Zwang nicht funktionieren. Wie jedes System sozialer Kontrolle basiert es letztlich auf roher Gewalt. Es gründet auch auf einer Ideologie. Hier ist die Ideologie – das medizinische Modell psychischer Krankheit – eine Perversion von Vernunft und Wissenschaft. Viele PsychologInnen und PsychoanalytikerInnen stimmen vermutlich der Auffassung zu, dass es sich beim medizinischen Krankheitsmodell um eine irreführende Analogie handelt, denn sie gehen davon aus, dass psychisches Leiden von Konflikten des Individuums mit seinem Umfeld herrührt, ob sie nun durch die persönliche Geschichte oder die gesellschaftlichen Verhältnisse bedingt sind. Mit anderen Worten, das Leben ist nicht leicht. Der Tod ist nur schwer zu verkraften, ebenso Trauerfälle, das Ende einer Liebe, vergebliche Liebesmüh, schwere wirtschaftliche Zeiten, Verlust des Arbeitsplatzes, verpasste Chancen, die verbitternde Anhäufung von Enttäuschungen aller Art. Dies ist ein Wirklichkeitsmodell, welches von Tatsachen ausgeht.
Das medizinische Modell dagegen hat keinerlei Bezug zu irgendeiner Realität, es ist nicht einmal medizinisch, obwohl es vom Ansehen der Körpermedizin profitiert und die Existenz physischen Leidens nutzt, um uns an der Nase herumzuführen und einen allgemeinen gesellschaftlichen Konsens zu erzwingen, legal oder am Gesetz vorbei. Letzten Endes handelt es sich um einen gesellschaftlichen Mythos, der über den Akt des Unterbringungsverfahrens sowohl dem Staat als auch der Psychiatrie enorme Macht überträgt.
Es gibt kaum Länder, in denen nicht formell oder informell, öffentlich oder privat die Vorstellung von der Existenz psychischer Krankheit und deren Pendant der psychischen Gesundheit Bausteine des Glaubenssystems geworden sind. Psychische Krankheit ist ein Haushaltstitel der Regierung, ein Ministerium, eine Verwaltungsabteilung, eine Unterabteilung jeder Bürokratie auf bundesstaatlicher, Länder-, Kreis- und kommunaler Ebene.
Einige Menschen stellen sich vor, dass psychische Krankheit wie eine Lungenentzündung diagnostiziert werden kann, epidemisch wie AIDS auftritt und wie Krebs potentiell erkennbar und irgendwann auch heilbar sein wird. Unsere gemeinsame Überzeugung von der Existenz psychischer Krankheit ist mysteriös und wunderlich. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts und nach mehreren Jahrhunderten wissenschaftlicher Entdeckungen und dem Triumph wissenschaftlicher Erkenntnisse bleibt sie durch und durch glaubensbedingt und unwissenschaftlich. Wir glauben einfach daran, ohne jeden Beweis für das, was wissenschaftlich unter Krankheit zu verstehen ist. Damit meine ich die Pathologie. In der Medizin gibt es keine Störung oder Erkrankung ohne Pathologie, und pathologische Veränderungen sind etwas, was beobachtet und nachgewiesen werden kann. Körpermedizin und Wissenschaft überhaupt beruhen größtenteils auf Beweisen. Es gibt Erreger, es gibt Bluttests, es gibt Antikörper, es gibt Schwellungen und Körperflüssigkeit, es gibt Ödeme und Zelldeformation. Es gibt Erkrankungen des Gehirns und des Nervensystems, deren Existenz nachgewiesen werden kann: Tumore, Lähmungen, Alzheimerkrankheit, Chorea Huntington. Dies sind wirkliche Krankheiten, tatsächlich nachweisbar.
Wenn wir jedoch von psychischer Krankheit sprechen, meinen wir eine Vielzahl sogenannter Krankheiten, für die keine pathologischen Vorgänge nachgewiesen sind, auch wenn man schon über hundert Jahre an sie glaubt. Schizophrenie ist die bedeutendste psychische Krankheit, gefolgt von manisch-depressivem Irresein. Gleichzeitig ist man sich selbst unter Psychiatern über deren eigentliche Existenz nicht immer einig. Und innerhalb der klassischen Psychologie fällt der Nachweis von Krankheiten oder Störungen auch nicht leichter, denn es gibt in der Psychologie kein Verfahren, mit dem man Krankheiten nachweisen kann. Es gibt nur das Verhalten.
Jemanden für psychisch krank zu erklären, weil er bzw. sie auf eine bestimmte Art handelt oder sich verhält, ist etwas völlig anderes, als eine Krankheit festzustellen, für die es physiologische Anhaltspunkte gibt. Verhalten als Indiz für eine Krankheit ist kein objektiver Tatbestand – es ist darüber hinaus auch deswegen subjektiv, weil Verhalten eine Sache von Beobachtung und Interpretation ist. Kurz gesagt, was für den einen Menschen verrückt ist, ist für den anderen erklärbar, ja sogar vernünftig. Was dem einen abscheulich ist, hält der andere lediglich für schlechte Manieren, und ein Dritter mag das Verhalten sogar witzig finden. Das Urteil hängt davon ab, wer beobachtet, mehr noch von der Haltung, die der Beobachtung zugrunde liegt: Eigennutz, Boshaftigkeit, ein Hang zur Zwangsausübung, Wut, Missbilligung, das Bedürfnis andere zu kontrollieren, zu strafen, zu erniedrigen.
Mit der Lungenentzündung ist es anders: Wir haben sie oder wir haben sie nicht. Und wenn wir sie haben, wollen wir eine Behandlung. Wenn wir beschuldigt werden, psychisch krank zu sein, stehen wir unter Anklage, sind Opfer einer Verleumdung, sind in Verteidigungsposition und unfähig, uns selbst zu verteidigen gegen einen Vorwurf, dessen pure Existenz unsere Schuld beweist. Anders bei der Lungenentzündung: niemand wird vorgeladen, um die Erkrankten vor Gericht anzuklagen und einen Richter davon zu überzeugen, dass die PatientInnen schuldig sind, da sie voller Keime stecken. Wir werden nicht isoliert und vor FreundInnen gedemütigt, verlieren nicht die Arbeit und das Sorgerecht für die Kinder. Lungenentzündung tut keinem Menschen so etwas an.
Die Vorstellung von psychischer Krankheit ist simpel: Man nehme psychisches Leid als Beweis für eine Krankheit, auf die nur eine hochspezialisierte und gutbezahlte Gruppe von Heilern – fast schon eine Priesterschaft – einwirken kann. Und man sei nicht sparsam mit drastischen Maßnahmen. Man benutze Psychopharmaka, Grausamkeit und Schrecken, Einkerkerung und elektrischen Strom für das Gehirn. Bloße Gesprächstherapie ist zu einfach, so wie auch Gespräche, Freundschaft oder Beratung zu primitiv sind, braucht man dazu doch weder Rezept noch Lizenz.
Menschliches Elend, Ungewissheit, Lebenskrisen, die schmerzhaften Prozesse, durch die wir uns voneinander trennen, wachsen, Neues schaffen, uns verändern oder Entscheidungen treffen ... all das sind Zeiten der Verwundbarkeit. Von Seiten unserer Umwelt oder aus unserem Inneren regt sich Widerstand. Wir sind uns unserer selbst unsicher, als Mann oder als Frau, als Liebende, Bruder oder Schwester, Kinder oder Eltern; wir können verwirrt sein, überwältigt, beschämt, eingeschüchtert, geschwächt oder erniedrigt. Ganz besonders dann, wenn wir davon überzeugt wurden, die eigenen Gefühle, Reaktionen und Beweggründe nicht zu kennen, die eigene Urteilskraft unzuverlässig und unsere psychischen Prozesse falsch zu finden. Dann erkläre man das Menschsein an sich zum medizinischen Problem, definiere die Psyche als eine Abfolge von mysteriösen Unwägbarkeiten und behaupte, es handle sich um ein chemisches Konstrukt von unsicherem Gleichgewicht, um ein Rätsel, dem wir ausgeliefert sind. Nur die Psychiatrie kann diese instabile Mixtur in Ordnung bringen – mit Psychopharmaka, deren Wirkungsweise nicht einmal die Doktoren verstehen, von denen sie aber behaupten, dass sie uns nicht schaden.
Wir haben es hier mit Stigmatisierung und Zwang zu tun, mit Staatsgewalt und Kontrolle und mit multinationalen Pharmakonzernen, die bereitstehen, ihre Profite aus der Zwangsverabreichung psychiatrischer Psychopharmaka an die Opfer dieser mysteriösen Krankheiten zu ziehen, und zwar sowohl wenn diese gegen ihren Willen eingesperrt sind als auch nach deren Entlassung, die in Wahrheit nur vorübergehend und auf Probe ist. Freiheit, Leben, Nahrung, Obdach und Beschäftigung hängen allesamt davon ab, ob sich ein Mensch unterwirft und durch die Psychopharmaka stigmatisieren und zu einem Behinderten machen lässt.
Mit diesen Psychopharmaka ist weniger Medizin gemeint, eher Medikation. Diese stellt ruhig, stumpft ab, macht träge oder hektisch, vermindert oder erzeugt Stress, stört die Konzentrationsfähigkeit und verzerrt die Wahrnehmung, verhindert vernünftiges Denken. Sie tut das, was Psychopharmaka eben tun: sie entstellen, aber sie heilen nicht, wie auch, wenn gar keine Krankheit vorliegt. Psychische und emotionale Belastungen und Beschwerden sind nun mal natürliche Bestandteile des menschlichen Lebens und keine Krankheitssymptome.
Peter Breggin (1990) hat eine umfassende Darstellung von Forschungsarbeiten über Schädigungen publiziert, die durch Neuroleptika wie Haloperidol (im Handel u. a. als Haldol, Haloper, Sigaperidol), Chlorpromazin (im Handel u. a. als Chlorazin, Propaphenin), Thioridazin (im Handel u. a. als Melleril) oder Fluphenazin (im Handel u. a. als Dapotum, Lyogen, Lyorodin) verursacht werden – Psychopharmaka, die PatientInnen ›freiwillig‹ nehmen sollen, wenn sie ihre Sozialunterstützung nicht verlieren wollen. Breggin beschäftigte sich mit den Auswirkungen solcher Substanzen auf die höheren Hirnfunktionen, außerdem fasste er Untersuchungen des Hirngewebes sowie Tierstudien zusammen. Er fand heraus, dass neuroleptikabedingte Hirnschäden häufig durch die Wirkung der Psychopharmaka selbst kaschiert werden und daher erst während des Entzugs, wenn der Schaden bereits irreversibel ist, zum Vorschein kommen. Das kann zu lebenslanger Neuroleptika-Einnahme führen. Breggin beschreibt auch, wie psychiatrische Psychopharmaka das Gehirn gewissermaßen schrumpfen lassen und über die kurzfristige Ruhigstellung und Behinderung intellektueller Prozesse hinaus bleibende kognitive (die Denkfähigkeit betreffende) Defizite verursachen. Er nennt die seuchenartige Ausbreitung der neuroleptikabedingten tardiven Dyskinesien (oft irreversible Bewegungsstörungen) eine physisch bedingte »iatrogene (vom Arzt verursachte) Tragödie« und appelliert an die Ärzteschaft, die Verantwortung für die Schädigungen zu übernehmen, die Millionen von Menschen in der ganzen Welt erleiden. Neben Stoffwechsel- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen ist bei neu entwickelten Clozapin (im Handel u. a. als Clopin, Elcrit, Lanolept, Leponex)-artigen (›atypischen‹) Neuroleptika wie Zyprexa (Wirkstoff Olanzapin) oder Sertolect (Wirkstoff Sertindol) insbesondere mit tardiven Psychosen zu rechnen: der Verschlechterung oder Chronifizierung von psychotischen Zuständen als Resultat behandlungsbedingter Rezeptorenveränderungen – ein Schaden, auf den Robert Whitaker (2002, S. 253 – 286) und Peter Lehmann (1996, S. 99 – 104; 2003) aufmerksam machen.
Im Gegensatz zum medizinischen Modell respektiert das humanistische und psychologische Modell die Menschenrechte, insbesondere im Hinblick auf Einweisung und Zwangsbehandlung. Aber dieses Modell ist in unserer Gesellschaft nicht gebräuchlich.
So gesehen wirkt das medizinische Modell sowohl niederträchtig als auch töricht. Es ist eine Laienreligion, aber auch eine massive Bedrohung unserer Rechte ebenso wie unserer Fähigkeit, mit Logik und Verstand solch komplizierte Dinge wie Medizin und Krankheit zu betrachten. Das medizinische Modell lehrt die ursächliche Vorbestimmtheit allen Geschehens: Freiheit und Verantwortung, gut und böse, Wahlmöglichkeit und Vernunft werden von ihm ausgelöscht. Das hat enorme politische Auswirkungen. Wir werden geführt und kontrolliert. Wir werden auf Linie gebracht, korrigiert und geleitet von Sozialbürokratien, der gewaltigen Kreatur der Staates, Anstalten, gemeindepsychiatrischen Einrichtungen oder privaten Kliniken.
Hinter den Vorstellungen von psychischer Gesundheit und psychischer Krankheit steckt eine gigantische Industrie mit Hunderttausenden von Arbeitsplätzen, mit Zuschüssen und Ausgaben, Doktoren, Krankenschwestern und -pflegern, ein totales Überwachungssystem mit geschlossenen Abteilungen und entsprechenden Hilfsmitteln, Sicherheitspersonal und technischen Vorrichtungen, Herstellerfirmen von Gerätschaften für Fixierung, Überwachung und Elektroschocks; schließlich ist da noch die Pharmaindustrie selbst, zusammen mit der Rüstungsindustrie weltweit der größte und ertragreichste Industriezweig. Im Umfeld gibt es Tausende von Zulieferfirmen, Zeitschriften und Bildungseinrichtungen, die Anerkennungs- und Beglaubigungsbürokratie, Aktenverwalter und andere Büroangestellte, Tagungsstätten und Ausbildungszentren, Bauunternehmer und Wartungspersonal, die ganzen Ausstattungsfirmen und Geldgeber, Versicherer und schließlich Rechtsberater und Buchhalter.
Ständig ertönt der Ruf nach mehr Geld, nach mehr Forschung zu psychiatrischen Krankheiten, nach mehr Einrichtungen zur Unterbringung und Absonderung, nach größerem Spielraum bei Einweisung und geschlossener Unterbringung. Gleichzeitig wird mit erbärmlicher Heuchelei die salbungsvolle Bitte vorgetragen, doch mehr Toleranz und Verständnis aufzubringen, wobei noch weitergehende Krankheitsvorstellungen gezimmert werden, dass wir alle mehr oder weniger Keime psychischer Krankheit in uns tragen und einer immer umfassenderen und tiefgreifenderen Behandlung bedürfen.
In all dem stecken so viel Geld und Macht, Arbeitsplätze und Karrieren, dass die Kirche mit ihren sozialen Normen als mächtigste Einrichtung zur Kontrolle der Gesellschaft in den Schatten gestellt wurde. Darüber hinaus sind die psychiatrischen Kriterien gesetzlich abgesichert und juristisch durchsetzbar; das heißt im Unterbringungsverfahren geht es um Freiheit und Gefangenschaft. Dies gilt auch für die Psychiatriegesetze und die Vormundschaft, heute ›Betreuung‹, die einem Individuum die Fähigkeit abspricht, selbstständig persönliche Entscheidungen zu treffen. Alles, was sein weiteres Schicksal betrifft, wird von Dritten entschieden. Eine Person, die der psychischen Krankheit überführt wurde, existiert rechtlich nicht mehr, ihr selbstständiger Status und ihre persönliche Identität sind ausgelöscht: Das betrifft alle Bereiche der Lebensgestaltung und des Selbst.
Der Glaube an eine eingebildete, trügerische Krankheit ist fest verankert. Die sozialen Kontrollmöglichkeiten sind – zufällig oder absichtlich – derart überwältigend, dass ihr Missbrauch nicht etwa ungewollt ist, sondern bewusster Bestandteil des Konzepts. Ergebnis und tatsächlicher Zweck ist die Schaffung zwanghafter sozialer Konformität. Sogar die Inquisition verblasst neben solchen Erfindungen. Es ist nicht leicht, an den Terror heranzureichen, der von elektroschockbedingten Krampfanfällen, von Vierpunktfixierungen und massiven Spritzen verstandestötender Psychopharmaka ausgeht. Dieses System ermöglicht die Anwendung totalen Zwangs und schafft völlige Hilflosigkeit.
Natürlich ummanteln soziale Institutionen im Allgemeinen solche Aktivitäten. Normalerweise sind sie in das Alltagsleben integriert, werden als gegeben hingenommen, als unvermeidbar oder nützlich akzeptiert, als allgemeiner Bestandteil unserer Zivilisation oder gar als Erlösung. Bedenken Sie die Macht und die Struktur der staatlichen Psychiatrie, einer Einrichtung, deren Geltungsbereich, Größe und Komplexität, Ausweitung und Effizienz von internationalem Zuschnitt ist. Bedenken Sie den Einfluss der Psychiatrie in Schulen und Universitäten, in unserem gesamten Beschäftigungssystem, ihren Einfluss auf alle Fragen unserer Gesundheitsversorgung, auf das Wohlfahrtssystem, auf öffentliche Hilfe, staatliche Subventionen, auf das private Miteinander. Vor allem aber bedenken Sie die kulturelle Akzeptanz und die gesellschaftliche Anerkennung der Psychiatrie, die hehren Ziele der ›helfenden Berufe‹, laut sozialem Konsens höchst ehrenwerte und von größter Nächstenliebe geprägte Ziele. Ist deren Mission nicht göttlich, nicht heilig, dann wenigstens vornehm und edel, eine Offenbarung wissenschaftlicher Wahrhaftigkeit, unsere moderne weltliche Religion. Wenn es sich auch um eine Pseudowissenschaft handelt: der Wunsch, daran zu glauben, hat die Suche nach Fakten und Beweisen ersetzt. Behauptungen werden als Tatsachen akzeptiert.
Wie kann eine Einbildung die Macht des Faktischen erlangen? Dadurch, dass die Beherrschten an sie glauben und sie billigen. Wie jeder Aberglaube hat auch dieses System aus Gedankenkonstrukten enorme Macht. Aber da es auf Panzerglas, Schlüsseln und Polizeigewalt beruht, wäre diese Macht auch existent, wenn wir nicht an sie glaubten. Trotzdem bekommt sie durch unseren Glauben noch größeren Einfluss. Gottgleiche Macht hat sie gehabt für uns, die wir physisch und psychisch ihre Gefangenen waren.
Wir sind Überlebende eines der übelsten Unterdrückungsapparate, die je entwickelt wurden, seine Opfer ebenso wie seine KritikerInnen. Wir müssen die Wahrheit erzählen und klarstellen, dass psychische Krankheit ein Phantom ist, sowohl intellektuell als auch wissenschaftlich, aber auch ein System zur sozialen Kontrolle von noch nie da gewesener Gründlichkeit und Allgegenwart. Es ist unsere Aufgabe, dieses Phantom als solches bloßzustellen und uns alle zu befreien – denn wir alle werden vom Phantom psychische Krankheit eingeschüchtert, eingeschränkt und unterdrückt. Wir setzen Vernunft gegen Irrtum und Aberglauben, Phantasie gegen Anpassung und Unterdrückung. Was für ein Glück, an einem solchen Kampf für Freiheit und Menschenrechte teilzuhaben.
Literatur
Breggin, P. R.: »Brain damage, dementia and persistent cognitive dysfunction associated with neuroleptic drugs: Evidence, etiology, implications«, in: Journal of Mind and Behavior, Bd. 11 (1990), S. 425 – 463
Lehmann, P.: »Schöne neue Psychiatrie«
Bd. 1: »Wie Chemie und Strom auf Geist und Psyche wirken«, Berlin: Antipsychiatrieverlag 1996
Lehmann, P.: » :Atypische 9 Neuroleptika, typische Unwahrheiten«
in: Pro Mente Sana Aktuell, 2003, Nr. 1, S. 16 18; online unter http://www.antipsychiatrieverlag.de/artikel/gesundheit/atypische.htm
Whitaker, R.: »Mad in America«,
Cambridge: Perseus Publishing 2002
Aus dem Amerikanischen von Ulrike Stamp und Rainer Kolenda
Fußnote
(1) Dieser Artikel basiert auf einer Vorlesung zum Thema Justiz und Medizin, die Kate Millett 1992 an der Juristischen Fakultät der Law of Queen’s University of Kingston, Ontario/Kanada, hielt. Kate Millett überarbeitete ihre Vorlesung und veröffentlichte sie unter dem Titel »Legal rights and the mental health system« im Queen’s Law Journal, Bd. 17 (1992), Nr. 1, S. 215 – 223. Diese Version ist eine gekürzte und aktualisierte Fassung.
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