Neue Wahnvorstellung: Leben als TV-Show
Von Hubertus Breuer.
Noch ehe der junge Mann die Lobby des Art-déco-Wolkenkratzers am Broadway im Süden Manhattans betreten hatte, fühlte er sich beobachtet. Das ist nicht schwer in New York. An vielen Kreuzungen überwachen Kameras das Kommen und Gehen, Polizeihelikopter kreisen über den Häuserschluchten, Boote der Küstenwache patrouillieren auf dem Hudson und dem East River. Zudem stehen an Strassenecken immer wieder Filmteams, und mit Fotoapparaten und Fotohandys ausgerüstete Touristen fallen täglich in Heerscharen in die Metropole ein.
Doch als er den Lift betrat, in den 35. Stock fuhr und schliesslich dem Psychiater Joel Gold in einem kleinen Eckzimmer mit Blick über die schwungvolle Brooklyn Bridge gegenübersass, da glaubte er immer noch, dass jedes seiner Worte und jede seiner Bewegungen aufgezeichnet würden. Gold, der gewöhnlich im Bellevue-Spital der New York University arbeitet, hielt er nicht für einen Arzt, sondern für einen ziemlich guten Schauspieler. Sein ganzes Leben, so glaubte der Besucher, liefere das Rohmaterial für eine Realityshow mit Millionenpublikum. Und er wünschte sich sehnlich, dass die Sendung endlich abgesetzt würde.
Macht Technik die Leute verrückt?
Drehten sich Wahnvorstellungen früher oft um allmächtige Geheimdienste, unheimliche kosmische Strahlen oder göttliche Visionen, machen sich heute vermehrt Hightech und Medien in den Köpfen breit. Psychiater präsentieren an Kongressen und in Fachjournalen Psychosen, die Internet, Computer, Mikrochips, Fernsehen oder Mobiltelefon integrieren. Realityshows, welche die Teilnehmer auf Schritt und Tritt verfolgen und Bild und Ton sogleich in die weite Welt ausstrahlen, sind prädestiniert, Material für solchen Wahn zu liefern. Während Psychiater sicher sind, dass sich mit dem kulturellen Umfeld auch die Geisteskrankheiten wandeln, debattieren sie nun, ob moderne Technik nur neuen Stoff liefere oder ob sie womöglich manchen verrückt mache, der sonst gesund geblieben wäre.
Eine gediegene Wohnzimmeratmosphäre umgibt Gold. Über einem kleinen Mahagonischreibtisch hängen Fotos befreundeter Fotografen, über dem Sofa ein falscher Pollock. Im Regal steht, zwischen Medizinbüchern, eine Porzellanbüste, die auf dem Kopf nach der historischen Lehre der Phrenologie Charaktereigenschaften markiert. Hier empfing Gold 2004 erstmals einen Patienten, der vom Wahn berichtete, seine Welt sei eine einzige Inszenierung für das Fernsehen.
Leben in einem Trugbild
Vier weitere mit ähnlichen Symptomen folgten – alle gut ausgebildet, männlich, im Alter von 25 bis 34 Jahren. Die Diagnosen fielen unterschiedlich aus. Einer war manisch-depressiv, ein anderer schizophren, ein Dritter erlebte psychotische Schübe durch Drogenkonsum. Doch sie teilten die Wahnvorstellung, in einer Welt zu leben, wie sie der Kinofilm «Die Truman-Show» von 1998 porträtierte. In dem Streifen entpuppt sich das Leben des von Jim Carrey gespielten Truman Burbank als ein aufwendig produziertes TV-Trugbild.
Drei von Golds Patienten erwähnten den Film ausdrücklich. Deshalb nannte der Psychiater das Phänomen Truman-Show-Wahn. Inzwischen hat Gold von Kollegen von fünfzig weiteren Patienten gehört, darunter Frauen und ältere Personen, ein Fall wurde letztes Jahr im «British Journal of Psychiatry» publiziert.
Beliebte Wahnthemen
Technik und Medien sind beliebte Wahnthemen, sie tauchen bereits im 19. Jahrhundert auf. So schilderte der schizophrene Friedrich Krauss in seinem fast 1400 Seiten füllenden autobiographisch gefärbten Pamphlet «Nothschrei eines magnetisch Vergifteten» (1852) und in «Nothgedrungene Fortsetzung meines Nothschrei» (1867) die fixe Idee, Opfer einer von Regierung, Ärzten und Industriellen angezettelten Verschwörung zu sein. Deren perfides Mittel: ihn mittels eines Apparats aus der Ferne zu magnetisieren, was, nach Krauss, zur «Entlebensgeisterung» führe. Der Psychoanalytiker Viktor Tausk veröffentlichte 1919 das Buch «Der Beeinflussungsapparat», in dem er den Fall der Wiener Philosophiestudentin Natalija A. dokumentiert, die sich von einer Maschine ferngesteuert wähnte.
Später gesellten sich als Wahnphänomene Röntgenapparat, Telefon, Film und Radio hinzu, die in der wirren Fantasie mancher Patienten Befehle aussandten oder der Überwachung dienten. In jüngster Zeit haben auch die Computerrevolution und das Internet ihre Spuren in Wahnideen hinterlassen. So berichteten Psychiater von der University of Texas Mitte der Neunzigerjahre von «dentalen Illusionen». Zwei Patienten bestanden darauf, dass in einem ihrer Zähne ein Mikrochip implantiert sei. Einer sendete angeblich ständig «Radio-, Gravitations- und Kurzwellen» aus.
Internetwahn verstärkt sich
Auch Internetwahn tritt seit Ende der Neunzigerjahre vermehrt auf. Ein Mann sah sich durch das Netz so kontrolliert, dass er aus Verzweiflung einen Selbstmordversuch beging. Ein anderer hielt sich für einen mächtigen Webmaster, der allein mit seiner Gedankenkraft durchs Internet surfen und Webseiten manipulieren konnte. Und eine österreichische Patientin hielt sich für eine Webcam: Sie meinte, alles, was sie sehe, werde automatisch im Internet verbreitet. Für Gold ist der Truman-Show-Wahn nicht einfach ein weiteres Beispiel technisch inspirierter Hirngespinste, sondern etwas Eigenständiges. So wie etwa das Capgras-Syndrom (der Glaube, dass Personen im nächsten Umfeld durch Doppelgänger ausgetauscht wurden) oder das Fregoli-Syndrom (die Vermutung, vertraute Personen veränderten ständig ihr Aussehen).
Wer annimmt, ein Leben wie der von Carrey gespielte Truman Burbank zu führen, weist zwar typische psychotische Elemente wie Paranoia und Grössenwahn auf. Völlig neu sei die Totalität, sagt Gold: «Es ist nicht nur der Computer oder eine bestimmte Organisation, die einen verfolgen; die ganze Welt ist beteiligt, alles ist Kulisse, selbst der behandelnde Arzt.»
Nicht jeder, der an solchen Wahnvorstellungen leidet, bezieht sich auf Jim Carrey. Es gibt andere Krankheitsbilder: So berichteten Psychiater von der University of Bristol im Jahre 2001 von einem schizophrenen Mann, der Autos stahl und bewaffnete Überfälle beging. Er hielt seine Welt für ein Computerspiel. Je mehr Autos er knackte, dachte er, desto höher wäre am Ende die Punktzahl. Ärzten gegenüber gestand er, dass er bereit war, Menschen zu töten, da das sein Spielergebnis deutlich verbessert hätte. Ein Patient des Psychiaters Vaughan Bell vom Londoner Kings College wiederum war überzeugt, in einer Matrix-Welt zu leben, wie sie die Filmtrilogie der Wachowski-Brüder darstellt.
Psychosen passen sich der Zeit an
Den Psychiater Thomas Stompe von der Universität Wien beeindruckt das nicht. «Alter Wein in neuen Schläuchen», nennt er diese Phänomene. In vergleichenden Studien zur Wandelbarkeit von Psychosen über die letzten 150 Jahre sowie auch aktuell über Kulturgrenzen hinweg, hat er als ihre essentiellen Merkmale Verfolgungs- und Grössenwahn erkannt, in geringerem Masse Schuld, Hypochondrie und Religion. «Technik und Medien gehören nicht zu diesen grundlegenden Themen; sie bauen im Gegenteil nur auf dieser Grundlage auf. Man kann freilich nicht ausschliessen, dass sich das über die Zeit ändern wird – so nimmt die Bedeutung der Religion in Österreich langsam, aber stetig ab –, aber dafür gibt es vorerst keine klaren Belege.»
Gemeinsam mit seinem Bruder Ian Gold, Psychiatrie-Philosoph an der kanadischen McGill University, vermutet Joel Gold hinter dem Truman-Syndrom noch mehr: Die Medien könnten aufgrund eines neuen, noch unentdeckten Mechanismus so auf die Psyche einwirken, dass es zu den beobachteten Wahnvorstellungen kommt. Die Arbeitshypothese der beiden Brüder: Die Allgegenwart von Fernsehen, Kamera und Internet mag für manche Menschen einen solchen Stressfaktor bedeuten, dass sie die obsessive Vorstellung auslöst, ihre Welt sei auf Dauersendung.
Wenn das Klima krank macht
Dahinter steckt die provokante These, dass die Medien heute manche Person in den Irrsinn treiben. So hatten Golds Truman-Patienten interessanterweise keine psychiatrische Vorgeschichte. Aber der Arzt gesteht: «Diese Frage lässt sich nicht kurzfristig beantworten.» Vielleicht löst sich das Truman-Syndrom mit neuen Fernsehformen so schnell in Luft auf, wie es gekommen ist. Denn ist ein Thema erst einmal nicht mehr aktuell, verschwindet es aus den von Psychosen gepeinigten Köpfen, wie einst animalischer Magnetismus oder Telegrafie.
Ausgehen wird der Stoff für Psychosen nicht. Letztes Jahr berichtete der Psychiater Robert Salo vom Royal Children's Hospital in Melbourne, ein 17-jähriger Patient leide am «Klimawandelsyndrom». Er lehne es ab, Wasser zu trinken, da er glaube, dass sonst Millionen Menschen umkämen. Seither hat Salo weitere Patienten mit ähnlichen krankhaften Visionen von der Klimaänderung angetroffen. Auch das reiht sich in die Ahnengalerie temporär populärer Bedrohungen ein, wie es Aids oder der dritte Weltkrieg waren.
Ungeachtet der akademischen Streitfrage, ob der Truman-Show-Wahn ein neues psychotisches Symptom sei, letztlich zählt, den Patienten zu helfen. Gold verschrieb ihnen Psychopharmaka. Künftig würde er, wenn nicht eine akute Notlage herrscht, lieber eine kognitive Therapie anwenden: den Betroffenen vorführen, wie bizarr ihre Vorstellung einer totalen Reality-Show ist. Doch auch so kehrten fast alle bald in den Alltag zurück. Nur einer musste mehrere Monate in einer Klinik verbringen, ehe er die ständig unter Beobachtung stehende Weltstadt verliess. Gold weiss nicht, was aus ihm geworden ist.
(Tages-Anzeiger)
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Samstag, 9. Mai 2009
Donnerstag, 31. Januar 2008
Die Basler Behörden und der Ex-Vizedirektor der Psychiatrischen Universitätsklinik Basel
Sextäter in Weiss
Wenn sich Ärzte an Patientinnen vergreifen, bleiben Sanktionen der Behörden oft aus. Nur ein Bruchteil der Anzeigen gelangt zur Verurteilung. In Basel muss die Staatsanwaltschaft jetzt ein Verfahren gegen einen ehemaligen Uniklinik-Vizedirektor wiederaufnehmen.
Der Beobachter deckte im August eine Sexaffäre an der renommierten Psychiatrischen Universitätsklinik Basel auf: Eine Patientin beschuldigt den damaligen ärztlichen Vizedirektor der Klinik, sie jahrelang zu Sex gedrängt zu haben. Doch der Mediziner rettete sich Ende Februar 2003 in die Frühpension. Die verantwortlichen Behörden und selbst die Basler Staatsanwaltschaft stellten die Untersuchungen ein, der Psychiatrieprofessor kam ohne Strafe davon. Jetzt ist die Geschäftsprüfungskommission des Grossen Rates aktiv geworden und prüft das Vorgehen der Behörden. Und Basels Justiz muss das Verfahren wiederaufnehmen (siehe nachfolgende Box «Behandlung mit Sex bezahlt»).
Der Professor ist nicht der einzige Arzt, der von den Basler Behörden mit Samthandschuhen angefasst worden ist. Auch einem 61-jährigen Psychiater, der in Basel eine Privatpraxis hat, wird von einer Patientin vorgeworfen, sie mehrfach vergewaltigt zu haben. Doch am 22. Februar 2006 sprach ihn das Basler Strafgericht frei: Die Vergewaltigungen könnten nicht nachgewiesen werden, andere Tatbestände seien verjährt. Die Medizinische Gesellschaft Basel hielt es für erwiesen, dass er das Abhängigkeitsverhältnis sexuell ausgenützt hat. Sie schloss ihn deshalb wegen Verstosses gegen die Standesordnung am 8. Mai 2007 aus ihren Reihen aus.
Auch das Basler Gesundheitsdepartement hätte es in der Hand gehabt, den Psychiater zu sanktionieren. Die Gesetze des Kantons schliessen auch bei einem Freispruch nicht aus, die Bewilligung zur Berufsausübung einzuschränken oder zu entziehen. Doch die Recherche des Beobachters zeigt: Massnahmen gegen den Sextäter blieben bis heute aus. So therapiert er weiterhin ahnungslose Patientinnen. Fragen dazu beantwortet das Gesundheitsdepartement nicht. Es laufe «ein Verfahren», deshalb könne er nicht Auskunft erteilen, behauptet Departementssekretär Philipp Waibel.
Auch den Fall eines Basler Hals-Nasen-Ohren-Arztes halten die Behörden unter dem Deckel: Der Professor hatte mit einer Patientin über Jahre in seinem Sprechzimmer im Kantonsspital Basel Geschlechtsverkehr. Er habe die Notlage der Patientin ausgenützt, befand das Gericht und verurteilte ihn am 15. August 2003 zu zwölf Monaten Gefängnis bedingt. Zwar musste der Professor seinen Sessel im Kantonsspital räumen, er praktiziert jedoch an privater Adresse bis heute weiter. Es seien «einschneidende aufsichtsrechtliche Massnahmen» ergriffen worden, sagt das Basler Gesundheitsdepartement. Die Antwort auf die Frage, welche dies sind, bleibt das Amt aber einmal mehr schuldig.
Griffige Gesetze fehlen
Nicht nur Basel, auch andere Kantone haben ihre Sextäter in Weiss. Wie oft allerdings Ärzte Patientinnen sexuell missbrauchen, ist nicht bekannt: Weder das Bundesamt für Gesundheit noch die Ärztevereinigung FMH haben je Umfragen gemacht. Es seien jährlich etwa 14’000 Menschen, die Opfer eines Übergriffs durch medizinisches Personal werden, sagt der Basler Psychiater Werner Tschan, der sich seit Jahren im Kampf gegen Sextäter engagiert. Mangels Daten war er gezwungen, die Zahl mit Angaben aus dem kanadischen Ontario hochzurechnen, wo bei einer Befragung durch das Gesundheitsministerium 110’000 von elf Millionen Menschen von sexuellen Übergriffen berichteten. In der Schweiz lässt einzig eine Umfrage von 1994 das Ausmass erahnen: 17 Prozent der Pfleger und elf Prozent der Pflegerinnen von psychiatrischen Kliniken erklärten, Sex mit Patientinnen oder Patienten gehabt zu haben.
Die Nachfrage bei Behörden verschiedener Kantone zeigt jedoch: Die Zahl der Patientinnen, die Anzeige erstatten, ist äusserst gering. Im Kanton Basel-Stadt sind es etwa sieben pro Jahr, in Zug und in Schaffhausen eine in vier Jahren und in Baselland gar nur eine in zehn Jahren. Ein Bruchteil davon gelangt zur Verurteilung. «Viele Frauen schrecken vor einer Anzeige zurück. Es ist ihnen peinlich, oder sie haben Angst vor dem Täter», sagt der Zuger Kantonsarzt Rudolf Hauri. Frauen fehle auch das Vertrauen in die Behörden, dass diese die Täter hart genug anfassen.
Um Täter wirksam sanktionieren zu können, braucht es griffige Gesetze. Basel-Stadt hat sie, wendet sie jedoch laut Tschan «nicht oder zu wenig konsequent» an: Sanktionen von Bussen bis hin zum Entzug der Praxisbewilligung wären möglich. Andernorts geht das gar nicht: Im Kanton Baselland zum Beispiel datiert das Gesundheitsgesetz aus dem Jahr 1974 und sieht keine solchen abgestuften Massnahmen vor. Nur wenn ein Täter rechtskräftig verurteilt worden ist, können ihm die Behörden «wegen schlechten Leumunds» die Bewilligung entziehen. Ihm seien deshalb in einem aktuellen Fall «die Hände gebunden», sagt Kantonsarzt Dominik Schorr.
Namen von Tätern im Internet
Anders in Kanada, wo eine spezielle Überwachungsbehörde agiert: Dies erleichtert das schnelle Vorgehen gegen Täter. In der Provinz Ontario zum Beispiel werden Sextäter mit Namen im Internet publiziert: Philippe Carriere, Keith Caughell oder Ian Clemes - drei von Dutzenden von Ärzten, denen die Bewilligung für mehrere Monate entzogen wurde. Alle mussten zudem Bussen von bis zu 12’000 Franken bezahlen, teils in einen Fonds, aus dem Therapien für Sextäter finanziert werden. «In der Schweiz werden praktisch alle Sexualstraftäter zu Therapien verdonnert, nur Ärzte nicht», sagt Tschan.
Immerhin gibt es Licht am Horizont: Seit 1. September ist das neue Bundesgesetz über Medizinalberufe in Kraft. Es schreibt zwar keine Therapien vor, erlaubt es Zulassungsbehörden aber, weitgehende Disziplinarmassnahmen zu verfügen: Verwarnungen, Bussen bis 20’000 Franken und sogar das Verbot der Berufsausübung sind möglich. Kantone mit ungenügender Gesetzgebung können damit wirksame Sanktionen veranlassen. Doch das Ganze hat einen Haken, wie Rechtsprofessor Walter Fellmann von der Uni Luzern erklärt: «Angestellte von Spitälern sind vom Gesetz nicht betroffen, sie unterstehen nach wie vor kantonalem Recht» - das bei Sextätern oft zu wenig greift.
Behandlung mit Sex bezahlt
Die Basler Justiz muss ein Verfahren wiederaufnehmen: Im Visier der Untersuchungs- behörden steht ein 66-jähriger ehemaliger Vizedirektor der Psychiatrischen Universitätsklinik Basel. Er soll eine Patientin unter anderem zu Sex im Kreuzgang des Basler Münsters gezwungen haben. Das Opfer hatte unter seinem Druck die Anzeige vor zweieinhalb Jahren zurückgezogen. Darauf stellte die Staatsanwaltschaft die Untersuchung mit einer fragwürdigen Begründung ein (siehe Artikel zum Thema «Psychiatrie: ‹Er drohte mir mit der Hölle›»). Jetzt hat die Frau ihren Peiniger erneut angezeigt - und damit den Fall wieder ins Rollen gebracht. Zudem ist die Geschäftsprüfungskommission (GPK) des Grossen Rates aktiv geworden.
«Wir prüfen in einer ersten Phase Akten, die uns das verantwortliche Gesundheitsdepartement zur Verfügung stellen muss», sagt GPK-Präsident Jan Göpfert. Derweil kommen neue Details ans Tageslicht: So entgingen der Universitätsklinik wegen der Sexaffäre Einnahmen - der Professor hat die einjährige Therapie der Patientin nie in Rechnung gestellt. Dafür traf er sich mit ihr mehrmals pro Woche zum Sex. «Ich musste ihm jeweils am Nachmittag zur Verfügung stehen. Oft fuhren wir ins Elsass, zurück in der Klinik war er meist erst gegen 16 Uhr.» Zwei Mitarbeiter, die anonym bleiben wollen, bestätigen die häufige Abwesenheit des Vizedirektors. «Er blieb oft fern, ohne sich abzumelden, und kam während Monaten seinen Verpflichtungen nur schlecht nach. Die Direktion war über diese Affäre sehr wohl informiert. Sie hat den Fall aber bagatellisiert.» Die Klinikleitung sei ihren Pflichten nachgekommen, heisst es dazu beim Gesundheitsdepartement.
Wenn sich Ärzte an Patientinnen vergreifen, bleiben Sanktionen der Behörden oft aus. Nur ein Bruchteil der Anzeigen gelangt zur Verurteilung. In Basel muss die Staatsanwaltschaft jetzt ein Verfahren gegen einen ehemaligen Uniklinik-Vizedirektor wiederaufnehmen.
Der Beobachter deckte im August eine Sexaffäre an der renommierten Psychiatrischen Universitätsklinik Basel auf: Eine Patientin beschuldigt den damaligen ärztlichen Vizedirektor der Klinik, sie jahrelang zu Sex gedrängt zu haben. Doch der Mediziner rettete sich Ende Februar 2003 in die Frühpension. Die verantwortlichen Behörden und selbst die Basler Staatsanwaltschaft stellten die Untersuchungen ein, der Psychiatrieprofessor kam ohne Strafe davon. Jetzt ist die Geschäftsprüfungskommission des Grossen Rates aktiv geworden und prüft das Vorgehen der Behörden. Und Basels Justiz muss das Verfahren wiederaufnehmen (siehe nachfolgende Box «Behandlung mit Sex bezahlt»).
Der Professor ist nicht der einzige Arzt, der von den Basler Behörden mit Samthandschuhen angefasst worden ist. Auch einem 61-jährigen Psychiater, der in Basel eine Privatpraxis hat, wird von einer Patientin vorgeworfen, sie mehrfach vergewaltigt zu haben. Doch am 22. Februar 2006 sprach ihn das Basler Strafgericht frei: Die Vergewaltigungen könnten nicht nachgewiesen werden, andere Tatbestände seien verjährt. Die Medizinische Gesellschaft Basel hielt es für erwiesen, dass er das Abhängigkeitsverhältnis sexuell ausgenützt hat. Sie schloss ihn deshalb wegen Verstosses gegen die Standesordnung am 8. Mai 2007 aus ihren Reihen aus.
Auch das Basler Gesundheitsdepartement hätte es in der Hand gehabt, den Psychiater zu sanktionieren. Die Gesetze des Kantons schliessen auch bei einem Freispruch nicht aus, die Bewilligung zur Berufsausübung einzuschränken oder zu entziehen. Doch die Recherche des Beobachters zeigt: Massnahmen gegen den Sextäter blieben bis heute aus. So therapiert er weiterhin ahnungslose Patientinnen. Fragen dazu beantwortet das Gesundheitsdepartement nicht. Es laufe «ein Verfahren», deshalb könne er nicht Auskunft erteilen, behauptet Departementssekretär Philipp Waibel.
Auch den Fall eines Basler Hals-Nasen-Ohren-Arztes halten die Behörden unter dem Deckel: Der Professor hatte mit einer Patientin über Jahre in seinem Sprechzimmer im Kantonsspital Basel Geschlechtsverkehr. Er habe die Notlage der Patientin ausgenützt, befand das Gericht und verurteilte ihn am 15. August 2003 zu zwölf Monaten Gefängnis bedingt. Zwar musste der Professor seinen Sessel im Kantonsspital räumen, er praktiziert jedoch an privater Adresse bis heute weiter. Es seien «einschneidende aufsichtsrechtliche Massnahmen» ergriffen worden, sagt das Basler Gesundheitsdepartement. Die Antwort auf die Frage, welche dies sind, bleibt das Amt aber einmal mehr schuldig.
Griffige Gesetze fehlen
Nicht nur Basel, auch andere Kantone haben ihre Sextäter in Weiss. Wie oft allerdings Ärzte Patientinnen sexuell missbrauchen, ist nicht bekannt: Weder das Bundesamt für Gesundheit noch die Ärztevereinigung FMH haben je Umfragen gemacht. Es seien jährlich etwa 14’000 Menschen, die Opfer eines Übergriffs durch medizinisches Personal werden, sagt der Basler Psychiater Werner Tschan, der sich seit Jahren im Kampf gegen Sextäter engagiert. Mangels Daten war er gezwungen, die Zahl mit Angaben aus dem kanadischen Ontario hochzurechnen, wo bei einer Befragung durch das Gesundheitsministerium 110’000 von elf Millionen Menschen von sexuellen Übergriffen berichteten. In der Schweiz lässt einzig eine Umfrage von 1994 das Ausmass erahnen: 17 Prozent der Pfleger und elf Prozent der Pflegerinnen von psychiatrischen Kliniken erklärten, Sex mit Patientinnen oder Patienten gehabt zu haben.
Die Nachfrage bei Behörden verschiedener Kantone zeigt jedoch: Die Zahl der Patientinnen, die Anzeige erstatten, ist äusserst gering. Im Kanton Basel-Stadt sind es etwa sieben pro Jahr, in Zug und in Schaffhausen eine in vier Jahren und in Baselland gar nur eine in zehn Jahren. Ein Bruchteil davon gelangt zur Verurteilung. «Viele Frauen schrecken vor einer Anzeige zurück. Es ist ihnen peinlich, oder sie haben Angst vor dem Täter», sagt der Zuger Kantonsarzt Rudolf Hauri. Frauen fehle auch das Vertrauen in die Behörden, dass diese die Täter hart genug anfassen.
Um Täter wirksam sanktionieren zu können, braucht es griffige Gesetze. Basel-Stadt hat sie, wendet sie jedoch laut Tschan «nicht oder zu wenig konsequent» an: Sanktionen von Bussen bis hin zum Entzug der Praxisbewilligung wären möglich. Andernorts geht das gar nicht: Im Kanton Baselland zum Beispiel datiert das Gesundheitsgesetz aus dem Jahr 1974 und sieht keine solchen abgestuften Massnahmen vor. Nur wenn ein Täter rechtskräftig verurteilt worden ist, können ihm die Behörden «wegen schlechten Leumunds» die Bewilligung entziehen. Ihm seien deshalb in einem aktuellen Fall «die Hände gebunden», sagt Kantonsarzt Dominik Schorr.
Namen von Tätern im Internet
Anders in Kanada, wo eine spezielle Überwachungsbehörde agiert: Dies erleichtert das schnelle Vorgehen gegen Täter. In der Provinz Ontario zum Beispiel werden Sextäter mit Namen im Internet publiziert: Philippe Carriere, Keith Caughell oder Ian Clemes - drei von Dutzenden von Ärzten, denen die Bewilligung für mehrere Monate entzogen wurde. Alle mussten zudem Bussen von bis zu 12’000 Franken bezahlen, teils in einen Fonds, aus dem Therapien für Sextäter finanziert werden. «In der Schweiz werden praktisch alle Sexualstraftäter zu Therapien verdonnert, nur Ärzte nicht», sagt Tschan.
Immerhin gibt es Licht am Horizont: Seit 1. September ist das neue Bundesgesetz über Medizinalberufe in Kraft. Es schreibt zwar keine Therapien vor, erlaubt es Zulassungsbehörden aber, weitgehende Disziplinarmassnahmen zu verfügen: Verwarnungen, Bussen bis 20’000 Franken und sogar das Verbot der Berufsausübung sind möglich. Kantone mit ungenügender Gesetzgebung können damit wirksame Sanktionen veranlassen. Doch das Ganze hat einen Haken, wie Rechtsprofessor Walter Fellmann von der Uni Luzern erklärt: «Angestellte von Spitälern sind vom Gesetz nicht betroffen, sie unterstehen nach wie vor kantonalem Recht» - das bei Sextätern oft zu wenig greift.
Behandlung mit Sex bezahlt
Die Basler Justiz muss ein Verfahren wiederaufnehmen: Im Visier der Untersuchungs- behörden steht ein 66-jähriger ehemaliger Vizedirektor der Psychiatrischen Universitätsklinik Basel. Er soll eine Patientin unter anderem zu Sex im Kreuzgang des Basler Münsters gezwungen haben. Das Opfer hatte unter seinem Druck die Anzeige vor zweieinhalb Jahren zurückgezogen. Darauf stellte die Staatsanwaltschaft die Untersuchung mit einer fragwürdigen Begründung ein (siehe Artikel zum Thema «Psychiatrie: ‹Er drohte mir mit der Hölle›»). Jetzt hat die Frau ihren Peiniger erneut angezeigt - und damit den Fall wieder ins Rollen gebracht. Zudem ist die Geschäftsprüfungskommission (GPK) des Grossen Rates aktiv geworden.
«Wir prüfen in einer ersten Phase Akten, die uns das verantwortliche Gesundheitsdepartement zur Verfügung stellen muss», sagt GPK-Präsident Jan Göpfert. Derweil kommen neue Details ans Tageslicht: So entgingen der Universitätsklinik wegen der Sexaffäre Einnahmen - der Professor hat die einjährige Therapie der Patientin nie in Rechnung gestellt. Dafür traf er sich mit ihr mehrmals pro Woche zum Sex. «Ich musste ihm jeweils am Nachmittag zur Verfügung stehen. Oft fuhren wir ins Elsass, zurück in der Klinik war er meist erst gegen 16 Uhr.» Zwei Mitarbeiter, die anonym bleiben wollen, bestätigen die häufige Abwesenheit des Vizedirektors. «Er blieb oft fern, ohne sich abzumelden, und kam während Monaten seinen Verpflichtungen nur schlecht nach. Die Direktion war über diese Affäre sehr wohl informiert. Sie hat den Fall aber bagatellisiert.» Die Klinikleitung sei ihren Pflichten nachgekommen, heisst es dazu beim Gesundheitsdepartement.
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