Buben sind die Dummen
Text: Balz Ruchti und Peter Johannes
Szenarien wie dieses sind symptomatisch für die vorherrschende pädagogische Grundhaltung. Der Versuch, Schüler in jeder Aufgabenstellung emotional anzusprechen, ist meist Ausdruck einer gutgemeinten Mädchenförderung. Denn auch nach 40 Jahren fechten Lehrkräfte an manchen pädagogischen Hochschulen noch immer den Geschlechterkampf. So wird an der PH Bern vor dem «heimlichen Lehrplan» gewarnt, der die Stabilisierung der «herrschenden Geschlechterverhältnisse» zum Ziel habe. Es dominiere in den Lerninhalten eine «männliche Weltperspektive», heisst es in den Vorlesungsunterlagen. Der Unterricht orientiere sich vorwiegend an den Bedürfnissen der Buben, die durch ihr unangepasstes Verhalten auch noch mehr Aufmerksamkeit einheimsten.
Die Zahlen sprechen eine andere Sprache. 2008 waren in der Schweiz 60 Prozent der Maturanden weiblich, obwohl der Anteil junger Männer und Frauen in der Bevölkerung ausgeglichen ist. In Genf und Bern ist das Missverhältnis noch etwas ausgeprägter. Während die Mädchen an den Gymnasien auftrumpfen, stellen Jungs in Klassen für verhaltensauffällige Kinder die Mehrheit. Zwei von drei Sonderschülern sind männlich. Buben repetieren öfter und werden häufiger aus der Schule ausgeschlossen. Sind Buben einfach dümmer? Oder sind unsere Schulen nicht für sie gemacht?
In der wissenschaftlichen Diskussion wird das Phänomen unter dem Schlagwort «Feminisierung der Pädagogik» zusammengefasst: Auf allen Stufen vermitteln immer mehr Lehrerinnen Stoff, der inhaltlich wie methodisch auf Mädchen ausgerichtet ist. Buben und Mädchen sitzen während ihrer gesamten Schulzeit vorwiegend vor Frauen. Glänzen ihre Väter zu Hause zusätzlich mit Abwesenheit, wird das Mängelwesen Mann gänzlich zur Mangelware.
Im Kindergarten gibt es Männer überhaupt erst seit wenigen Jahren. Ihr Anteil dümpelt im tiefen einstelligen Prozentbereich. Mittlerweile stellen Lehrerinnen aber auch eine Mehrheit in den Klassenzimmern (siehe Grafik).
«Kinder sollten im Idealfall Lehrerinnen und Lehrer als Gegenüber haben. Aber das ist Wunschdenken», sagt Anton Strittmatter, Mitglied der Geschäftsleitung des Dachverbands Schweizer Lehrerinnen und Lehrer (LCH). Der Trend geht in die Gegenrichtung. «Der Lehrerberuf hat bei Männern ein schlechtes Image. Mit der anstehenden Pensionierungswelle – 30'000 Lehrkräfte in den nächsten 15 Jahren – wird darum der Anteil der Lehrerinnen weiter zunehmen.»
Doch in dieser Entwicklung sehen die meisten Experten nicht das Hauptproblem. Sie sind überzeugt, dass Lehrerinnen zwar keine männlichen Vorbilder ersetzen können, ansonsten aber Knaben grundsätzlich genauso gut unterrichten. «Das Geschlecht der Lehrperson garantiert für gar nichts. Unter Buben gibt es ja auch den ‹Meitlischmöcker-Vorwurf›, der Lehrer bevorzuge Mädchen. Und mancher Lehrerin unterstellen Schülerinnen, sie sei gegenüber Buben besonders wohlwollend», sagt Strittmatter, der die pädagogische Arbeitsstelle beim LCH leitet.
Die allmähliche Zunahme weiblicher Lehrkräfte in den letzten 40 Jahren vermag das schlechtere Abschneiden der Knaben nicht zu erklären. Das Geschlechterverhältnis bei der Matura kippte erst im Laufe der neunziger Jahre zugunsten der Mädchen.
Der Jugendpsychologe Allan Guggenbühl sieht denn auch einen anderen Grund für den Erfolg der Mädchen: «Die 68er Pädagogik hat irgendwann in den Neunzigern überhandgenommen.» In seinem Buch «Kleine Machos in der Krise» hat er die Probleme der Jungs in der Schule analysiert. Mit «68er Pädagogik» meint Guggenbühl eine ideologisierte Pädagogik, in der Anliegen der 68er pervertiert worden sind: Aus dem sinnvollen Postulat der schulischen Chancengleichheit der Geschlechter ist de facto ein «Mädchen und Buben sind gleich» geworden. Eine falsche Vorgabe, die bis heute Unheil in Lehrplänen, Unterrichtsmaterialien und Konzepten anrichtet.
So investieren Lehrkräfte viel Energie in das Vermeiden sprachlicher Ungleichbehandlung. Sorgsam achten sie darauf, ihre Schützlinge stets als «Schülerinnen und Schüler» anzusprechen – beim Wolkenschlossbeispiel klingt das so: «Bist du dort ein König, eine Königin?»
Was dagegen die Unterrichtsgestaltung angeht, bleiben die Kinder geschlechtslos. Ausnahmen sind Turnen und sexuelle Aufklärung. Und dies obwohl Studien belegen, dass geschlechtsspezifisches Verhalten nicht einfach das Ergebnis kultureller Sozialisation ist. Männer und Frauen, Buben und Mädchen unterscheiden sich von Kindesbeinen an in Kommunikationsweise, Denkarten und Verhalten – also in allen schulisch relevanten Punkten.
Solche Studien, die sich mit Geschlechterunterschieden und Gehirnfunktionen befassen, lösen bei vielen Pädagogen nach wie vor einen Abwehrreflex aus. In der Vergangenheit war die Skepsis auch angebracht. Männliche Wissenschaftler hatten über Jahrhunderte nach Belegen für eine geistige Unterlegenheit der Frau gesucht. So versuchte der Neurologe Paul Julius Möbius vor gut 100 Jahren, einen evolutionsbedingten «physiologischen Schwachsinn des Weibes» darzulegen – ein derart abstruses Werk, dass man annehmen möchte, es handelte sich um eine Satire. Andere Wissenschaftler wollten allein aus der kleineren Gehirnmasse auf die geistige Unterlegenheit der Frauen schliessen. Unsinn, der nichts mit zeitgenössischer Forschung zu tun hat.
Das Diktat der Hormone
Ebenso unsinnig dürfte die Behauptung mancher 68er Ideologen sein, typisch männliches und weibliches Verhalten werde ausschliesslich über Sozialisation erworben und hätte mit dem biologischen Geschlecht nichts zu tun. Nichtsdestotrotz wirkt Simone de Beauvoirs Bonmot «Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es» immer noch nach.
In Wahrheit ist es ein kompliziertes Wechselspiel von sozialen und genetischen Faktoren, das Männer und Frauen zu dem macht, was sie sind. Die unterschiedlichen Wesensarten hängen massgeblich vom Hormonhaushalt ab.
Frauen produzieren beispielsweise mehr Oxytocin. Das Östrogen erzeugt ein Gefühl von Nähe und Entspannung. Es wird beim Stillen, Kuscheln und bei Orgasmen ausgeschüttet. Zudem begünstigt es fürsorgliches Verhalten, den Aufbau sozialer Kontakte und stärkt das Vertrauen in andere. Neusten Forschungsergebnissen zufolge hilft das Hormon auch dabei, Gefühlsregungen von den Gesichtern der Mitmenschen abzulesen. Das sind alles Eigenschaften, die Mädchen in der Schule als Qualitäten ausspielen können.
Unter den Männern belohnte die Evolution vor allem Stärke, Risikobereitschaft und Schnelligkeit. Für solche Eigenschaften sorgt das Testosteron. Es stimmt kriegerisch, erhöht die körperliche Leistungsbereitschaft und schwächt zugleich soziale Fähigkeiten sowie das Bedürfnis nach menschlicher Bindung.
Was einst den Fortpflanzungserfolg sicherte, ist im Bildungssystem des 21. Jahrhunderts nicht gern gesehen. Schliesslich bereitet die Schule auf eine Dienstleistungsgesellschaft vor, die keine Helden und Draufgänger mehr braucht. Genetisch noch fest verankert, ist der archetypische Mann ein soziales Auslaufmodell – und zugleich das Feindbild feministischer Pädagogik. «Leben Jungs in der Schule ihre Befindlichkeit und Bedürfnisse aus, wird ihnen signalisiert, dass diese Unarten nicht erwünscht sind, sondern bestenfalls behandelbar», sagt Guggenbühl. Die hilflose Antwort des Schulsystems auf «Problembuben» seien psychologische und psychiatrische Interventionen, die nicht selten in langjährige Medikation mündeten.
Eine häufige Diagnose ist das Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätssyndrom (ADHS); Ritalin die chemische Gegenmassnahme. Jungs mit ADHS-Symptomen sind überdreht, reden ständig drein und lassen sich leicht ablenken. Zudem haben sie Mühe, sich länger zu konzentrieren, und können nicht stillsitzen – viele Eltern dürften ihren Sohn in dieser Beschreibung erkennen. Ab wann dieses Verhalten als krankhaft gilt, ist eine Frage der Definition. «Diese Symptome beschreiben eigentlich normales männliches Verhalten», so Guggenbühl. In der Tat betreffen neun von zehn ADHS-Diagnosen Buben.
Weinen, kuscheln, über Gefühle reden
«Es gibt Hinweise, dass Mädchen an unser Schulsystem besser angepasst sind. Ihre Fähigkeit, sich auf ein fremddefiniertes Thema zu einem fremdbestimmten Zeitpunkt zu konzentrieren, dürfte grösser sein. Diese soziale Anpassungsfähigkeit, kumuliert mit einem Reifevorsprung, kann zu einer Bevorteilung der Mädchen führen», sagt Pädagoge Anton Strittmatter. Der Reifeunterschied zwischen gleichaltrigen Buben und Mädchen könne bis zu drei Jahren entsprechen.
Das macht sich auch im Verhalten bemerkbar. «Für mein Empfinden sind Mädchen überangepasst», sagt Remo Largo, pensionierter Kinderarzt, Autor und Vater dreier Töchter. Je höher Sekundärtugenden wie Fleiss und Pünktlichkeit gewichtet werden, desto schlechter stünden die Chancen der Jungen. Ein durchschnittlich intelligentes, aber braves Schweizer Mädchen habe bei gleicher schulischer Leistung mehr als dreimal bessere Chancen als ein aufmüpfiger ausländischer Junge, so Largo. «Dass Mädchen schulverträglicher sind als Jungen, darf kein Selektionskriterium sein.»
Die Missstände sind in pädagogischen Kreisen nicht unerkannt geblieben. Und sie haben Buben- und Männerarbeiter auf den Plan gerufen. So hat sich das Netzwerk Schulische Bubenarbeit (NWSB) auf die Fahnen geschrieben, den Jungen eine vielfältige Männlichkeit vorzuleben. Sie wollen ihnen «Erlaubnis zu unmännlichem Verhalten» geben und «unmännliche Gefühle würdigen», auf dass sie die Angst vor solchen Empfindungen nicht in die «emotionale Einsamkeit» führe. Buben sollen weinen, kuscheln und über Gefühle reden. «Auffälliges und aggressives Verhalten ist nicht Ausdruck von Bedürfnissen, sondern von sozialem Zwang, Überforderung und Verunsicherung», sagt NWSB-Vorstand Hansjürg Sieber. Er ist Dozent für Geschlechterkompetenz am Institut für Weiterbildung der PH Bern und langjähriger Oberstufenlehrer. Dass es genetische Geschlechterunterschiede gibt, bestreitet er nicht: «Jungs sind langsamer in der Entwicklung, das wird ihnen bei Selektion und Berufswahl zum Verhängnis.»
Vor allem seien Buben aber benachteiligt, weil sie nach wie vor in ihren Stereotypen bestätigt würden. «Mädchen werden etwa für Fleiss gelobt, Jungs sind einfach begabt oder eben nicht – darum ist es uncool, sich anzustrengen.» Solche Geschlechterstereotypen müsse man endlich durchbrechen. «Der Jäger und Sammler reicht heute einfach nicht mehr – deshalb müssen wir uns um die Sozialisation kümmern und nicht primär um die biologischen Anlagen, die von uns her nicht beeinflussbar sind.»
Das Erfolgsmodell Mädchen
Guggenbühl sieht das anders: «Derlei ideologisch fixierte Bubenarbeit ist ein Betrug an den Buben.» Statt die Systemfehler zu korrigieren, verschärfe sie das Problem. Wurde früher fälschlicherweise die Frau als Abweichung vom Standardmass Mann begriffen, werden heute Buben am schulischen Erfolgsmodell Mädchen gemessen: Ihre Kameradinnen zeigen sich mehr körperliche Nähe, also müssen Jungs dieses Bedürfnis in gleichem Masse haben.
«Stattdessen müssen wir den Buben wieder das Vertrauen geben, dass als ‹typisch männlich› verschriene Eigenschaften nicht per se falsch sind», sagt Guggenbühl. Dazu gehöre, Buben in ihrer Eigenart zu akzeptieren und ihnen mehr Raum zu geben. Für den Psychologen sind Buben nicht weniger kommunikativ, wie gerne behauptet wird – sie kommunizieren anders. Während Mädchen im täglichen Austausch eher Übereinstimmungen suchen und betonen, ertasten Jungs ihr Gegenüber mittels Provokation. Anhand der Leitfrage «Wie weit kann ich wo gehen?» erstellen sie ein Persönlichkeitsprofil des Interaktionspartners.
Knaben regeln auch ihre Cliquenstruktur anders. Sie wollen herausragen, nicht kooperieren. Körperliche Auseinandersetzungen sind ein zulässiges Mittel, um die Rangordnung festzulegen. Mann darf sich auch mal fetzen. Ist die Hierarchie einmal geklärt, kehrt Ruhe ein.
An vielen Schulen herrscht aber ein verkrampfter Umgang mit Körperlichkeit. In Leitbildern verweisen sie gerne darauf, «gewaltfreie Schule» zu sein und keinerlei körperliche Auseinandersetzungen zu tolerieren – körperliche Stärke wird tabuisiert; gilt als grob, primitiv und roh. «Das ist ein weiteres Problem der feminisierten Schule: Jede Form körperlich aggressiven Verhaltens steht unter Generalverdacht», sagt Remo Largo.
Natürlich müssen wüste Schlägereien unterbunden werden. Aber das Null-Toleranz-Prinzip verhindert oft auch harmlose Rangeleien. «Damit wird den Buben ein soziales Instrument weggenommen, bei dem sie ihre Stärke und Geschicklichkeit ausspielen und erproben können», sagt Guggenbühl. Rangeleien seien für Jungs sogar eine Möglichkeit, Sachfragen auszudiskutieren – zum Beispiel, ob Astronaut oder Kampfpilot der coolere Beruf ist. Der Astronaut verliert, die Sache ist erledigt, und die beiden gehen zusammen Fussballspielen.
Völkerball ist aller Laster Anfang
Statt aber solchen Interaktionen Raum zu geben, werden sie gänzlich aus dem Schulalltag verdrängt. Diese ablehnende Haltung gegenüber körperlichen Auseinandersetzungen ist ein weiteres Relikt der 68er Bewegung: Sie gründet teils in übertriebenem Pazifismus, teils im Wissen, dass es ja die körperliche Überlegenheit war, die die Jahrtausende anhaltende männliche Dominanz erst ermöglichte – also gehört sie aus der Schule verbannt. Selbst aus dem Turnunterricht: Weil der Körper das Ziel ist, wurde Sitzball zur verwerflichen Spielform; genauso wie Völkerball, das als Kriegsspiel verpönt ist, weil dabei ein Volk das andere in den Himmel befördert. Statt dem allseits beliebten Spiel einen neuen Namen zu geben, wurde es geächtet. Pädagogen erdachten Spiele wie «Rugby ohne Körperkontakt»; Fussball, bei dem die Jungs nur Pässe, aber keine Tore schiessen dürfen, oder ganz allgemein «Spiele ohne Sieger».
Doch Jungs wollen sich messen, übertrumpfen und einzigartig sein. Spiele wie Sitzball sind dafür perfekt: Es gilt einen Gegner nach dem anderen zu bezwingen; am Schluss steht allein, für alle sichtbar, der Sieger. «Wettbewerb ist ein Motivator», sagt Guggenbühl. Statt ihn aus dem Schulalltag zu verbannen, sollten ihn sich die Lehrer zunutze machen. Das sieht auch Bubenarbeiter Sieber so – «allerdings brauchen auch Mädchen Wettbewerb, nicht nur Jungs».
Die Behauptung, unsere Schulen seien durch weniger Konkurrenzdenken den Mädchen angepasst worden, hält Anton Strittmatter vom Lehrerverband für, «sagen wir es deutsch: Bockmist». Dahinter steckten ideologische Behauptungen von Leuten, die nie in einem Klassenzimmer stünden. «Sonst könnten sie das enorme Konkurrenzgerangel gerade unter den Mädchen nicht übersehen. Eine Konkurrenz, die sich manchmal ungehemmt und äusserst brutal entfalten kann», so Strittmatter. «Das mit dem pazifistischen 68er Groove ist eine Erfindung von ‹Experten›, die mediale Aufmerksamkeit erhaschen wollen.»
«Es muss ein bisschen wehtun»
Für Allan Guggenbühl geht es nicht nur um Konkurrenzkampf, sondern auch um Aggression. Freiräume, in denen sich Buben damit auseinandersetzen können, fehlten: «Statt ihnen aggressive Spiele zu verbieten, müssen wir den Jungs zeigen, wie Kampfspiele ablaufen und wie man sich mit Aggressionen auseinandersetzt.» Das sei wichtig, weil Aggression eine tiefere Bedeutung habe: «Wenn auf dem Pausenplatz Rivalitäten ausgetragen werden, dann geht es auch um die Auseinandersetzung mit einer Seinsfrage – dazu muss man aber wirklich schwitzen, wirklich ein wenig Angst haben, und es muss auch ein bisschen wehtun.»
Doch Toleranz gegenüber Raufereien ist heute schwierig. Strittmatter: «Die Grenzen haben sich bei Kindern und Jugendlichen verschoben. Es ist nicht mehr selbstverständlich, dass einer, der am Boden liegt, nicht weiter geschlagen wird. Hier ist ein Tabu gebrochen worden. Übernehmen Sie mal die Verantwortung, Raufereien wohlwollend zuzuschauen, wenn Sie wissen, dass immer mehr Jugendliche solche Fairnessgrenzen nicht mehr einhalten. Die Verletzungsgefahr ist klar grösser geworden.»
Den Lehrern droht eine weitere Gefahr: Immer mehr Eltern schalten im Konfliktfall die Justiz ein. «Wenn früher der Sohn mit einem blauen Auge nach Hause kam, gab ihm der Vater eine Ohrfeige. Heute geht er zum Rechtsanwalt – die Schule muss mit einer Klage rechnen, weil sie ihrer Aufsichtspflicht nicht nachgekommen sei.»
«Hilflosigkeit der Behörden»
In einzelnen Schulen hat dennoch ein Umdenken stattgefunden. Rangeleien werden wieder zugelassen, sofern sie mit einem vereinbarten Stoppwort beendet werden können. Wichtig seien klare Regeln, sagt Allan Guggenbühl: «Dadurch lässt sich eine Grenze zu Gewalt ziehen: Wer gegen diese Regeln verstösst, begeht Gewalt.»
Pädagoge Anton Strittmatter warnt davor, die «armen Buben» jetzt zum Hauptproblem an unseren Schulen emporzustilisieren. «Viel dramatischere Benachteiligungen sind schichtspezifisch oder ergeben sich aus einem Migrationshintergrund. Die Anzahl Bücher im Elternhaus definiert halt immer noch, wie gut ein Kind lesen kann.»
Remo Largo hält dagegen: «Wenn ein Missverhältnis von mittlerweile 60 zu 40 Prozent bei den Maturitäten nicht als dringendes Problem wahrgenommen wird, zeigt dies die Hilflosigkeit der Behörden.» Für diese scheint das Thema tatsächlich von geringer Priorität. Weil die Geschlechterfrage nicht nur den bevölkerungsreichsten, sondern alle Kantone betreffe, wollte die Zürcher Bildungsdirektorin Regine Aeppli keine Stellung nehmen. Doch auch die Präsidentin der Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren, Isabelle Chassot, fand keine Zeit, Fragen zu beantworten.
Als früher die Benachteiligung der Mädchen als stossend empfunden wurde, hat man das Schulsystem geändert. Von den Knaben wird heute erwartet, dass sie sich anpassen. Das werden sie nicht.
Wo Mädchen und Knaben verschieden sind
Körper und Gesundheit
Bis zur achten Schwangerschaftswoche haben alle Embryonen ein weibliches Gehirn. Dann setzt bei Buben ein Testosteronschub ein, der Zellen in den Kommunikationszentren abtötet und in den Sex- und Aggressionszentren mehr Zellen heranwachsen lässt.
In den Gehirnen von weiblichen Föten entstehen mehr Verknüpfungen in jenen Zentren, die für Kommunikation und Gefühlsverarbeitung zuständig sind.
Ab zwei Jahren ist bei Buben eine grössere Muskelkraft feststellbar.
Weibliche Frühgeburten haben eine 1,7-mal höhere Überlebenschance als männliche. Buben haben nur ein X-Chromosom: Da viele neurologisch relevante Gene auf dem X-Chromosom liegen, treten bei Knaben häufiger extreme Genvariationen auf.
Buben entwickeln zuerst grobmotorische Fähigkeiten. Erst nach der Pubertät wird die Feinmotorik perfektioniert. Bei Mädchen ist es umgekehrt.
Die Zugehörigkeit zum männlichen
Geschlecht ist ein Hauptrisikofaktor für ein vorzeitiges Ableben. Darum beträgt die Lebenserwartung von Frauen 83 Jahre, diejenige von Männern 78.
Wahrnehmung und kognitive Fähigkeiten
Die taktile Sensibilität der Hände und Finger ist bei Mädchen und Frauen höher. Dank diesem Fingerspitzengefühl erbringen Mädchen schon im Vorschulalter bessere Leistungen in Sachen Feinmotorik. Frauen sehen nachts besser, aber sind schwächer, was die Sehschärfe angeht.
Mädchen beginnen früher zu reden und übertreffen Buben in Wortschatz und Ausdrucksfähigkeit.
Im Durchschnitt können Mädchen früher zählen (ab drei Jahren). In den ersten Grundschuljahren zeigen sie auch eine bessere Rechenleistung als Buben. Bei Kindern bis zum 12. Lebensjahr sind die Jungen den Mädchen an Hörempfindlichkeit überlegen.
Während Mädchen mit den Augen eher den gesamten Raum abtasten, erforschen Jungen ihre Umgebung durch Betrachtung einzelner Aspekte. Sie zeigen dabei ein ausgeprägteres Erkundungsverhalten.
Jungen haben ein besseres räumliches Vorstellungsvermögen. Es fällt ihnen leichter, aus zweidimensionalen Mustern einen dreidimensionalen Körper zu falten.
Jungs entwickeln viermal häufiger eine
Leseschwäche. Bei allgemeinen Sprachstörungen ist das Verhältnis 2,5 zu 1.
Sozialverhalten und Kommunikation
Neugeborene Mädchen halten viel länger Blickkontakt. Zudem hören sie Stimmen doppelt so lange aufmerksam zu wie neugeborene Buben.
Mädchen sind häufiger bereit, den Aufforderungen von Erwachsenen nachzukommen. Buben reagieren eher auf Verstärkung durch andere Jungen und weniger auf Erzieher.
In der Pubertät wird das weibliche Gehirn von Östrogen überschwemmt. Daher konzentrieren sich Mädchen in diesem Alter vorwiegend auf Gefühle und Kommunikation.
Mädchen zeigen häufiger ein indirektes aggressives Verhalten gegenüber Dritten, wie zum Beispiel Lästern. Buben zeigen ab dem vierten Lebensjahr ein ausgeprägteres Dominanz- und Konkurrenzverhalten. Zudem ist eine sehr viel höhere Rate an offenem aggressiven Verhalten (physisch und verbal) beobachtbar.
Schon ab dem Kindergartenalter spielen Jungen lieber mit ihresgleichen. Ihre Kameradinnen berücksichtigen sie eher nicht als Spielpartner. Bei Mädchen ist diese Bevorzugung des eigenen Geschlechts nicht so eindeutig.
Jungen achten kaum auf weibliche Stimmen – wie auch männliche Erwachsene – und kommen deren Aufforderungen nicht nach. Diese Eigenart zeigt sich früh und in allen Kulturen.
So wirds besser für Buben
1. Mehr Männer in die Schule
Der Lehrberuf hat ein Caritas-Image: Gutmütige Lehrkräfte reiben sich an schwierigen Schülern und noch schwierigeren Eltern auf. Und je höher der Lehrerinnenanteil an den Schulen ist, desto mehr schreckt der Beruf Männer ab. Ein Teufelskreis, der durchbrochen werden muss. Eigentlich wissen es alle: Der Beruf ist anspruchsvoll und wäre darum eine Herausforderung. Das muss den Männern wieder vermittelt werden.
Wer sich einer Herausforderung stellt und Erfolg hat, erwartet Wertschätzung und längerfristig eine Karrieremöglichkeit. Es geht um mehr als einen gerechten Lohn. Lehrpersonen fehlt eine Laufbahnperspektive, die Karriereschritte und Spezialisierungen erlaubt. Was in den meisten Berufen selbstverständlich ist, sollte auch in der Schule Einzug halten.
An den pädagogischen Hochschulen herrscht Wildwuchs. Ständig erfinden sie neue Ausbildungsgänge, für die es in der realen Schulwelt gar keine Jobs gibt. Das frustriert jeden weiterbildungswilligen Lehrer. Die Kantone und die Erziehungsdirektorenkonferenz sind gefordert, den Wildwuchs zu stoppen.
2. Mehr Raum für die Knaben
Mehr Männer vor Wandtafeln garantieren noch keinen Lernerfolg bei Buben. Pädagogen müssen akzeptieren, dass Buben und Mädchen unterschiedlich funktionieren, und daraus Konsequenzen für den Unterricht ziehen. Die Schule soll sich nach dem Wesen der Kinder ausrichten und nicht umgekehrt.
Lehrer müssen mehr Freiräume für geschlechterspezifische Aktivitäten schaffen. Mädchen und Buben für einzelne Projekte getrennt zu unterrichten ermöglicht den Geschlechtern angepasste Lernsituationen. Buben zum Beispiel profitieren mehr von Frontalunterricht als Mädchen.
Rangeleien sind für Buben eine wichtige Form der Auseinandersetzung mit ihrem Gegenüber. Vorschnell werden solche Auseinandersetzungen mit roher Gewalt verwechselt und sanktioniert. Eine bubenfreundlichere Perspektive im Unterricht kann zudem helfen, auf aufmüpfige Knaben auch mal etwas gelassener zu reagieren.
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Montag, 4. Mai 2009
Dienstag, 14. April 2009
Schulpolitik - Revolte der Realisten
In der Volksschule bleibt kein Stein auf dem andern. Politik und Verwaltung setzen eine Grossreform nach der andern in Gang. Die Praktiker an der Front fragt man nicht. Erfahrene Lehrer wehren sich, Verbände proben den Widerstand.
Von Philipp Gut
Vergangene Woche kam es an einer Bieler Schule zu einem Polizeieinsatz. Lokale Medien berichteten darüber, die Weltwoche hat den Fall bei Eltern und Behörden recherchiert. Was ist geschehen? In der Realklasse 9a im Oberstufenzentrum Madretsch herrschen seit Jahren chaotische Zustände. Die Schüler — von dreizehn haben dreizehn einen «Migrationshintergrund» — grölen, pöbeln, boykottieren und sabotieren den Unterricht. Wird leihweise Material verteilt, verschwindet manches davon. Die Klassenlehrerin wird als «Nutte» und «Schlampe» beschimpft, Gegenstände fliegen durchs Zimmer, Schüler schwänzen. Die Lehrerin bricht zusammen.
Der Schulleitung in Biel bleibt nichts anderes übrig, als die ausser Kontrolle geratene Klasse aufzulösen. Die Schüler sollen auf verschiedene andere Klassen verteilt werden. Wer sich weigert, kündigt die Leitung an, wird für den Rest des Schuljahres vom Unterricht ausgeschlossen.
Die Schüler folgten dem Ultimatum nicht. Am Montag letzter Woche verbarrikadierten sie sich im Klassenzimmer. Einen halben Tag bringen sie, bei explosiver Stimmung, ohne Lehrer zu. Sie bekommen einen Verweis, die Eltern müssen eine Bestätigung unterschreiben, dass die Weisungen der Schule befolgt werden. Die Hälfte der Klasse weigert sich noch immer, der Schulausschluss wird Tatsache.
Tummelfeld für Experten und Beamte
So war es zumindest geplant. Es kommt anders: Schüler und Eltern stürmen das Büro der Schulleitung. Sie erheben massive Drohungen. Die Lehrer müssen die Polizei zu Hilfe holen.
Der Stand heute: Am Donnerstag letzter Woche lenkten die renitenten Schüler und Eltern ein, sämtliche Unterschriften liegen vor. Die Klasse wird aufgeteilt, vor dem Schulhaus fährt zur Sicherheit eine Polizeistreife auf.
Was zeigt der Fall? Ein beteiligter Lehrer sagt: «Was in Biel abläuft, ist typisch für die Situation in der Schule. Die Probleme werden schöngeredet, die realen Verhältnisse ignoriert. Statt auf die Basis zu hören und die Lage an der Front zu verbessern, setzen Politik und Bildungsbürokratie ständig neue Reformen mit zweifelhafter Wirkung in Gang.»
Trifft der Befund zu? Die Weltwoche hat sich in Lehrerzimmern des Landes umgehört, Gespräche mit erfahrenen Praktikern aus verschiedenen Kantonen und allen Stufen geführt. Die Schule ist in den letzten Jahren zum Kampfplatz der Politik und zu einem Tummelfeld von Experten und Beamten geworden, die ihre Theorien und Visionen verwirklichen möchten. Was die technokratischen Bemühungen wert sind, erfährt man nicht in Hochglanzbroschüren und ausgeklügelten Konzepten, sondern dort, wo sie umgesetzt werden: in der Schule.
Die Ergebnisse der Befragungen zeigen, um es vorwegzunehmen, in eine andere Richtung. Der Unmut ist gross, manche resignieren, einige proben den Aufstand. Wer unterrichtet, ist täglich einer Art Realitätstest ausgesetzt: Die Lehrer merken, wo der Schuh drückt. Sie wissen, welche Reformen funktionieren und welche nicht.
Martin Hänzi, Sekundarlehrer und Schulleiter, Pieterlen BE - Hänzi, Lehrer seit 25 Jahren, veranschaulicht die Problematik mit einer Anekdote. Vor einigen Jahren präsentierte ein Vertreter des Bildungsdepartements seine Vorstellungen von Schule. Die Präsentation umfasste etwa fünfzehn Punkte. Irgendwo zwischen Punkt sieben und Punkt zwölf kam das «Unterrichten». Das sei typisch: Vor lauter Reformen und bürokratischen Umständen verliere man den Sinn fürs Wesentliche.
Hänzi erinnert sich, dass die hohe Zeit der Grossreformen zu Beginn der 1990er Jahre einsetzte. «Wir dachten damals: ‹So, das ist es jetzt.› Aber es ging immer weiter.» Die Bildungsverwaltungen sind seither stark gewachsen, «neue pädagogische Ideen setzen sie jeweils sofort um».
Das «Zauberwort» der Stunde heisse «Individualisieren». Es soll die «Integration» ermöglichen (neuerdings sprechen Bildungsforscher auch von «Inklusion», weil sie festgestellt haben, dass der Normalbürger «Integration» auf Ausländer und nicht auf lernschwache Schüler bezieht). Ein individualisierender Unterricht, das bedeute etwas zugespitzt: «Jedem Schüler sein eigenes Programm zuschneiden.» Hänzi: «Das ist zwar ein hehres Ziel, aber praktisch liegt es einfach nicht drin.»
Mit dieser Einschätzung steht der Oberstufenlehrer nicht allein da. Die Basis teilt sie offenbar, wie sich an einer Delegiertenversammlung der Lehrergewerkschaft zeigte. Die Führung liess verlauten, die Lehrer stünden hinter dem «integrativen Schulmodell». Hänzi erlaubte sich die Zwischenfrage, ob dem wirklich so sei. Er erzwang eine Konsultativabstimmung. Rund zwei Drittel der Delegierten stimmten gegen die «Integration».
Daniel Goepfert, Gymnasiallehrer und Grossrat (SP), Basel-Stadt - Goepfert fasst die Lage so zusammen: «Die Zentrale bindet Geld und Ressourcen, und die fehlen dann an der Front.» Goepfert hat gezählt, dass das Erziehungsdepartement gegen dreissig wichtige Projekte am Laufen hat. Dabei gehe es nur um «Begleitmassnahmen».
«Irgendwann», sagt der Lehrer und Politiker Goepfert, «sollten wir wieder über Inhalte reden: Was sollen die Schüler am Ende der obligatorischen Schulzeit können? Wie überprüfen wir das? Was spricht gegen einen gemeinsamen Schulabschluss in den vier Kantonen der Nordwestschweiz?»›››
Die Situation in Basel habe «etwas Gespenstisches»: «Der Kaiser ist nackt — und niemand sagt es ihm.» Die Anspielung auf den Märchenkaiser zielt auf Erziehungsdirektor Christoph Eymann (LDP). Goepfert vermisst bei den Dutzenden von Projekten eine «Erfolgskontrolle». Weil Basel-Stadt bei der vorletzten Pisa-Erhebung schlecht abschnitt, mache man jetzt einfach nicht mehr mit. Die mageren Leistungen der Schüler erkläre das Departement mit dem hohen Ausländeranteil. Goepfert lässt das nur zum Teil gelten. Die Basler Probleme seien auch hausgemacht: «Zu viele Reformen, zu wenig Konzentration auf den Unterricht, fehlende Fachbezogenheit und Zielorientierung.»
Selbsterfahrungskurse en masse
Es gebe beispielsweise keine «fachbezogene» obligatorische Weiterbildung für Lehrer. Stattdessen, das zeigt ein Blick ins Programm des zuständigen Instituts für Unterrichtsfragen und Lehrer/innenfortbildung, bietet das Erziehungsdepartement psychologisch-esoterisch ausgerichtete Selbsterfahrungskurse en masse an. Das klingt dann so: Rubrik «Reflexion und Wahrnehmung», Kurs «Zeitinseln beleben», «Ziel: Dank sorgfältiger Planung Ihrer Arbeit, liebevollem Umgang mit Ihren Ressourcen (Zeit, Freude, Energie, unterstützende Menschen etc.) und der Schaffung von Zeitinseln sind Sie vorbereitet auf den herausfordernden Alltag als Lehrperson».
Weitere Kurse heissen: «Selbst-Coaching: Lebenslust statt Alltagsfrust – ein Balanceakt», «Hilfe, mein Hirn ist ein Sieb», «Das Leben als letzte Gelegenheit – Gesundheit und Zeitempfinden», «Älterwerden im Beruf – Kurs für Frauen». Im Kanton Bern konnte man in einem Kurs «Führungserfahrung mit Shetland-Ponys» erwerben.
Die Auswahl ist durchaus typisch. Wie Daniel Goepfert berichtet, durfte auch er an einer Fortbildung Bäume umarmen.
Regula Peter, Primarlehrerin, Kanton Zürich - Peter ist seit 28 Jahren im Schuldienst, «mit Leib und Seele», wie sie sagt. Gemeinsam mit einer Kollegin hat die Primarlehrerin «Gedanken zum Lehrerberuf (aus dem Alltag)» verfasst, ein kleines Manifest, in dem sie «Stressfaktoren» anführen, denen Lehrer ausgesetzt sind. Darin heisst es: «Die unterrichtsfreie Zeit wird von aussen verplant, d. h., die Vorbereitungs- und Nachbereitungszeit wird gebraucht für Sitzungen und Weiterbildungen.»
Manche Lehrer hätten bildungspolitisch geschlafen, sagt Regula Peter im Gespräch. Jetzt rieben sie sich die Augen. «Viele machen die Faust im Sack.» Seit der Umstellung auf sogenannte «geleitete Schulen» und ein lohnwirksames Beurteilungssystem brauche es doppelten Mut, um Missstände anzusprechen. Es drohen Sanktionen und Lohneinbussen.
Regula Peter hat ausgerechnet, dass der Arbeitsaufwand bei einem Fünfzig-Prozent-Pensum mit den neuen Schulleitungen um fünf Stunden pro Woche gestiegen ist. Das entspricht etwa zwanzig Prozent. Die Zeit für administrative Arbeiten und Sitzungen nehme ein unerträgliches Ausmass an. Die ständigen Reformen hätten eine «Grundhektik» in den Beruf gebracht, konzentriertes Vorbereiten und Unterrichten sei erschwert. «Es herrscht eine hohle Betriebsamkeit. Über das Wohl des Kindes spricht niemand.»
Bei Peter wuchs die Sehnsucht, «einfach wieder einmal normal Schule zu halten», ohne Events und Evaluationen, ohne Sitzungen und Protokolle, ohne verordnete Zusammenarbeit in «Qualitätssicherungs-Gruppen» und «pädagogischen Teams». Jetzt hat sie sich den Wunsch erfüllt: Sie hat ihre feste Stelle gekündigt und arbeitet als Stellvertreterin. Befreit von mancherlei Belastungen, blühe sie auf: «So ist es schön. Darum bin ich Lehrerin geworden.»
Alain Pichard, Reallehrer und Stadtrat (Grünliberale), Biel BE - Pichard hat vor drei Jahren mit einem Artikel in der Weltwoche («Albaner, Türken, Brasilianer», Nr. 38/06) hitzige Diskussionen unter Kollegen entfacht. Der grüne Lehrer und Gewerkschafter sprach, nach Jahren der Tabus und idealistischer Überblendungen der Wirklichkeit, öffentlich über die Zustände an der Schule: hoher Ausländeranteil (in Bieler Kindergärten derzeit fünfzig Prozent), Disziplinarprobleme, wirkungslose Massnahmen der Behörden. Heute sagt Pichard: «Meine Kollegen und ich — wir kommen alle aus einer linken Ecke — haben grosse Mühe mit der aktuellen Schulpolitik. Die Reformdebatte dreht sich allein um Strukturen.» Das nütze «letztlich nur der Bildungsbürokratie».
HarmoS, die Auflösung der Sonderklassen für schwache Schüler und deren «Integration» in Regelklassen, neue, komplizierte Schülerbeurteilungen, Frühfranzösisch und Frühenglisch: Diese und andere Reformvorhaben zielten laut Pichard «an den eigentlichen Problemen der Schule vorbei. Oder sie sind nicht realisierbar.» Zu den «wirklichen Problemen» zähle das «strukturelle Analphabetentum»: Fünfzehn bis achtzehn Prozent der Schüler, die nach neun Jahren die Schule verlassen, können nicht genügend lesen und schreiben.
Pichard beobachtet einen «Konflikt zwischen Lehrpersonen und Bildungsbürokratie». Während Politik und Verwaltung die Schule umzukrempeln versuchen, beginnt sich die Basis gegen die von oben verordneten Reformen zu wehren. Im Kanton Bern durchaus mit gewissen Erfolgen: Die neue Schülerbeurteilung «Schübe» wurde, da nicht praxistauglich, nach vehementen Protesten und einer Unterschriftensammlung der Lehrer rückgängig gemacht.
Die Entfremdung zwischen Lehrern und Verwaltung wächst. Symptomatisch sind einige Vorkommnisse in der Stadt Biel. Beispiel eins: Die Schuldirektion kündigte allen Schulleitungsmitgliedern und unterwarf zum Teil langjährige Kaderangestellte einem umfassenden Bewerbungsverfahren. Dabei mussten sie über ihre Einstellung zu den «geplanten Schulreformen» Auskunft geben. Die Gesinnungsprüfung führte zu Beschwerden und einem geharnischten Brief der Gewerkschaft VPOD. Pichard: «Die Einführung von Schulleitungen mit weitreichenden Kompetenzen nützen die Bildungsbürokraten dazu, Erfüllungsgehilfen für ihre behördliche Wunschprosa einzusetzen.»
Beispiel zwei: Die Schuldirektion wollte zweisprachige Klassen einführen — die Lehrer hielten dagegen. Das Projekt wurde verschoben, der Ausgang ist unklar.
Beispiel drei: Die Stadt versuchte die «Integration» der Sonderschüler sofort umzusetzen, flächendeckend. Die Lehrer probten den Widerstand. Das Tempo wurde gedrosselt. «Man schaut jetzt, was möglich ist, und versucht es in kleinen Schritten», sagt Alain Pichard.
Evelyne Gut-Hänggi, Leiterin Kriseninterventionsstelle Basel-Stadt - Basel-Stadt hat als einer der ersten Kantone bereits heute die vollständige «Integration» der Sonderschüler verwirklicht (und zwar in der fünften, sechsten und siebten Klasse). Als Leiterin der Kriseninterventionsstelle, bei der Schüler landen, die in der Klasse nicht mehr tragbar sind, macht Evelyne Gut-Hänggi täglich Erfahrungen mit dem Modell, das landesweit eingeführt werden soll – eine Art Blick in die Zukunft. Sie sagt: «Seit der Einführung der vollen Integration auf der Mittelstufe ist die Zahl der Fälle stark gestiegen.»
Besonders das Fachlehrersystem mache den schwierigen und lernschwachen Schülern zu schaffen. Sie brauchten einen Klassenlehrer als Bezugsperson, zu der sie ein emotionales Verhältnis aufbauen könnten. Häufig fehle die Unterstützung von zu Hause: getrennt lebende Eltern, «Migrationshintergrund», «Bildungsferne». «Wir nennen solche Kinder ‹Indikationspatienten›. An ihnen kann man ablesen, was im Umfeld nicht funktioniert.»
Hanspeter Amstutz, Sekundarlehrer, Bildungsrat, Kantonsrat (EVP), Illnau-Effretikon ZH - Eine wachsende Zahl schwieriger Schüler, praxisuntaugliche Reformen wie die «Integration» lernschwacher und verhaltensauffälliger Schüler in die Normklassen, eine ausufernde Bürokratie: So bestimmt Amstutz, Oberstufenlehrer und Zürcher Bildungsrat, die grössten «Belastungen» im Lehrberuf. Amstutz stellt fest, dass Junglehrer durchschnittlich bloss noch fünf Jahre in ihrem Job blieben. Viele seien überfordert: Mit den offenen Unterrichtsformen, etwa dem Individualisieren, das an den pädagogischen Hochschulen wie ein «Dogma» gelehrt werde, stürzten manche ab: «Was nützen uns die besten pädagogischen Konzepte, wenn die Lehrpersonen unter den vorhandenen Rahmenbedingungen kaum eine Chance haben, diese Ideen erfolgreich umzusetzen?»
Wo immer man sich umhört, eines fällt auf: Der Unmut erfahrener Lehrer hat nichts mit dem Schulegeben an sich zu tun, nicht einmal so sehr mit schwierigen Schülern, sondern mit bürokratischen Zumutungen. Es ist eine bittere Ironie, die Lehrern zu schaffen macht: Verwaltung und Politik, die ihnen das Handwerk durch gute Bedingungen erleichtern sollten, erschweren es.
«Fatale Akademisierung»
Allan Guggenbühl, renommierter Kinderpsychologe, sagt: «Die Situation der Schule ist dramatisch. Sie wird instrumentalisiert durch externe Institutionen, durch Bildungsdirektionen und sogenannte Experten.»
Wie ist es so weit gekommen? Guggenbühl spricht von den «fatalen Folgen» einer «Akademisierung»: «Die Schule muss als Experimentierfeld für eine akademische Elite herhalten, die von der Praxis keine Ahnung hat.»
Als ermutigendes Zeichen werten es Lehrer, dass mit Guggenbühl ein Wissenschaftler ihre Sprache spricht. Die Unterstützung für die Anliegen der Basis wächst: Guggenbühl hat ein Diskussionsforum über Schulfragen angeregt (www.kindgerechte-schule.ch).
«Mündige Lehrpersonen verschaffen sich Gehör!», fordert ein Forumsteilnehmer. Ein anderer schreibt: «Wie oft hat mir als Lehrer einfach die Zeit gefehlt, das zu verwirklichen, was ich geplant hatte. In den letzten Jahren kamen laufend neue Aufgaben auf die Schule zu. Wo blieb das Kerngeschäft? Weitgehend auf der Strecke.»
Der Beitrag einer Lehrerin: «Wir sind stolz auf unsere Volksschule. Aber haben wir wirklich eine Volksschule? Eine Volksschule müsste vor allem an der Basis von den Lehrpersonen gestaltet werden, nicht von den Bildungsbürokraten. Eine Volksschule müsste für die Bedürfnisse der Kinder da sein, nicht für die Profilierung von PolitikerInnen.»
Signale des Widerstands
Beim Forum «Kindgerechte Schule» arbeiten Vertreter von Lehrerorganisationen mit, etwa Hansruedi Hottinger, Vizepräsident der Schweizer Sekundarlehrkräfte (Sek I CH). Hottinger diagnostiziert eine «Bildungsblase»: «Man glaubt heute, mit technokratischen Mitteln Bildung und Erziehung organisieren zu können. Aber diese Rechung geht nicht auf.»
Lehrerverbände, die bisher zu allen Reformen ja sagten, beginnen die Anliegen ihrer Klientel ernst zu nehmen. Aus den Kantonen kommen Signale des Widerstands, aus dem Aargau beispielsweise oder aus Baselland. Dort hat sich der Lehrerinnen- und Lehrerverein (LVB) gegen HarmoS, gegen den Bildungsraum Nordwestschweiz (eine «Schreibtischtat») und gegen die «Integration» behinderter Kinder in die Regelklassen ausgesprochen. Die Mitglieder haben je dreissig Franken einbezahlt, damit der Verein für Protestaktionen gewappnet ist.
Die Realität ist längst im Schulzimmer angekommen. Wer eine funktionsfähige Schule will, kommt um die Erfahrungen der Praktiker schwerlich herum.
Von Philipp Gut
Vergangene Woche kam es an einer Bieler Schule zu einem Polizeieinsatz. Lokale Medien berichteten darüber, die Weltwoche hat den Fall bei Eltern und Behörden recherchiert. Was ist geschehen? In der Realklasse 9a im Oberstufenzentrum Madretsch herrschen seit Jahren chaotische Zustände. Die Schüler — von dreizehn haben dreizehn einen «Migrationshintergrund» — grölen, pöbeln, boykottieren und sabotieren den Unterricht. Wird leihweise Material verteilt, verschwindet manches davon. Die Klassenlehrerin wird als «Nutte» und «Schlampe» beschimpft, Gegenstände fliegen durchs Zimmer, Schüler schwänzen. Die Lehrerin bricht zusammen.
Der Schulleitung in Biel bleibt nichts anderes übrig, als die ausser Kontrolle geratene Klasse aufzulösen. Die Schüler sollen auf verschiedene andere Klassen verteilt werden. Wer sich weigert, kündigt die Leitung an, wird für den Rest des Schuljahres vom Unterricht ausgeschlossen.
Die Schüler folgten dem Ultimatum nicht. Am Montag letzter Woche verbarrikadierten sie sich im Klassenzimmer. Einen halben Tag bringen sie, bei explosiver Stimmung, ohne Lehrer zu. Sie bekommen einen Verweis, die Eltern müssen eine Bestätigung unterschreiben, dass die Weisungen der Schule befolgt werden. Die Hälfte der Klasse weigert sich noch immer, der Schulausschluss wird Tatsache.
Tummelfeld für Experten und Beamte
So war es zumindest geplant. Es kommt anders: Schüler und Eltern stürmen das Büro der Schulleitung. Sie erheben massive Drohungen. Die Lehrer müssen die Polizei zu Hilfe holen.
Der Stand heute: Am Donnerstag letzter Woche lenkten die renitenten Schüler und Eltern ein, sämtliche Unterschriften liegen vor. Die Klasse wird aufgeteilt, vor dem Schulhaus fährt zur Sicherheit eine Polizeistreife auf.
Was zeigt der Fall? Ein beteiligter Lehrer sagt: «Was in Biel abläuft, ist typisch für die Situation in der Schule. Die Probleme werden schöngeredet, die realen Verhältnisse ignoriert. Statt auf die Basis zu hören und die Lage an der Front zu verbessern, setzen Politik und Bildungsbürokratie ständig neue Reformen mit zweifelhafter Wirkung in Gang.»
Trifft der Befund zu? Die Weltwoche hat sich in Lehrerzimmern des Landes umgehört, Gespräche mit erfahrenen Praktikern aus verschiedenen Kantonen und allen Stufen geführt. Die Schule ist in den letzten Jahren zum Kampfplatz der Politik und zu einem Tummelfeld von Experten und Beamten geworden, die ihre Theorien und Visionen verwirklichen möchten. Was die technokratischen Bemühungen wert sind, erfährt man nicht in Hochglanzbroschüren und ausgeklügelten Konzepten, sondern dort, wo sie umgesetzt werden: in der Schule.
Die Ergebnisse der Befragungen zeigen, um es vorwegzunehmen, in eine andere Richtung. Der Unmut ist gross, manche resignieren, einige proben den Aufstand. Wer unterrichtet, ist täglich einer Art Realitätstest ausgesetzt: Die Lehrer merken, wo der Schuh drückt. Sie wissen, welche Reformen funktionieren und welche nicht.
Martin Hänzi, Sekundarlehrer und Schulleiter, Pieterlen BE - Hänzi, Lehrer seit 25 Jahren, veranschaulicht die Problematik mit einer Anekdote. Vor einigen Jahren präsentierte ein Vertreter des Bildungsdepartements seine Vorstellungen von Schule. Die Präsentation umfasste etwa fünfzehn Punkte. Irgendwo zwischen Punkt sieben und Punkt zwölf kam das «Unterrichten». Das sei typisch: Vor lauter Reformen und bürokratischen Umständen verliere man den Sinn fürs Wesentliche.
Hänzi erinnert sich, dass die hohe Zeit der Grossreformen zu Beginn der 1990er Jahre einsetzte. «Wir dachten damals: ‹So, das ist es jetzt.› Aber es ging immer weiter.» Die Bildungsverwaltungen sind seither stark gewachsen, «neue pädagogische Ideen setzen sie jeweils sofort um».
Das «Zauberwort» der Stunde heisse «Individualisieren». Es soll die «Integration» ermöglichen (neuerdings sprechen Bildungsforscher auch von «Inklusion», weil sie festgestellt haben, dass der Normalbürger «Integration» auf Ausländer und nicht auf lernschwache Schüler bezieht). Ein individualisierender Unterricht, das bedeute etwas zugespitzt: «Jedem Schüler sein eigenes Programm zuschneiden.» Hänzi: «Das ist zwar ein hehres Ziel, aber praktisch liegt es einfach nicht drin.»
Mit dieser Einschätzung steht der Oberstufenlehrer nicht allein da. Die Basis teilt sie offenbar, wie sich an einer Delegiertenversammlung der Lehrergewerkschaft zeigte. Die Führung liess verlauten, die Lehrer stünden hinter dem «integrativen Schulmodell». Hänzi erlaubte sich die Zwischenfrage, ob dem wirklich so sei. Er erzwang eine Konsultativabstimmung. Rund zwei Drittel der Delegierten stimmten gegen die «Integration».
Daniel Goepfert, Gymnasiallehrer und Grossrat (SP), Basel-Stadt - Goepfert fasst die Lage so zusammen: «Die Zentrale bindet Geld und Ressourcen, und die fehlen dann an der Front.» Goepfert hat gezählt, dass das Erziehungsdepartement gegen dreissig wichtige Projekte am Laufen hat. Dabei gehe es nur um «Begleitmassnahmen».
«Irgendwann», sagt der Lehrer und Politiker Goepfert, «sollten wir wieder über Inhalte reden: Was sollen die Schüler am Ende der obligatorischen Schulzeit können? Wie überprüfen wir das? Was spricht gegen einen gemeinsamen Schulabschluss in den vier Kantonen der Nordwestschweiz?»›››
Die Situation in Basel habe «etwas Gespenstisches»: «Der Kaiser ist nackt — und niemand sagt es ihm.» Die Anspielung auf den Märchenkaiser zielt auf Erziehungsdirektor Christoph Eymann (LDP). Goepfert vermisst bei den Dutzenden von Projekten eine «Erfolgskontrolle». Weil Basel-Stadt bei der vorletzten Pisa-Erhebung schlecht abschnitt, mache man jetzt einfach nicht mehr mit. Die mageren Leistungen der Schüler erkläre das Departement mit dem hohen Ausländeranteil. Goepfert lässt das nur zum Teil gelten. Die Basler Probleme seien auch hausgemacht: «Zu viele Reformen, zu wenig Konzentration auf den Unterricht, fehlende Fachbezogenheit und Zielorientierung.»
Selbsterfahrungskurse en masse
Es gebe beispielsweise keine «fachbezogene» obligatorische Weiterbildung für Lehrer. Stattdessen, das zeigt ein Blick ins Programm des zuständigen Instituts für Unterrichtsfragen und Lehrer/innenfortbildung, bietet das Erziehungsdepartement psychologisch-esoterisch ausgerichtete Selbsterfahrungskurse en masse an. Das klingt dann so: Rubrik «Reflexion und Wahrnehmung», Kurs «Zeitinseln beleben», «Ziel: Dank sorgfältiger Planung Ihrer Arbeit, liebevollem Umgang mit Ihren Ressourcen (Zeit, Freude, Energie, unterstützende Menschen etc.) und der Schaffung von Zeitinseln sind Sie vorbereitet auf den herausfordernden Alltag als Lehrperson».
Weitere Kurse heissen: «Selbst-Coaching: Lebenslust statt Alltagsfrust – ein Balanceakt», «Hilfe, mein Hirn ist ein Sieb», «Das Leben als letzte Gelegenheit – Gesundheit und Zeitempfinden», «Älterwerden im Beruf – Kurs für Frauen». Im Kanton Bern konnte man in einem Kurs «Führungserfahrung mit Shetland-Ponys» erwerben.
Die Auswahl ist durchaus typisch. Wie Daniel Goepfert berichtet, durfte auch er an einer Fortbildung Bäume umarmen.
Regula Peter, Primarlehrerin, Kanton Zürich - Peter ist seit 28 Jahren im Schuldienst, «mit Leib und Seele», wie sie sagt. Gemeinsam mit einer Kollegin hat die Primarlehrerin «Gedanken zum Lehrerberuf (aus dem Alltag)» verfasst, ein kleines Manifest, in dem sie «Stressfaktoren» anführen, denen Lehrer ausgesetzt sind. Darin heisst es: «Die unterrichtsfreie Zeit wird von aussen verplant, d. h., die Vorbereitungs- und Nachbereitungszeit wird gebraucht für Sitzungen und Weiterbildungen.»
Manche Lehrer hätten bildungspolitisch geschlafen, sagt Regula Peter im Gespräch. Jetzt rieben sie sich die Augen. «Viele machen die Faust im Sack.» Seit der Umstellung auf sogenannte «geleitete Schulen» und ein lohnwirksames Beurteilungssystem brauche es doppelten Mut, um Missstände anzusprechen. Es drohen Sanktionen und Lohneinbussen.
Regula Peter hat ausgerechnet, dass der Arbeitsaufwand bei einem Fünfzig-Prozent-Pensum mit den neuen Schulleitungen um fünf Stunden pro Woche gestiegen ist. Das entspricht etwa zwanzig Prozent. Die Zeit für administrative Arbeiten und Sitzungen nehme ein unerträgliches Ausmass an. Die ständigen Reformen hätten eine «Grundhektik» in den Beruf gebracht, konzentriertes Vorbereiten und Unterrichten sei erschwert. «Es herrscht eine hohle Betriebsamkeit. Über das Wohl des Kindes spricht niemand.»
Bei Peter wuchs die Sehnsucht, «einfach wieder einmal normal Schule zu halten», ohne Events und Evaluationen, ohne Sitzungen und Protokolle, ohne verordnete Zusammenarbeit in «Qualitätssicherungs-Gruppen» und «pädagogischen Teams». Jetzt hat sie sich den Wunsch erfüllt: Sie hat ihre feste Stelle gekündigt und arbeitet als Stellvertreterin. Befreit von mancherlei Belastungen, blühe sie auf: «So ist es schön. Darum bin ich Lehrerin geworden.»
Alain Pichard, Reallehrer und Stadtrat (Grünliberale), Biel BE - Pichard hat vor drei Jahren mit einem Artikel in der Weltwoche («Albaner, Türken, Brasilianer», Nr. 38/06) hitzige Diskussionen unter Kollegen entfacht. Der grüne Lehrer und Gewerkschafter sprach, nach Jahren der Tabus und idealistischer Überblendungen der Wirklichkeit, öffentlich über die Zustände an der Schule: hoher Ausländeranteil (in Bieler Kindergärten derzeit fünfzig Prozent), Disziplinarprobleme, wirkungslose Massnahmen der Behörden. Heute sagt Pichard: «Meine Kollegen und ich — wir kommen alle aus einer linken Ecke — haben grosse Mühe mit der aktuellen Schulpolitik. Die Reformdebatte dreht sich allein um Strukturen.» Das nütze «letztlich nur der Bildungsbürokratie».
HarmoS, die Auflösung der Sonderklassen für schwache Schüler und deren «Integration» in Regelklassen, neue, komplizierte Schülerbeurteilungen, Frühfranzösisch und Frühenglisch: Diese und andere Reformvorhaben zielten laut Pichard «an den eigentlichen Problemen der Schule vorbei. Oder sie sind nicht realisierbar.» Zu den «wirklichen Problemen» zähle das «strukturelle Analphabetentum»: Fünfzehn bis achtzehn Prozent der Schüler, die nach neun Jahren die Schule verlassen, können nicht genügend lesen und schreiben.
Pichard beobachtet einen «Konflikt zwischen Lehrpersonen und Bildungsbürokratie». Während Politik und Verwaltung die Schule umzukrempeln versuchen, beginnt sich die Basis gegen die von oben verordneten Reformen zu wehren. Im Kanton Bern durchaus mit gewissen Erfolgen: Die neue Schülerbeurteilung «Schübe» wurde, da nicht praxistauglich, nach vehementen Protesten und einer Unterschriftensammlung der Lehrer rückgängig gemacht.
Die Entfremdung zwischen Lehrern und Verwaltung wächst. Symptomatisch sind einige Vorkommnisse in der Stadt Biel. Beispiel eins: Die Schuldirektion kündigte allen Schulleitungsmitgliedern und unterwarf zum Teil langjährige Kaderangestellte einem umfassenden Bewerbungsverfahren. Dabei mussten sie über ihre Einstellung zu den «geplanten Schulreformen» Auskunft geben. Die Gesinnungsprüfung führte zu Beschwerden und einem geharnischten Brief der Gewerkschaft VPOD. Pichard: «Die Einführung von Schulleitungen mit weitreichenden Kompetenzen nützen die Bildungsbürokraten dazu, Erfüllungsgehilfen für ihre behördliche Wunschprosa einzusetzen.»
Beispiel zwei: Die Schuldirektion wollte zweisprachige Klassen einführen — die Lehrer hielten dagegen. Das Projekt wurde verschoben, der Ausgang ist unklar.
Beispiel drei: Die Stadt versuchte die «Integration» der Sonderschüler sofort umzusetzen, flächendeckend. Die Lehrer probten den Widerstand. Das Tempo wurde gedrosselt. «Man schaut jetzt, was möglich ist, und versucht es in kleinen Schritten», sagt Alain Pichard.
Evelyne Gut-Hänggi, Leiterin Kriseninterventionsstelle Basel-Stadt - Basel-Stadt hat als einer der ersten Kantone bereits heute die vollständige «Integration» der Sonderschüler verwirklicht (und zwar in der fünften, sechsten und siebten Klasse). Als Leiterin der Kriseninterventionsstelle, bei der Schüler landen, die in der Klasse nicht mehr tragbar sind, macht Evelyne Gut-Hänggi täglich Erfahrungen mit dem Modell, das landesweit eingeführt werden soll – eine Art Blick in die Zukunft. Sie sagt: «Seit der Einführung der vollen Integration auf der Mittelstufe ist die Zahl der Fälle stark gestiegen.»
Besonders das Fachlehrersystem mache den schwierigen und lernschwachen Schülern zu schaffen. Sie brauchten einen Klassenlehrer als Bezugsperson, zu der sie ein emotionales Verhältnis aufbauen könnten. Häufig fehle die Unterstützung von zu Hause: getrennt lebende Eltern, «Migrationshintergrund», «Bildungsferne». «Wir nennen solche Kinder ‹Indikationspatienten›. An ihnen kann man ablesen, was im Umfeld nicht funktioniert.»
Hanspeter Amstutz, Sekundarlehrer, Bildungsrat, Kantonsrat (EVP), Illnau-Effretikon ZH - Eine wachsende Zahl schwieriger Schüler, praxisuntaugliche Reformen wie die «Integration» lernschwacher und verhaltensauffälliger Schüler in die Normklassen, eine ausufernde Bürokratie: So bestimmt Amstutz, Oberstufenlehrer und Zürcher Bildungsrat, die grössten «Belastungen» im Lehrberuf. Amstutz stellt fest, dass Junglehrer durchschnittlich bloss noch fünf Jahre in ihrem Job blieben. Viele seien überfordert: Mit den offenen Unterrichtsformen, etwa dem Individualisieren, das an den pädagogischen Hochschulen wie ein «Dogma» gelehrt werde, stürzten manche ab: «Was nützen uns die besten pädagogischen Konzepte, wenn die Lehrpersonen unter den vorhandenen Rahmenbedingungen kaum eine Chance haben, diese Ideen erfolgreich umzusetzen?»
Wo immer man sich umhört, eines fällt auf: Der Unmut erfahrener Lehrer hat nichts mit dem Schulegeben an sich zu tun, nicht einmal so sehr mit schwierigen Schülern, sondern mit bürokratischen Zumutungen. Es ist eine bittere Ironie, die Lehrern zu schaffen macht: Verwaltung und Politik, die ihnen das Handwerk durch gute Bedingungen erleichtern sollten, erschweren es.
«Fatale Akademisierung»
Allan Guggenbühl, renommierter Kinderpsychologe, sagt: «Die Situation der Schule ist dramatisch. Sie wird instrumentalisiert durch externe Institutionen, durch Bildungsdirektionen und sogenannte Experten.»
Wie ist es so weit gekommen? Guggenbühl spricht von den «fatalen Folgen» einer «Akademisierung»: «Die Schule muss als Experimentierfeld für eine akademische Elite herhalten, die von der Praxis keine Ahnung hat.»
Als ermutigendes Zeichen werten es Lehrer, dass mit Guggenbühl ein Wissenschaftler ihre Sprache spricht. Die Unterstützung für die Anliegen der Basis wächst: Guggenbühl hat ein Diskussionsforum über Schulfragen angeregt (www.kindgerechte-schule.ch).
«Mündige Lehrpersonen verschaffen sich Gehör!», fordert ein Forumsteilnehmer. Ein anderer schreibt: «Wie oft hat mir als Lehrer einfach die Zeit gefehlt, das zu verwirklichen, was ich geplant hatte. In den letzten Jahren kamen laufend neue Aufgaben auf die Schule zu. Wo blieb das Kerngeschäft? Weitgehend auf der Strecke.»
Der Beitrag einer Lehrerin: «Wir sind stolz auf unsere Volksschule. Aber haben wir wirklich eine Volksschule? Eine Volksschule müsste vor allem an der Basis von den Lehrpersonen gestaltet werden, nicht von den Bildungsbürokraten. Eine Volksschule müsste für die Bedürfnisse der Kinder da sein, nicht für die Profilierung von PolitikerInnen.»
Signale des Widerstands
Beim Forum «Kindgerechte Schule» arbeiten Vertreter von Lehrerorganisationen mit, etwa Hansruedi Hottinger, Vizepräsident der Schweizer Sekundarlehrkräfte (Sek I CH). Hottinger diagnostiziert eine «Bildungsblase»: «Man glaubt heute, mit technokratischen Mitteln Bildung und Erziehung organisieren zu können. Aber diese Rechung geht nicht auf.»
Lehrerverbände, die bisher zu allen Reformen ja sagten, beginnen die Anliegen ihrer Klientel ernst zu nehmen. Aus den Kantonen kommen Signale des Widerstands, aus dem Aargau beispielsweise oder aus Baselland. Dort hat sich der Lehrerinnen- und Lehrerverein (LVB) gegen HarmoS, gegen den Bildungsraum Nordwestschweiz (eine «Schreibtischtat») und gegen die «Integration» behinderter Kinder in die Regelklassen ausgesprochen. Die Mitglieder haben je dreissig Franken einbezahlt, damit der Verein für Protestaktionen gewappnet ist.
Die Realität ist längst im Schulzimmer angekommen. Wer eine funktionsfähige Schule will, kommt um die Erfahrungen der Praktiker schwerlich herum.
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Sonntag, 11. Mai 2008
Mobbing gegen Lehrkräfte
Provozierter Lehrer rastet aus
Schüler Stöße versetzt, wegen Körperverletzung verurteilt - Mütter starten "Haberfeldtreiben"
Sie schikanierten ihn bis zur Weißglut. Da rastete ein erfahrener Schwandorfer Lehrer aus und tat etwas, das er nie hätte tun dürfen. Der 54-Jährige ging tätlich gegen einen 14-jährigen Schüler vor und versetzte ihm mehrere heftige Stöße. Gestern wurde er deswegen vom Schwandorfer Amtsrichter Walter Leupold zu 3500 Euro Geldstrafe verurteilt.
Der Lehrer Rudolf H. hat sich am Donnerstag hingestellt und freiweg bekannt: "Ich hätte das niemals machen dürfen". Er schilderte aber auch, wie er im Juli 2005 mit 67 Jungen und Mädchen ins Schullandheim nach Borkum reiste, was dort ablief und welchen Belastungen er sich ausgesetzt sah. Provokation ein ums andere Mal, rüdes Benehmen, mahnende Worte zwecklos.
Nur wenige Stunden vor der Abreise wurde dann sogar um zwei Cola gewettet, wer es wohl schaffen würde, den Pädagogen mit lauten Rufen seines Vornamens vollends aus der Fassung zu bringen. Da ging Rudolf H. in das Zimmer, in dem sich mehrere Burschen aufhielten, griff sich den Rufer, versetzte ihm mehrere heftige "Pferdeküsse". Gleich danach tat es ihm leid. Dem Schüler auch. Es gab gegenseitige Entschuldigungen.
Hoch qualifizierter Lehrer
Einen Tag später war in Schwandorf der Teufel los. Die Polizei nahm die Anzeige der Mutter des Schülers entgegen, in der Schule herrschte helle Aufregung. Der 54-Jährige befindet sich seither im Krankenstand. Ob er damals schon krank war, ist ungewiss. Fest steht allerdings, dass er es endgültig wurde, als gegen ihn etwas einsetzte, das der Amtsgerichtsdirektor Walter Leupold jetzt als "Haberfeldtreiben" bezeichnete.
Mütter solidarisierten sich, zum aktuellen Fall wurde noch ein weiterer aus der Schublade gezogen. Drei Jahre zuvor soll der Lehrer, den seine Rektorin gestern als hoch qualifiziert schilderte, schon einmal einen Schüler gepackt und am Hals vor die Türe gezerrt haben. Der Junge erinnerte sich jetzt an die fragliche Unterrichtsstunde, seine Eltern wollen mit Rudolf H. und einem weiteren Lehrer später geredet haben. Allerdings: Dieser Lehrer sagte gestern als Zeuge, es könne nicht sein, dass H. den fraglichen Schüler auch nur eine Stunde unterrichtet habe.
Während Rudolf H. ("31 Jahre habe ich funktioniert, ein Mal war ich von der Rolle") nicht mehr unterrichtete, kam eine von mehreren Müttern ausgelöste Maschinerie ins Rollen, die darauf ausgerichtet war, ihn menschlich, familiär und psychisch zu ruinieren. Plötzlich standen Frauen mitsamt Kindern vor seinem Haus, hatten einen Fernsehreporter mitgebracht. Als H. nichts sagen wollte, wurde eine Wochenzeitung eingeschaltet, wo er sich anschließend mit voller Namensnennung abgedruckt fand.
Verzicht auf Rechtsmittel
All das berücksichtigten Richter und Staatsanwalt jetzt. Nach fünf Stunden Verhandlungsdauer schlug der Vorsitzende Leupold vor, die Dinge zu einem Ende zu bringen. Wegen Körperverletzung im Amt muss Rudolf H. jetzt 3500 Euro zahlen. Im Strafbefehl, gegen den er Einspruch erhoben hatte, waren 14 400 Euro ausgesprochen worden. Rudolf H. akzeptierte seine Ahndung noch im Gerichtssaal, auch Oberstaatsanwalt Harald Riedel verzichtete auf Rechtsmittel.
In seiner Urteilsbegründung sagte Richter Leupold: "Man muss sehen, was gegen den Mann in Gang gesetzt wurde. Das kann nicht richtig sein. So etwas gräbt sich in die Seele".
Schüler Stöße versetzt, wegen Körperverletzung verurteilt - Mütter starten "Haberfeldtreiben"
Sie schikanierten ihn bis zur Weißglut. Da rastete ein erfahrener Schwandorfer Lehrer aus und tat etwas, das er nie hätte tun dürfen. Der 54-Jährige ging tätlich gegen einen 14-jährigen Schüler vor und versetzte ihm mehrere heftige Stöße. Gestern wurde er deswegen vom Schwandorfer Amtsrichter Walter Leupold zu 3500 Euro Geldstrafe verurteilt.
Der Lehrer Rudolf H. hat sich am Donnerstag hingestellt und freiweg bekannt: "Ich hätte das niemals machen dürfen". Er schilderte aber auch, wie er im Juli 2005 mit 67 Jungen und Mädchen ins Schullandheim nach Borkum reiste, was dort ablief und welchen Belastungen er sich ausgesetzt sah. Provokation ein ums andere Mal, rüdes Benehmen, mahnende Worte zwecklos.
Nur wenige Stunden vor der Abreise wurde dann sogar um zwei Cola gewettet, wer es wohl schaffen würde, den Pädagogen mit lauten Rufen seines Vornamens vollends aus der Fassung zu bringen. Da ging Rudolf H. in das Zimmer, in dem sich mehrere Burschen aufhielten, griff sich den Rufer, versetzte ihm mehrere heftige "Pferdeküsse". Gleich danach tat es ihm leid. Dem Schüler auch. Es gab gegenseitige Entschuldigungen.
Hoch qualifizierter Lehrer
Einen Tag später war in Schwandorf der Teufel los. Die Polizei nahm die Anzeige der Mutter des Schülers entgegen, in der Schule herrschte helle Aufregung. Der 54-Jährige befindet sich seither im Krankenstand. Ob er damals schon krank war, ist ungewiss. Fest steht allerdings, dass er es endgültig wurde, als gegen ihn etwas einsetzte, das der Amtsgerichtsdirektor Walter Leupold jetzt als "Haberfeldtreiben" bezeichnete.
Mütter solidarisierten sich, zum aktuellen Fall wurde noch ein weiterer aus der Schublade gezogen. Drei Jahre zuvor soll der Lehrer, den seine Rektorin gestern als hoch qualifiziert schilderte, schon einmal einen Schüler gepackt und am Hals vor die Türe gezerrt haben. Der Junge erinnerte sich jetzt an die fragliche Unterrichtsstunde, seine Eltern wollen mit Rudolf H. und einem weiteren Lehrer später geredet haben. Allerdings: Dieser Lehrer sagte gestern als Zeuge, es könne nicht sein, dass H. den fraglichen Schüler auch nur eine Stunde unterrichtet habe.
Während Rudolf H. ("31 Jahre habe ich funktioniert, ein Mal war ich von der Rolle") nicht mehr unterrichtete, kam eine von mehreren Müttern ausgelöste Maschinerie ins Rollen, die darauf ausgerichtet war, ihn menschlich, familiär und psychisch zu ruinieren. Plötzlich standen Frauen mitsamt Kindern vor seinem Haus, hatten einen Fernsehreporter mitgebracht. Als H. nichts sagen wollte, wurde eine Wochenzeitung eingeschaltet, wo er sich anschließend mit voller Namensnennung abgedruckt fand.
Verzicht auf Rechtsmittel
All das berücksichtigten Richter und Staatsanwalt jetzt. Nach fünf Stunden Verhandlungsdauer schlug der Vorsitzende Leupold vor, die Dinge zu einem Ende zu bringen. Wegen Körperverletzung im Amt muss Rudolf H. jetzt 3500 Euro zahlen. Im Strafbefehl, gegen den er Einspruch erhoben hatte, waren 14 400 Euro ausgesprochen worden. Rudolf H. akzeptierte seine Ahndung noch im Gerichtssaal, auch Oberstaatsanwalt Harald Riedel verzichtete auf Rechtsmittel.
In seiner Urteilsbegründung sagte Richter Leupold: "Man muss sehen, was gegen den Mann in Gang gesetzt wurde. Das kann nicht richtig sein. So etwas gräbt sich in die Seele".
Mittwoch, 6. Februar 2008
Provokation, Reaktion, Denunziation
Elfjähriger nennt Lehrer «Arschloch»
Der französische Regierungschef François Fillon hat sich hinter einen Lehrer gestellt, der im Klassenzimmer einen Schüler geohrfeigt hat. Der Schüler hätte ihn massiv provoziert.
«Es ist nicht hinnehmbar, dass ein Schüler einen Lehrer als Arschloch bezeichnet», sagte Fillon am Mittwochmorgen im Radiosender RMC. Dafür habe der Schüler eine härtere Strafe verdient, als drei Tage vom Unterricht ausgeschlossen zu werden.
Es sei «nie eine gute Lösung», einen Schüler zu ohrfeigen. Aber die Lehrer bräuchten «ein wenig Disziplin und ein wenig Respekt», um ihren Unterricht abhalten zu können. «Ja, ich unterstütze diesen Lehrer», betonte der Regierungschef. Der Pädagoge musste wegen der Ohrfeige 48 Stunden in Polizeigewahrsam verbringen und steht im März vor Gericht.
Fillon sagte, es stehe ihm nicht zu, über die Justiz zu urteilen. Aber «offen gesagt, als Bürger und als Vater von Schulkindern schockiert es mich», dass der Lehrer in Polizeigewahrsam genommen wurde.
Zu dem Zwischenfall in der Klasse kam es, nachdem der Lehrer sich über die Unordnung auf einem Tisch beschwert hatte. Darauf bezeichnete ein Elfjähriger ihn als «Arschloch», worauf der Lehrer dem Jungen eine Ohrfeige verpasste. Der Vater des Schülers, ein Polizist, zeigte den Lehrer wegen schwerer Tätlichkeit an.
In Frankreich sind körperliche Strafen auch in Familien noch weit verbreitet. In einer im Dezember veröffentlichten Umfrage der Europäischen Familienunion (UFE) gaben neun von zehn Eltern an, ihr Kind bisweilen geschlagen zu haben.
Quelle: SDA/ATS
Der französische Regierungschef François Fillon hat sich hinter einen Lehrer gestellt, der im Klassenzimmer einen Schüler geohrfeigt hat. Der Schüler hätte ihn massiv provoziert.
«Es ist nicht hinnehmbar, dass ein Schüler einen Lehrer als Arschloch bezeichnet», sagte Fillon am Mittwochmorgen im Radiosender RMC. Dafür habe der Schüler eine härtere Strafe verdient, als drei Tage vom Unterricht ausgeschlossen zu werden.
Es sei «nie eine gute Lösung», einen Schüler zu ohrfeigen. Aber die Lehrer bräuchten «ein wenig Disziplin und ein wenig Respekt», um ihren Unterricht abhalten zu können. «Ja, ich unterstütze diesen Lehrer», betonte der Regierungschef. Der Pädagoge musste wegen der Ohrfeige 48 Stunden in Polizeigewahrsam verbringen und steht im März vor Gericht.
Fillon sagte, es stehe ihm nicht zu, über die Justiz zu urteilen. Aber «offen gesagt, als Bürger und als Vater von Schulkindern schockiert es mich», dass der Lehrer in Polizeigewahrsam genommen wurde.
Zu dem Zwischenfall in der Klasse kam es, nachdem der Lehrer sich über die Unordnung auf einem Tisch beschwert hatte. Darauf bezeichnete ein Elfjähriger ihn als «Arschloch», worauf der Lehrer dem Jungen eine Ohrfeige verpasste. Der Vater des Schülers, ein Polizist, zeigte den Lehrer wegen schwerer Tätlichkeit an.
In Frankreich sind körperliche Strafen auch in Familien noch weit verbreitet. In einer im Dezember veröffentlichten Umfrage der Europäischen Familienunion (UFE) gaben neun von zehn Eltern an, ihr Kind bisweilen geschlagen zu haben.
Quelle: SDA/ATS
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Montag, 24. Dezember 2007
Mobbing gegen Lehrer
CYBER-MOBBING GEGEN LEHRER
Von Schülern verhöhnt - und die ganze Welt sieht zu
Von Barbara Hans
Schüler filmen das Dekolleté ihrer Lehrerin, ziehen ihrem Lehrer die Hose runter - und kurz darauf stehen die Videos im Internet. Cyber-Bullying heißt dieser neue Trend aus Großbritannien: Handys und das Netz machen Pädagogen zum Gespött der ganzen Welt.
Er steht mit dem Rücken zur Klasse, beugt sich vor, schreibt etwas an die Tafel. Wie ein Pfeil schießt ein Junge von seinem Platz in der hinteren Ecke des Raumes nach vorn. Er nähert sich dem Mann, umgreift seine Hüften - und zieht ihm die Hose runter. Nach einer Schrecksekunde bückt sich der Lehrer, zieht seine Hose wieder über die Unterhose und stürzt quer durch die Klasse auf den Übeltäter zu.
Mit einem Handy gefilmt, gelangten die Bilder auf die Internetplattform YouTube. Laut Beschreibung des Videos verantwortet ein Schüler aus Cumbernauld nahe Glasgow in Schottland den Streich.
Der Fall hat in Großbritannien Aufsehen erregt. Lehrerverbände diskutieren über das sogenannte Cyber-Bullying - eine Form von Mobbing, bei der technische Geräte wie Handys oder Computer zum Einsatz kommen. Laut der Lehrervereinigung ATL hat diese Form der Belästigung in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen.
"Das Cyber-Bullying hebt eine jahrhundertealte Angelegenheit auf eine neue Ebene", sagt Mary Bousted, die Vorsitzende der Vereinigung. Und das Problem verschärfe sich.
Ein Blick in das Dekolleté der Lehrerin - für jeden sichtbar
Immer häufiger werden Belästigungen von Lehrern mit dem Handy aufgezeichnet und dann im Internet veröffentlicht. Der Einzelne wird dadurch vor einem potentiellen Milliardenpublikum bloßgestellt - weltweit. Und der Schaden für die Betroffenen wächst mit der Zahl der Betrachter.
Manche Aufnahmen gewähren einen Blick in das Dekolleté einer Lehrerin - oder unter ihren Rock. In Extremfällen werden Lehrer per Montage kurzerhand zu Hauptdarstellern in Pornofilmen.
Cyber-Bullying ist vielfältig: Anrufer legen wortlos auf. Pöbler schicken obszöne, einschüchternde SMS oder beleidigende E-Mails, diffamieren ihre Opfer in Chatrooms. Andere machen eben bloßstellende Aufnahmen mit dem Handy. Der Schulstreich mag so alt sein wie die Schule selbst - aber die Technik verändert seinen Charakter und vor allem seine Reichweite. War der Schabernack früher hauptsächlich auf Klassenraum und Schulhof begrenzt, ermöglichen Handy und Computer ein zeit- und grenzenloses Piesacken der Lehrer.
Bei allen Vorteilen der neuen Technik: Die Folgen für die belästigten Lehrer seien verheerend, sagt Lehrervertreterin Bousted. "Sie werden öffentlich gedemütigt. Ihr Ruf wird beschädigt, der berufliche Stolz und das Selbstvertrauen leiden stark." Das Problem mache längst "nicht am Schultor halt". Eine Untersuchung des Verbands ergab, dass 17 Prozent der befragten britischen Lehrer schon einmal mit Hilfe von Handy oder E-Mail belästigt wurden.
Ein überraschendes Ergebnis ist allerdings: Nur ein Drittel der Befragten macht Schüler für die Belästigungen verantwortlich. Weitere Übeltäter sind Kollegen, Vorgesetzte oder gar die Eltern von Schülern. Beim Cyber-Bullying gibt es demnach auch einen breiteren Täterkreis als beim gewöhnlichen Streichespielen.
"Die Forschung steht noch ganz am Anfang"
In Deutschland ist das Thema noch weitgehend unbekannt - zumindest statistisch gesehen. Eine Auflistung solcher Fälle gibt es nicht, entsprechende Informationen müssen nicht gemeldet werden.
Ein europäisches Pilotprojekt soll nun Fakten sammeln. "Teachers in bullying situations" heißt die Teilstudie eines europäischen Kooperationsprojektes, zu der an der Universität Lüneburg geforscht wird. Lehrern werden für die Untersuchung Fallbeispiele vorgelegt und ihre Reaktionen untersucht.
"Dieses Thema ist bislang national wie international kaum bearbeitet", sagt Heinz Witteriede, der das Projekt in Lüneburg als wissenschaftlicher Mitarbeiter koordiniert. Bullying oder Mobbing seien vor allem dadurch gekennzeichnet, dass sie über einen längeren Zeitraum erfolgen. "Wenn es sich um einen einzelnen Vorfall handelt, würde ich nicht davon sprechen." Mobbing zu beweisen ist allerdings schwierig. Es dreht sich um eine schwer objektivierbare Größe: die Wahrnehmung des Einzelnen.
Wenn der Job zur Qual wird
In der Parkklinik Heiligenfeld in Bad Kissingen suchen Pädagogen Hilfe, die die Probleme im Schulalltag nicht mehr ohne professionelle Unterstützung bewältigen können. Chefarzt Erwin Schmitt sagt: "Entscheidend für die Entstehung von chronischem Stress ist das Gefühl, von außen beeinflusst oder gar fremdbestimmt zu werden." Die Arbeit wird dann häufig als Schikane empfunden, der Job zur Qual. "Die Patienten haben das Gefühl, die Situation nicht mehr unter Kontrolle zu haben. Sie sehen keinen Sinn mehr in dem, was sie tun."
Die Gründe für die Belastungen sind zahlreich: Die Klassen werden immer größer, die Eltern immer kritischer, zugleich erziehen sie ihre Kinder immer weniger, und die Kultusbürokratie erlässt immer mehr Auflagen.
Ein Großteil der Lehrer in der Parkklinik leidet unter einer sogenannten Burnout-Depression. "Die Erkrankung wird in den meisten Fällen durch starken beruflichen Stress und nicht durch Veranlagung ausgelöst", sagt Schmitt. Ein konkreter Anlass - wie der Vorfall in der schottischen Schule - sei dann nur noch der Auslöser.
Bei einem Patienten wurde ein Schneeball zum Sinnbild der eigenen Ohnmacht - den hatte ein Schüler dem Lehrer an den Kopf geworfen.
Doch die Lehrer, die sich in Behandlung begeben, haben gute Chancen. In der Therapie werden die Gründe für die Probleme erforscht und praktischer Rat gegeben. "Ein Großteil der Patienten geht wieder zurück in den Schuldienst", sagt Schmitt.
In Großbritannien diskutiert man derweil darüber, wie der Missbrauch technischer Geräte künftig zu verhindern ist. Die "Vereinigung von Lehrern und Dozenten" hat die Betreiber von Internetplattformen dazu aufgerufen, diffamierendes Material umgehend von den Seiten zu entfernen.
Im Fall des entblößten Lehrers aus Schottland funktionierte das, die erste Version wurde von YouTube entfernt - aber erst, nachdem die Bilder um alle Welt gingen. Und in Kopien ist das Video dort immer noch zu finden.
Von Schülern verhöhnt - und die ganze Welt sieht zu
Von Barbara Hans
Schüler filmen das Dekolleté ihrer Lehrerin, ziehen ihrem Lehrer die Hose runter - und kurz darauf stehen die Videos im Internet. Cyber-Bullying heißt dieser neue Trend aus Großbritannien: Handys und das Netz machen Pädagogen zum Gespött der ganzen Welt.
Er steht mit dem Rücken zur Klasse, beugt sich vor, schreibt etwas an die Tafel. Wie ein Pfeil schießt ein Junge von seinem Platz in der hinteren Ecke des Raumes nach vorn. Er nähert sich dem Mann, umgreift seine Hüften - und zieht ihm die Hose runter. Nach einer Schrecksekunde bückt sich der Lehrer, zieht seine Hose wieder über die Unterhose und stürzt quer durch die Klasse auf den Übeltäter zu.
Mit einem Handy gefilmt, gelangten die Bilder auf die Internetplattform YouTube. Laut Beschreibung des Videos verantwortet ein Schüler aus Cumbernauld nahe Glasgow in Schottland den Streich.
Der Fall hat in Großbritannien Aufsehen erregt. Lehrerverbände diskutieren über das sogenannte Cyber-Bullying - eine Form von Mobbing, bei der technische Geräte wie Handys oder Computer zum Einsatz kommen. Laut der Lehrervereinigung ATL hat diese Form der Belästigung in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen.
"Das Cyber-Bullying hebt eine jahrhundertealte Angelegenheit auf eine neue Ebene", sagt Mary Bousted, die Vorsitzende der Vereinigung. Und das Problem verschärfe sich.
Ein Blick in das Dekolleté der Lehrerin - für jeden sichtbar
Immer häufiger werden Belästigungen von Lehrern mit dem Handy aufgezeichnet und dann im Internet veröffentlicht. Der Einzelne wird dadurch vor einem potentiellen Milliardenpublikum bloßgestellt - weltweit. Und der Schaden für die Betroffenen wächst mit der Zahl der Betrachter.
Manche Aufnahmen gewähren einen Blick in das Dekolleté einer Lehrerin - oder unter ihren Rock. In Extremfällen werden Lehrer per Montage kurzerhand zu Hauptdarstellern in Pornofilmen.
Cyber-Bullying ist vielfältig: Anrufer legen wortlos auf. Pöbler schicken obszöne, einschüchternde SMS oder beleidigende E-Mails, diffamieren ihre Opfer in Chatrooms. Andere machen eben bloßstellende Aufnahmen mit dem Handy. Der Schulstreich mag so alt sein wie die Schule selbst - aber die Technik verändert seinen Charakter und vor allem seine Reichweite. War der Schabernack früher hauptsächlich auf Klassenraum und Schulhof begrenzt, ermöglichen Handy und Computer ein zeit- und grenzenloses Piesacken der Lehrer.
Bei allen Vorteilen der neuen Technik: Die Folgen für die belästigten Lehrer seien verheerend, sagt Lehrervertreterin Bousted. "Sie werden öffentlich gedemütigt. Ihr Ruf wird beschädigt, der berufliche Stolz und das Selbstvertrauen leiden stark." Das Problem mache längst "nicht am Schultor halt". Eine Untersuchung des Verbands ergab, dass 17 Prozent der befragten britischen Lehrer schon einmal mit Hilfe von Handy oder E-Mail belästigt wurden.
Ein überraschendes Ergebnis ist allerdings: Nur ein Drittel der Befragten macht Schüler für die Belästigungen verantwortlich. Weitere Übeltäter sind Kollegen, Vorgesetzte oder gar die Eltern von Schülern. Beim Cyber-Bullying gibt es demnach auch einen breiteren Täterkreis als beim gewöhnlichen Streichespielen.
"Die Forschung steht noch ganz am Anfang"
In Deutschland ist das Thema noch weitgehend unbekannt - zumindest statistisch gesehen. Eine Auflistung solcher Fälle gibt es nicht, entsprechende Informationen müssen nicht gemeldet werden.
Ein europäisches Pilotprojekt soll nun Fakten sammeln. "Teachers in bullying situations" heißt die Teilstudie eines europäischen Kooperationsprojektes, zu der an der Universität Lüneburg geforscht wird. Lehrern werden für die Untersuchung Fallbeispiele vorgelegt und ihre Reaktionen untersucht.
"Dieses Thema ist bislang national wie international kaum bearbeitet", sagt Heinz Witteriede, der das Projekt in Lüneburg als wissenschaftlicher Mitarbeiter koordiniert. Bullying oder Mobbing seien vor allem dadurch gekennzeichnet, dass sie über einen längeren Zeitraum erfolgen. "Wenn es sich um einen einzelnen Vorfall handelt, würde ich nicht davon sprechen." Mobbing zu beweisen ist allerdings schwierig. Es dreht sich um eine schwer objektivierbare Größe: die Wahrnehmung des Einzelnen.
Wenn der Job zur Qual wird
In der Parkklinik Heiligenfeld in Bad Kissingen suchen Pädagogen Hilfe, die die Probleme im Schulalltag nicht mehr ohne professionelle Unterstützung bewältigen können. Chefarzt Erwin Schmitt sagt: "Entscheidend für die Entstehung von chronischem Stress ist das Gefühl, von außen beeinflusst oder gar fremdbestimmt zu werden." Die Arbeit wird dann häufig als Schikane empfunden, der Job zur Qual. "Die Patienten haben das Gefühl, die Situation nicht mehr unter Kontrolle zu haben. Sie sehen keinen Sinn mehr in dem, was sie tun."
Die Gründe für die Belastungen sind zahlreich: Die Klassen werden immer größer, die Eltern immer kritischer, zugleich erziehen sie ihre Kinder immer weniger, und die Kultusbürokratie erlässt immer mehr Auflagen.
Ein Großteil der Lehrer in der Parkklinik leidet unter einer sogenannten Burnout-Depression. "Die Erkrankung wird in den meisten Fällen durch starken beruflichen Stress und nicht durch Veranlagung ausgelöst", sagt Schmitt. Ein konkreter Anlass - wie der Vorfall in der schottischen Schule - sei dann nur noch der Auslöser.
Bei einem Patienten wurde ein Schneeball zum Sinnbild der eigenen Ohnmacht - den hatte ein Schüler dem Lehrer an den Kopf geworfen.
Doch die Lehrer, die sich in Behandlung begeben, haben gute Chancen. In der Therapie werden die Gründe für die Probleme erforscht und praktischer Rat gegeben. "Ein Großteil der Patienten geht wieder zurück in den Schuldienst", sagt Schmitt.
In Großbritannien diskutiert man derweil darüber, wie der Missbrauch technischer Geräte künftig zu verhindern ist. Die "Vereinigung von Lehrern und Dozenten" hat die Betreiber von Internetplattformen dazu aufgerufen, diffamierendes Material umgehend von den Seiten zu entfernen.
Im Fall des entblößten Lehrers aus Schottland funktionierte das, die erste Version wurde von YouTube entfernt - aber erst, nachdem die Bilder um alle Welt gingen. Und in Kopien ist das Video dort immer noch zu finden.
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